Stadtgeschichte: Henning (v. l.), Paul, Alexander und Milaine fassen mit der Hilfe von Annegret Müller auf einem Zeitstrahl wichtige historische Errungenschaften Oerlinghausens zusammen. - © Theresa Feldhans
Stadtgeschichte: Henning (v. l.), Paul, Alexander und Milaine fassen mit der Hilfe von Annegret Müller auf einem Zeitstrahl wichtige historische Errungenschaften Oerlinghausens zusammen. | © Theresa Feldhans

Oerlinghausen Hemden mit vorzüglichem Sitz

Altstadtrundgang (3) Durch Nähen emanzipieren

Sigurd Gringel

Oerlinghausen. Bürgervillen, Bruchsteinmauern, versteckte Gassen und Stiegen - die Oerlinghauser Altstadt am Tönsberghang weist einen reichen historischen Schatz auf. Diesen will die NW in einem Rundgang mit Stadtführerin Annegret Müller näher bringen. Neben der Herstellung und dem Handel mit Leinen entwickelte sich in Oerlinghausen auch die Verarbeitung des Leinens. Heinrich Schütte gründete in Oerlinghausen das erste Wäschegeschäft mit Nähereibetrieb. Die von ihm hergestellten Maßhemden sollen einen "vorzüglichen Sitz" gehabt haben. Schütte schnitt die Hemden zu, jeweils eine Näherin fertigte es von der ersten Naht bis zum letzten Knopf. Heinrich Schütte setzte in seiner Näherei auch die ersten mechanischen Nähmaschinen der Bielefelder Firma Phönix ein. Diese hatten noch Hand- oder Fußbetrieb. Im Jahr 1869 eröffnete die Firma Carl David Weber eine Näherei und stellte aus feinen Leinenstoffen Taschentücher und Hauswäsche her. Etwa zur gleichen Zeit entwickelte sich die Firma Heinrich Wilhelm Benkelberg, die seit 1860 als Leinenhandlung bestand, zu einer Wäschefabrik. Bei Benkelberg wurden Hand- und Küchentücher, Bett-, Tisch-, Leibwäsche und später auch Oberhemden hergestellt. Den Verkauf übernahmen sogenannte Reisende, die mit Musterkoffern die Kunden aufsuchten und Bestellungen entgegen nahmen. Um 1900 gehörte die Firma Benkelberg, die 1887 von Georg Settemeyer übernommen worden war, zu den bedeutendsten Wäscheversandgeschäften für Aussteuerartikel und Hotelwäsche in Lippe. Viele Näherinnen arbeiteten in Heimarbeit - auch für Bielefelder Wäschefabriken. 1897 gab es 65 Hemdennähereien in Oerlinghausen. Die Bielefelder Firma Bank unterhielt in Oerlinghausen erst nur eine Ausgabe- und Abnahmestelle für Wäsche. Im Jahr 1909 baute sie eine Fabrik in der Stiftstraße und eröffnete eine Wäschefabrikation als Zweigwerk ihres Bielefelder Betriebs. Hier wurden neueste, elektrisch angetriebene Nähmaschinen aufgestellt und eine Büglerei eingerichtet. Zu diesem Zeitpunkt konnten schon elektrische Maschinen eingesetzt werden, weil es seit 1902 eine Stromversorgung in Oerlinghausen gab. Im Jahr 1918 entwickelte sich aus der Firma Bank die Firma Dornbusch & Co., die Qualitätsoberhemden herstellte. Das Nähen gehörte zu den traditionellen Frauenarbeiten. Die Frauen nähten die Kleidung für den Familienbedarf und besserten sie aus. Einige arbeiteten gegen Lohn für wohlhabende Familien. Mit den ersten Wäschefabriken und Wäscheversandgeschäften stieg der Bedarf an Lohnnäherinnen. Die Arbeit als Wäschenäherin war bei den Oerlinghauser Frauen sehr beliebt. Diese sitzende, saubere Tätigkeit am Wohnort war eine gute Alternative zu der Arbeit in den staubigen, lauten Bielefelder Spinnereien oder Webereien. In der Regel arbeiteten die Frauen nur so lange ganztags in der Fabrik, bis sie verheiratet waren. Nach ihrer Heirat arbeiteten viele als Heimarbeiterinnen weiter. Mit der Arbeit als Wäschenäherin konnten die Oerlinghauser Frauen, die aus Arbeiter- oder Handwerkerfamilien stammten, zum Familieneinkommen beitragen. Dies führte vermutlich zu einem gewissen Selbstbewusstsein und sozialpolitischem Interesse. So nahmen zum Beispiel an einer Versammlung des Oerlinghauser Sozialdemokratischen Arbeitervereins im Jahr 1892 auch 16 Frauen teil. Diese Versammlung löste die örtliche Polizei kurzerhand auf, weil der Polizist noch nicht mit dem lippischen Vereinsgesetz, das auch für Frauen galt, vertraut war. Eine Frau, die politisch und gewerkschaftlich aktiv wurde, war die Wäschenäherin Auguste Bracht (geb. 1875). Nachdem 1918 auch in Lippe das aktive Wahlrecht für Frauen genehmigt worden war, ließ sich Auguste Bracht als Kandidatin der SPD für die Landtagswahlen aufstellen. Nach der Wahl und dem Sieg der SPD im Januar 1919 zog sie als erste weibliche Abgeordnete in den Lippischen Landtag ein. Außerdem war sie viele Jahre Mitglied und Kassiererin einer Gewerkschaft.

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