Viel Gesprächsstoff: Die Familienberaterinnen Angelika Vennes und Simone Finkskes nehmen sich viel Zeit für bereits gefundene Pflegefamilien, aber auch für Menschen, die noch nicht wissen, ob sie als Pflegestelle überhaupt infrage kommen. - © Katharina Engelhardt
Viel Gesprächsstoff: Die Familienberaterinnen Angelika Vennes und Simone Finkskes nehmen sich viel Zeit für bereits gefundene Pflegefamilien, aber auch für Menschen, die noch nicht wissen, ob sie als Pflegestelle überhaupt infrage kommen. | © Katharina Engelhardt

Warburg Auch Alleinstehende können zur Pflegefamilie werden

Viele Warburger interessieren sich dafür, ein Pflegekind aufzunehmen. Was es dabei zu beachten gilt und wer als Pflegestelle geeignet ist, erklären die Familienberaterinnen vom Netzwerk Pflegefamilie

Katharina Engelhardt

Warburg. Oft ist dieser eine Augenblick entscheidend: Wenn die Pflegeeltern ihr zukünftiges Pflegekind zum ersten Mal sehen dürfen. Bauchkribbeln, Angst, Erleichterung, Vorfreude und noch vieles mehr und alles davon zugleich. Manchmal springt der Funke nicht über, manchmal stimmt die Chemie nicht. Und die potenziellen Pflegeeltern ringen sich zu einem „Nein" durch. Doch viel häufiger heißt es „Ja" und die Pflegeeltern möchten am liebsten keine Sekunde mehr warten. „Dann ist es ein bisschen wie Liebe auf den ersten Blick", sagen die Familienberaterinnen Simone Finkskes und Angelika Vennes vom Netzwerk Pflegefamilien im Verein VSE NRW, das Ende Dezember sein Warburger Büro an der Hauptstraße bezogen hat. „Eine Bindung, die auf diesem starken Gefühl basiert, wird später auch mehr aushalten als eine, die aus bloßer Vernunft entstanden ist", erklären die Beraterinnen. Sieben Familien aus dem Warburger Raum betreut die Beratungsstelle mittlerweile. „Das Interesse ist sehr groß", sagt Simone Finkskes. Die NW hat deshalb die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema zusammengefasst. WER SICH ALS PFLEGESTELLE BEWERBEN KANN „Da schließen wir niemanden aus", sagt Simone Finkskes. Bewerben können sich kinderlose Paare genauso wie Familien – kinderreiche oder auch solche, in denen die Kinder schon aus dem Haus sind –, und natürlich auch Einzelpersonen, Frauen ebenso wie Männer. Entscheidend ist die generelle Eignung und dass die potenziellen Pflegeeltern ein stabiles Umfeld bieten können. „Wir schauen uns die Bewerber im Einzelfall an, erst dann entscheiden wir", so Finkskes. Entgegen vieler Gerüchte haben übrigens auch gleichgeschlechtliche Paare und alleinerziehende Männer dieselben Chancen wie möglicherweise die Wunschfamilie mit Mama, Papa und einem Geschwisterchen. WELCHE EIGNUNG PFLEGEELTERN MITBRINGEN SOLLTEN „Man sollte verrückt und offen sein", sagt Angelika Vennes vom Pflegenetzwerk. „Das ist die allererste und wichtigste Voraussetzung." Verlangt wird außerdem ein Einblick in das polizeiliche Führungszeugnis, zudem sollte ein Einkommen zum Bestreiten des Lebensunterhalts vorhanden und der Bewerber muss gesund sein. „Wir achten darauf, dass die Pflegeeltern eine gewisse Zuverlässigkeit und Verlässlichkeit ausstrahlen", ergänzt Simone Finkskes. Danach stehen Besuche zu Hause an. „Damit möchten wir uns ein Bild von der Gestaltung der Lebensräume machen." Die Atmosphäre, die Beteiligung der Familienmitglieder