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Schnelle Ablenkung: Immer jüngere Kinder bekommen von ihren Eltern Smartphones. Die Versuchung, die Geräte nicht nur fürs Telefonieren zu nutzen, sondern Kinder mit Videos ruhig zu halten, ist bei manchen Eltern groß. - © Vivien Tharun
Schnelle Ablenkung: Immer jüngere Kinder bekommen von ihren Eltern Smartphones. Die Versuchung, die Geräte nicht nur fürs Telefonieren zu nutzen, sondern Kinder mit Videos ruhig zu halten, ist bei manchen Eltern groß. | © Vivien Tharun

Warburg Sinn von Tablets für Kitas diskutiert

Die Stadt Paderborn will Geld für Computer-Tablets in Kindergärten bereitstellen. Eine Pädagogin und ein Psychologe äußern sich zu Chancen und Gefahren dieser Medien

Vivien Tharun
16.12.2017 | Stand 15.12.2017, 17:14 Uhr

Warburg. Statt ein Puzzlestück in die Hand zu nehmen, es zu fühlen und an ein passendes anderes Stück zu setzen, streicht ein vierjähriges Kindergartenkind über den Bildschirm eines Tablet-PCs und setzt die Teile nur virtuell zusammen: So könnte es aussehen, wenn sich die neusten Pläne aus dem Kreis Paderborn im Hochstift verbreiten.

„Kita Digital" heißt das Projekt, dass der Jugendhilfeausschuss Paderborn dem entsprechenden Stadtrat mehrheitlich empfiehlt. Die örtliche CDU und FDP möchten, dass 50.000 Euro für „frühkindliche Bildung im Bereich digitaler Medien" bereit gestellt werden. Von diesem Geld können dann unter anderem Computer-Tablets für Kindergärten angeschafft werden.

Kinder lernen den Umgang mit dem Tablet auch zu Hause

Wirtschafter und Politiker befürworten die frühe digitale Medienerziehung, Pädagogen sehen es kritisch, wenn schon die Kleinsten täglich zu Smartphone und Co. greifen, noch bevor sie überhaupt in die Schule gekommen sind.

Ähnlich kritisch sieht es auch Michaele Schrader, die Leiterin des Familienzentrums Arche in Warburg. Für sie wäre es sinnvoll, wenn der Kindergarten ein Ort der realen Erfahrungen bliebe: „Es wäre zwar fatal, der Zeit hinterher zu sein", sagt Schrader. „Doch Kinder haben heutzutage schon zu Hause viel Kontakt zu den neuen Medien. Dort lernen sie den Umgang mit dem Tablet ohnehin."

Schrader sagt, es sei wichtig, gerade jetzt in der medialen Welt, den Kindern einen Rückzugsort zu bieten, wo sie noch ganz Kind, ohne elektronische Geräte, sein dürfen. Versteckspiel im Garten oder Waldspaziergänge wären wichtig, damit sich der Nachwuchs in der Realität verwurzeln könne. Auch der Kinder- und Jugend-Psychotherapeut Florian Bredt von der LWL-Klinik in Marsberg sagt, Kinder sollten erst die Welt mit allen Sinnen erfahren, vor allem, wenn sie noch unter drei Jahren alt sind: „Ab drei Jahren, wird gesagt, ist Mediennutzung in Begleitung Erwachsener im überschaubaren Rahmen möglich", sagt Bredt. „Bei Kindern bis fünf Jahren wird eine Mediennutzung von höchstens 30 Minuten am Tag – und das auch nicht täglich – empfohlen", so der Therapeut.

Wenn von Tablets in Kitas gesprochen wird, sollte sich laut Bredt gefragt werden, ob Kinder über die Nutzung von Tablets mehr und andere Dinge lernen, als sie mit nicht-elektronischen Medien oder Spielen lernen könnten. „Aus meiner Sicht sollte die Nutzung von Tablets in der Kita kontrovers diskutiert werden und der Sinn müsste deutlich werden", sagt Bredt. Auch wäre es bei einer Nutzung von Tablets in der Kita wichtig, dass diese immer von Erzieherinnen begleitet wird und Kinder es gemeinsam bedienen, um im sozialen Kontakt zu bleiben. Übermäßiger Konsum von Medien könne später, wenn Kinder zu Teenagern werden, zu Haltungsschäden, Konzentrationsproblemen, Schlafstörungen, Schwierigkeiten bei realen Kontakten (beispielsweise weil die Fähigkeit Gestik und Mimik zu interpretieren verloren geht) und verschlechterten Schulleistungen führen, sagt Bredt.

Laut Kita-Leiterin Schrader hätten Kleinkinder zudem Probleme damit, die vielen Bilder, die über einen Bildschirm kommen, in kurzer Zeit zu erfassen. Auf diese Reizflut würden die Jüngsten dann entweder aggressiv, nervös oder mit Müdigkeit reagieren, so Schrader. Fatal wäre es, wenn Eltern auf dieses Verhalten damit reagieren, dass sie den Kindern wieder Tablets vorsetzen, um sie zu beruhigen. Informationen zu Medienkompetenz und -sucht im Netz unter: www.klicksafe.de

Information

Auswirkungen und Plakataktion

•Bei Eltern, die ständig ihr Smartphone griffbereit haben, ist es wahrscheinlich, dass der Nachwuchs sich irgendwann ähnlich verhält.
•Kinder von exzessiven Smartphonenutzern können Depressionen und Bindungsstörungen entwickeln, da das Gerät einen höhren Stellenwert als sie zu haben scheint.
•Weil der ständige Mediengebrauch die zwischenmenschliche Kommunikation von Vater, Mutter und Kind negativ beeinflussen kann, hat Mecklenburg-Vorpommern eine weitreichende Plakataktion initiiert.
•Auf den Postern sind Eltern zu sehen, die in verschiedenen Alltagssituationen auf ihr Smartphone, anstatt das eigene Kind achten. Betitelt sind die Bilder mit dem Spruch: „Haben Sie heute schon mit Ihrem Kind gesprochen?".
•Interessierte können sich auf der Internetseite www.medienwissen-mv.de über die Plakataktion und Mediensucht informieren. Dort ist auch eine Umfrage zu finden, die sich speziell an Erzieher richtet.

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