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Bürgermeister Dirk Becker | © Gunter Held

Oerlinghausen Dirk Becker triumphiert in Oerlinghausen

Der SPD-Kandidat setzt sich mit einer deutlichen Mehrheit gegen Amtsinhaberin Ursula Herbort durch

Gunter Held

Oerlinghausen. Vor 40 Jahren gab es eine Bürgerversammlung, in der es um die Tunnelstraße ging. Im Publikum saßen damals zwei Jungs, die von ihren Vätern mit auf die Veranstaltung genommen worden waren. Moderiert wurde die Versammlung vom damaligen Bürgermeister Erich Diekhof. „Einer der Jungs war ich“, sagte Dirk Becker, als klar war, dass er der neue Bürgermeister Oerlinghausens ist. Damals habe er gedacht: Als Bürgermeister für deine Stadt arbeiten – das möchtest du auch einmal machen. Jetzt ist er es. „Es ist die größte Ehre meiner politischen Laufbahn“, sagte Becker mit einem dicken Kloß im Hals – dann kam glücklicherweise der begeisterte Applaus der etwa 400 Bürgerinnen und Bürger, die zur Wahlparty in die Aula des Schulzentrums gekommen waren.Herbort gewinnt keinen Wahlkreis Das überdeutliche Wahlergebnis hatte sich schon nach Auszählung der ersten Wahlergebnisse angekündigt. Der Amtsinhaberin Ursula Herbort war es nicht gelungen, auch nur einen Wahlkreis für sich zu gewinnen. In einer ersten Reaktion – „Ich habe nichts vorbereitet“ – dankte Becker Ursula Herbort, sich fast ein Viertel Jahrhundert für die Stadt engagiert zu haben. „Ich möchte aber auch meine Hand in Richtung CDU ausstrecken, denn ich will ein Bürgermeister für ganz Oerlinghausen sein“, sagte Becker. Erste Gratulantin des neuen Bürgermeisters war Ursula Herbort. „Die Oerlinghauser haben mit der Wahl eine nicht ganz unerwartete demokratische Mehrheitsentscheidung getroffen. In einer durchaus kontroversen Stimmungslage haben wir beide als Kandidaten den Oerlinghausern demokratische Alternativen geboten.“ Sie freue sich auf neue, spannende Aufgaben und dankte insbesondere den Mitarbeitern im Rathaus."Wir fühlen uns bestätigt" Günter Augustin, Fraktionschef der SPD, spürte „nur noch Erleichterung. Ich freue mich, weiter politisch arbeiten zu können. Das wäre bei einem anderen Ergebnis nicht der Fall gewesen. Wir fühlen uns in unserer Arbeit bestätigt.“ Peter Meier, Fraktionsvorsitzender der FDP, sagte: „Ich freue mich aufrichtig, dass ein Wechsel stattgefunden hat. Ich hoffe, dass sich die Gesprächskultur jetzt zum Positiven ändern wird.“ „Die Mehrheit der Wähler hat sich für einen Wechsel an der Spitze entschieden; wir gratulieren Dirk Becker zum neuen Amt und wünschen ihm eine gute Hand für Oerlinghausen. Wir, die CDU Oerlinghausen, haben stets vertrauensvoll und im guten Miteinander mit Ursula Herbort Politik gestalten können, auch bei unbequemen Themen“, sagte Angelika Lindner, Fraktionschefin der CDU. Für die Grünen sagte Ulrike Meusel: „Das Ergebnis spricht für sich. Jetzt muss die Gesprächskultur verbessert werden.“ Andreas Schröder, (Freie Wähler) sprach von einem grandiosen Sieg. Er sagte: „Ursula Herbort hat es geschafft, dass vier Fraktionen sich geeinigt haben und gegen sie angetreten sind.Handlungsfähigkeit der Stadtwerke herstellen Nach seinen Prioritäten gefragt sagte Becker, der das Amt des Bürgermeisters am 20. Oktober antritt: „Mir ist es wichtig, zunächst mit vielen Mitarbeitern der Verwaltung zu sprechen. Dann will ich auf alle Parteien zugehen, so, wie ich es im Wahlkampf angekündigt habe. Und dann ist es mir wichtig, möglichst schnell die Handlungsfähigkeit der Stadtwerke wieder herzustellen und natürlich die Gesprächskultur allgemein zu verbessern.“ Alle Informationen zu den OWL-Wahlen, Reaktionen aus den Rathäusern und Ergebnisse finden Sie hier zum Nachlesen."Wir müssen miteinander reden" Kommentar von Gunter Held "Dass Dirk Becker die Bürgermeisterwahl mit solch einem überragenden Ergebnis gewinnen wird, damit hat er selbst nicht gerechnet. Im Jahre 2009 haben noch 65 Prozent der Wähler der parteilosen Ursula Herbort ihr Vertrauen ausgesprochen. Gestern kam sie auf nicht einmal 30 Prozent. Das ist eine Abstrafung. Doch wie Becker selbst sagt: „Dass ein Neuer kommt, damit allein ist nichts gewonnen.“ Wohl wahr, denn die Probleme, die Oerlinghausen hat, werden sich nicht über Nacht verflüchtigen. Um Lösungen zu finden, muss miteinander gesprochen werden. Politisch kontrovers natürlich, aber immer lösungsorientiert. Das war in zurückliegenden Zeit nicht mehr möglich. Kaum verwunderlich also, dass sich fast alle Parteien für eine Verbesserung der Gesprächskultur aussprechen. Und Becker wird noch deutlicher: „Wir müssen miteinander reden. Dazu brauchen wir keine Rechtsanwälte.“ Aus seiner Arbeit im Bundestag weiß Becker, wie wichtig Kompromisse sind und wie man sie herbeiführt. In Oerlinghausen gilt das für alle Bereiche: Für die Politik ebenso wie für Wirtschaft und Gewerbe, für die Verwaltung ebenso wie für Schulen und ehrenamtliches Engagement. In letzter Zeit ist viel Porzellan zerschlagen worden, und es wird für Becker sicher nicht einfach, dem Vertrauensvorschuss, den er mit seinem Wahlergebnis bekommen hat, auch gerecht zu werden. Doch er hat jetzt alle Möglichkeiten. Die Bürger haben den Wechsel gewollt – das ist unmissverständlich klar. Sie werden zuhören und diskutieren, denn auch das hat Becker schon angekündigt: Die Stadtgespräche, die er im Wahlkampf begonnen hat, wird es in ähnlicher Form auch weiterhin geben. Leicht wird die nächste Zeit nicht sein und seiner Partei sagte er: „Vielleicht werdet gerade ihr es sein, die bedauern, mich aufgestellt zu haben.“ Denn: „Ich bin ein Bürgermeister für alle Oerlinghauser.“ Gelegenheit dazu hat er jetzt." guh@nw.de

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