und das soziale Umfeld spielen eine Rolle. DER WEG VON DER BEWERBUNG BIS ZUR VERMITTLUNG Insgesamt sollten Bewerber mit sechs Monaten Vorbereitungszeit rechnen. In dieser Phase stehen mehrere Besuche in den privaten Haushalten an. In Gesprächen mit den Familienberatern werden die Bewerber auf die Auseinandersetzung mit schwierigen Themen vorbereitet. Seminare, die sich mit der besonderen Rolle eines Pflegekindes beschäftigen, beispielsweise zum Thema Traumabehandlung, runden diese Phase ab. DIESE KINDER VERMITTELT DAS NETZWERK Vermittelt werden Kinder bereits ab dem Säuglingsalter bis hin ins Teenageralter. Der Schwerpunkt bei der Vermittlung durch das Netzwerk Pflegefamilien liegt auf Kindern ab dem Kindergartenalter. Allen gemeinsam ist ihnen die schwierige Vergangenheit. „Die Kinder stammen aus hochproblematischen Verhältnissen und haben zum Teil traumatische Erfahrungen gemacht", sagt Simone Finkskes. Diese reichen von Gewalt innerhalb der Familie über Alkohol- und Drogenmissbrauch der Eltern bis hin zu Vernachlässigung oder sexuellem Missbrauch. Deshalb handelt es sich bei der Betreuung dieser Kinder um die sogenannte „Sonderpflege". SO SIEHT DER BETREUUNGSBEDARF KONKRET AUS Lange bevor das Netzwerk ein Kind in eine Pflegestelle vermittelt, setzen sich die Familienberater mit dem Kind und seiner Geschichte auseinander: Da werden Fragen geklärt wie beispielsweise, ob es in der neuen Familie Einzelkind sein muss oder ob es besondere pädagogische Betreuung benötigt. „Wenn wir feststellen, dass ein Kind aufgrund seiner Geschichte einen extrem intensiven Bedarf an pädagogischer Begleitung hat, suchen wir eine Familie aus, in der eine Bezugsperson einen pädagogischen Hintergrund aufweist. Das wäre beispielsweise bei einer Erzieherin gegeben, die nicht mehr ihrem Beruf nachgeht, sondern sich zu Hause der Familie widmet." Die meisten Kinder würden aber in Pflegestellen ohne besondere pädagogische Kenntnisse vermittelt. „Begleitende Therapien werden dann selbstverständlich ermöglicht", sagt Angelika Vennes: DAS NETZWERK UNTERSTÜTZT NEUE PFLEGEFAMILIEN Die Familienberater aus dem Warburger Büro des Netzwerks begleiten die Familien intensiv. „Die Beratung und Begleitung findet zu 80 Prozent in den Haushalten der Familie statt", sagt Simone Finkskes. Die Pflegestellen müssen alle vier bis sechs Wochen mit Besuch rechnen, eventuell gibt es auch einen Vormund, der regelmäßig Kontakt hält. „Und wenn es eine Krise gibt, dann ist sie quasi öffentlich, damit müssen die Familien auch zurechtkommen", sagt Simone Finkskes. Zudem arbeiten die Familienberater parallel mit den Herkunftseltern und nehmen hierbei eine wichtige Vermittlerrolle ein. EINE PFLEGESTELLE IST LANGFRISTIG AUSGELEGT Im Regelfall bedeutet das die Betreuung bis zum Erreichen der Volljährigkeit. Kommt es zu einer Vermittlung durch das Netzwerk, ist der Status des Kindes in der Regel geklärt: Eine juristische Klärung zum Sorgerecht und zu einer eventuellen Vormundschaft hat dann schon stattgefunden. „Die Pflegeeltern müssen also nicht in ständiger Sorge leben, dass sie das Kind plötzlich wieder verlieren könnten." Sollte in Einzelfällen der Status ungeklärt sein, wird das natürlich kommuniziert.

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