Willkommen: In Oerlinghausen haben Antonia (l.) und Volker Leonhardt ein Quartiert bei Beate Schäfermeier gefunden. Von dort aus sind die beiden nach Hiddesen gewandert, nach Leopoldstal und nach Bad Driburg. - © Karin Prignitz
Willkommen: In Oerlinghausen haben Antonia (l.) und Volker Leonhardt ein Quartiert bei Beate Schäfermeier gefunden. Von dort aus sind die beiden nach Hiddesen gewandert, nach Leopoldstal und nach Bad Driburg. | © Karin Prignitz

Oerlinghausen Nonnen und Discokugeln bei Nacht

Erlebnis: Vater und Tochter erzählen von ihren Erlebnissen auf der knapp einwöchigen Wanderung ohne Geld und Handy

Karin Prignitz
09.05.2019 | Stand 08.05.2019, 19:22 Uhr

Oerlinghausen. Ein ungewöhnliches Experiment war es, das Volker Leonhardt und seine Tochter Antonia Ende April starteten. Eine Woche ohne Geld und Handy wollten sie wandern, auf ihrer Strecke nach Menschen suchen, die ihnen einen Schlafplatz und etwas zu essen anbieten. Als Gegenleistung wollten sie bei ihren jeweiligen Gastgebern arbeiten. Die zweite Station führte nach Oerlinghausen (die NW berichtete am 1. Mai). Nach ihrer Rückkehr haben beide von ihren weiteren Erlebnissen erzählt. Von Werther aus waren Vater und Tochter gestartet, hatten in einer Studenten-WG in Detmold übernachtet und schließlich in Oerlinghausen den Tipp bekommen, doch einfach mal bei Beate Schäfermeier zu klingeln. Die nahm die beiden spontan auf – und bekam neben netten Gesprächen ihre Regentonne installiert und die Wege gefegt. Noch am Morgen, als der selbstständige Landschaftsbauer (55) und die Tourismusmanagement-Studentin (22) ihre Rucksäcke bereits gepackt hatten, stellte Beate Schäfermeier den Kontakt zu Juliane Arndt in Hiddesen bei Detmold her. "Was braucht man zum Leben?" Vater und Tochter durften im Gemeindehaus übernachten. Und die Pastorin nahm die beiden Wanderer am nächsten Tag ganz spontan mit in den Konfirmandenunterricht. „Was braucht man zum Leben“, wollte sie von den Jugendlichen wissen. „Geld“, lautete eine der Antworten. „Und da kamen wir ins Spiel“, erzählt Antonia Leonhardt. Eine Woche völlig ohne Geld und auch ohne Handy auszukommen, das mochte sich niemand so recht vorstellen. „Aber interessant fanden es die Schüler schon, dass es funktionieren kann.“ Vater und Tochter wurden also als gutes Beispiel präsentiert. „Eine der Konfirmandinnen hat ihrer Mutter von unserer Geschichte erzählt und die hat uns sofort ein kleines Carepaket gepackt“, erzählt Antonia Leonhardt von der spontanen Hilfsbereitschaft. Am Maifeiertag führte die Wanderstrecke in den kleinen Ort Leopoldstal, einen Ortsteil im Süden von Horn Bad-Meinberg. „Frau Arndt ist dem Beispiel von Frau Schäfermeier gefolgt und hat uns dort angemeldet.“ Mit Erfolg. Spaß in der Gemeinschaft der Seligpreisungen Küsterin Anja Stock öffnete ebenfalls das Gemeindehaus. „Dort haben wir dann im Keller direkt unter einer Discokugel geschlafen.“ Mit Isomatten und Schlafsäcken – auf gepolsterten Bänken als Unterlage. Im Landhotel „Gut Rothensiek“ bekamen die beiden zu essen. „Die Geschäftsführerin war zunächst skeptisch“, erzählt Antonia Leonhardt, „aber sie hat uns interessiert empfangen und sich unsere Geschichte angehört.“ Am nächsten Morgen fanden sich Vater und Tochter pünktlich um sieben Uhr in der Früh wieder dort ein, um ihre Gegenleistung zu erbringen. „Wir haben die Terassenmöbel abgeschliffen und lackiert.“ Antonia Leonhardt ging außerdem den Zimmermädchen beim Housekeeping zur Hand. „Dort gibt es 35 echt schicke Zimmer“, schwärmt die 22-Jährige. Von Leopoldstal ging es bei Kälte, Regen und in dichtem Nebel nach Bad Driburg. Das Rathaus war noch geöffnet. Ein Verwaltungsangestellter erinnerte sich an das Gespräch mit Schwester Gudrun Maria, einer Nonne der Gemeinschaft der Seligpreisungen, die zur Briefwahl gekommen war und regte an, es dort zu versuchen. "Wir haben die Etagen gesaugt und gewischt" „Die christlich-katholische Gemeinschaft lebt zusammen mit Brüdern und Laien, um das ganze Volk Gottes zu repräsentieren“, das haben Vater und Tochter während ihres Aufenthaltes erfahren. „Sehr weltoffen, sehr bodenständig, sehr lustig“ sei es gewesen. „Wir konnten die Faszination des Verwaltungsangestellten nachvollziehen“, sagt Antonia Leonhardt. Bis in die Nacht hinein habe man zusammen gesessen und sich ausgetauscht – mit den Schwestern und einem Laien, denn die Brüder weilten gerade auf Sizilien. Am Morgen danach wurde der angekündigte Dienst geleistet. „Wir haben die Arbeiten der Brüder übernommen, die Etagen gesaugt und gewischt“, erzählt Antonia Leonhardt. Nach diesem so unvergesslichen Erlebnis, entschlossen sich Vater und Tochter, ihre Reise einen Tag früher zu beenden. Mit dem Zug ging es zurück nach Havixbeck. „Um eine Verbindung herauszusuchen, haben wir zum ersten Mal wieder das Handy benutzt.“ Auch der 20-Euro-Schein für den Notfall ist während der gesamten Wanderung unberührt geblieben. „Ich denke schon, dass wir es es in ähnlicher Weise wiederholen werden“, sagen die beiden Leonhardts. Wie genau, das wollen sie sich noch überlegen.

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