Niklas Luhmann: Der bekannte Soziologe ist ein ebenso liebenswerter wir provokativer Denker gewesen. Sein umfangreiches Werk ist nach wir vor aktuell. Hier ist der Wissenschaftler, der lange an der Universität Bielefeld gelehrt hat, bei einem seiner vielen Vorträge vor einer Tafel zu sehen. Das Foto hängt im Niklas-Luhmann-Gymnasium. - © Karin Prignitz
Niklas Luhmann: Der bekannte Soziologe ist ein ebenso liebenswerter wir provokativer Denker gewesen. Sein umfangreiches Werk ist nach wir vor aktuell. Hier ist der Wissenschaftler, der lange an der Universität Bielefeld gelehrt hat, bei einem seiner vielen Vorträge vor einer Tafel zu sehen. Das Foto hängt im Niklas-Luhmann-Gymnasium. | © Karin Prignitz

Oerlinghausen Zum Todestag des Soziologen Niklas Luhmann

Der weltbekannte Gesellschaftstheoretiker ist vor 20 Jahren in Oerlinghausen verstorben. Er hat drei Jahrzehnte in der Bergstadt gelebt.

Karin Prignitz

Oerlinghausen. Die berühmten Zettelkästen waren und sind sein Markenzeichen. In den kleinen Kästen aus hellem Buchenholz hat Soziologe Niklas Luhmann auf annähernd 90.000 Zettelchen seine Gedanken und Überlegungen handschriftlich gesammelt- als Gedächtnisstütze, nach Themen sortiert und mit Verweisen auf andere Zettel. Quasi der Vorläufer des Computers. Luhmann, der von 1968 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1993 an der Uni Bielefeld lehrte und forschte und dessen Lebenswerk eine allgemeine und umfassende Theorie der Gesellschaft ist, lebte rund drei Jahrzehnte in Oerlinghausen. Am 6. November 1998 ist er im Alter von 70 Jahren in der Bergstadt verstorben und auf dem Friedhof in Lipperreihe beerdigt worden. Im Jahr 2000 erhielt das Städtische Gymnasium seinen Namen. Eine Herzensangelegenheit des damaligen Leiters Friedrich Mahlmann. Eine Entscheidung, die seinerzeit nicht unumstritten war. Vor allem deshalb, weil das komplexe Werk Niklas Luhmanns als schwer verständlich gilt und er im öffentlichen Leben der Bergstadt kaum eine Rolle spielte. Anlässlich des 20. Todestages des bekannten Soziologen hat die Neue Westfälische bei der Stadt, im Gymnasium, bei Schülern und einem Soziologen nachgehorcht, wie sie aus ganz unterschiedlichen Sichtweisen das Werk Luhmanns und seine Bedeutung für die Stadt sehen. SOZIOLOGE JOHANNES STEFAN MÜLLER „Aus meiner Sicht ist der Soziologe Niklas Luhmann mit seiner ausgefeilten und plausiblen Theorie der Gesellschaft einer der wichtigsten und wirkungsmächtigsten Denker des 20. Jahrhunderts. Er gilt als der König der Theorie, um nicht zu sagen als Superstar. Die Person Niklas Luhmanns trat hinter seinem gigantischen Werk auffällig zurück. Er galt unter Kennern mit seinem trockenen und geistreichen Humor als einer der größten Humoristen seiner Zunft, wenn nicht der Wissenschaft überhaupt. Er war neben seiner Tätigkeit an der Universität Bielefeld ein begehrter Gesprächspartner in Presse, Funk und Fernsehen. Ein liebenswerter, ein inspirierender und provozierender Denker ist vor 20 Jahren hier in Oerlinghausen zu früh von uns gegangen. Sein umfangreiches theoretisches Werk aber kommuniziert weiter.“ KATRIN TEBBEN, LEITERIN DES NIKLAS-LUHMANN-GYMNASIUMS Der Name Niklas Luhmann sollte allen am Schulleben Beteiligten Identität stiften. Der ursprüngliche Name Städtisches Gymnasium Oerlinghausen klingt dagegen doch sehr nichtssagend. Durch Niklas Luhmann wurde ein Bezug zur Stadt Oerlinghausen geschaffen, da er hier gelebt hat. Niklas Luhmann hat die Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld entscheidend geprägt. Sein Name steht auch für die Nähe der Schule zu den Gesellschaftswissenschaften und zur Universität Bielefeld. Diese Aspekte gelten auch heute noch. Der Name zeigt unsere enge Verbundenheit mit der Stadt Oerlinghausen und wirkt identitätsstiftend. Nach Niklas Luhmann ist kein weiteres Gymnasium benannt. Der Bezug zu Gesellschaftswissenschaften wird durch Leistungskurse in Sozialwissenschaften und Erziehungswissenschaften deutlich. Die extrem theoretische Arbeitsweise von Niklas Luhmann macht es unseren Schülerinnen und Schülern schwer, sich mit ihm inhaltlich auseinanderzusetzen. Daher findet dies eher selten im Unterricht statt. Dennoch erscheint seine Lebensführung auch heute noch vorbildlich. Mit seinem Werdegang vom Juristen und Verwaltungswissenschaftler zum viel publizierten Professor für Soziologie ist er ein Vorbild für lebenslanges Lernen. BÜRGERMEISTERDIRK BECKER Die Stadt Oerlinghausen kann stolz darauf sein, dass ein solch weltweit anerkannter Wissenschaftler so lange hier beheimatet war. Die Beziehung zu Oerlinghausen und seine Lebensleistung haben im Jahr 2000 dazu geführt, dass sich die Schulkonferenz des einstigen Städtischen Gymnasiums Oerlinghausen dafür ausgesprochen hat, der Schule den Namen „Niklas Luhmann“ zu geben. Der Rat ist diesem Vorschlag seinerzeit einstimmen gefolgt. GYMNASIASTEN Schülersprecherin Inga Reckmeyer (17, Q 2), Erdem Haksal (17, Q 2) und Lea Wazinski (18, Q 2) gehen davon aus, dass viele Menschen nicht nur mit Niklas Luhmann, sondern auch mit vielen anderen Schul-Namensgebern kaum etwas anfangen können. Sie selbst haben sich schlau gemacht. „Niklas Luhmann war ein Soziologe, der sein Fachgebiet sehr geprägt hat“, weiß Erdem Haksal. „Er war einer der ersten, die es nach Deutschland gebracht haben.“ Lea Wazinski erinnert daran, dass Luhmann zunächst zur Lufthansa wollte, sich dann aber anders orientieren musste. „Sein Beispiel zeigt uns, dass man auch mit einem Plan B oder C Erfolg haben kann, wenn Plan A nicht funktioniert.“ Das Werk Luhmanns sei grundlegend und immer noch aktuell. Inga Reckmeyer verweist auf ein Foto des Soziologen, das im Verwaltungstrakt hängt. Auch künstlerisch haben sich Schüler mit Niklas Luhmann auseinandergesetzt, wie etwa in der NLG-Mensa zu sehen ist. Der Leistungskurs Sozialwissenschaft wird derzeit von 16 Schülern der Q 2 und von ebenso vielen der Jahrgangsstufe Q 1 besucht.

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