0
Beamte der Polizeiwache Holzminden halten am 24. Oktober 1991 Totenwache an den mit Flaggen bedeckten Särgen bei einem Trauergottesdienst in Holzminden.
 - © Holger Hollemann/dpa
Beamte der Polizeiwache Holzminden halten am 24. Oktober 1991 Totenwache an den mit Flaggen bedeckten Särgen bei einem Trauergottesdienst in Holzminden.
| © Holger Hollemann/dpa

Holzminden Vor 25 Jahren: Mörder locken Polizisten bei Holzminden mit Notruf in den Tod

Am 12. Oktober 1991 starben Andreas Wilkending und Jörg Lorkowski - ein Rückblick

Amina Vieth
05.10.2016 | Stand 05.10.2016, 18:47 Uhr |

Holzminden. „Gut'n Tach, Meier mein Name. Ich hab'n Wildunfall gehabt." Mit diesem fingierten Notruf lockte Dietmar J. zwei Polizisten in einen mörderischen Hinterhalt im südniedersächsischen Solling. Der Notruf wurde aber nicht nur den Opfern zum Verhängnis, sondern auch dem Täter. Obwohl J. die Stimme verstellt hatte, wurde er identifiziert, als die Aufzeichnung im Radio ausgestrahlt wurde. Am 12. Oktober jährt sich das Verbrechen an den Polizeibeamten Andreas Wilkending und Jörg Lorkowski zum 25. Mal. Ihr Mörder sitzt noch immer hinter Gittern. August-Wilhelm Winsmann muss schlucken, wenn er an den 12. Oktober 1991 zurückdenkt. Der inzwischen pensionierte Beamte leitete damals die Nachtschicht beim Polizeiabschnitt Holzminden. Gegen 2.30 Uhr, so erinnert er sich, meldeten sich die Kollegen der Wache Höxter auf der anderen Weserseite in Nordrhein-Westfalen. Dort war ein Notruf eingegangen, für den Holzminden zuständig war. "Hilde 10-35" meldet sich nicht Von einer Notrufsäule auf einem Waldparkplatz an der Landesstraße 549 im abgelegenen Rottmündetal hatte ein Mann einen Wildunfall gemeldet. Routine im wild- und waldreichen Solling. Winsmann wollte einen Streifenwagen losschicken, als sich Wilkending (34) und Lorkowski (30) meldeten. Die Polizeiobermeister waren mit dem zivilen Dienst-Passat „Hilde 10-35" unterwegs. Auf dem Rückweg von einem Einsatz hörten sie den Funkverkehr mit. „Wir können den übernehmen", sagte Lorkowski, der als Beifahrer das Funkgerät bediente. „Danach haben wir nichts mehr von ihnen gehört", erinnerte sich Winsmann. „Hilde 10-35" sollte sich nie wieder melden. „Zuerst habe ich mir dabei nichts gedacht", sagte Winsmann. „Das Rottmündetal lag in einem Funkloch." Doch dann wurde der Wachhabende unruhig und schickte eine Streife los. Der Parkplatz war leer - kein Unfallwagen, kein verendetes Wild, keine Polizisten. Als der Platz ausgeleuchtet wurde, entdeckten die Beamten dann aber Blutlachen, Gewebeteile, Knochen- und Glassplitter, Patronenhülsen. „Da war klar: Hier muss etwas Schreckliches passiert sein," sagte Winsmann. „Aus allgemeinem Hass auf Polizisten", so sollte das Landgericht Hildesheim später in seinem Urteil feststellen, hatte der zur Tatzeit 29 Jahre alte Maschinenschlosser Dietmar J. aus Bredenborn im Kreis Höxter die ihm unbekannten jungen Familienväter in einen Hinterhalt gelockt und erschossen. Mit einem bei einem Überfall auf Soldaten erbeuteten Schnellfeuergewehr G3 feuerte er aus wenigen Metern Entfernung eine Salve von neun Schüssen auf die arglosen Beamten ab. Fünf Schüsse trafen Wilkending, vier Lorkowski. Mörder an der Stimme erkannt Zusammen mit seinem Bruder M., der ihn zu dem Parkplatz gefahren hatte, packte Dietmar J. die Leichen in das Polizeiauto, fuhr zum Truppenübungsplatz Sennelager bei Bielefeld und verscharrte die Toten dort im Sand. Für die Ermittler blieb der Fall zunächst rätselhaft. Auf der Suche nach den Polizisten begann eine der größten Suchaktionen der Nachkriegsgeschichte. Tausende Einsatzkräfte, Taucher, Hubschrauber und sogar britische Militärjets mit Infrarot-Suchgeräten beteiligten sich - vergeblich. Erst als der Notruf ausgestrahlt wurde und Hörer die Stimme von Dietmar J. erkannten, wurde das Verbrechen aufgeklärt. Dietmar J., sein Bruder M. und ein dritter Bruder wurden von Spezialkräften festgenommen. Zudem wurden Waffen sichergestellt. Dietmar J. legte ein Geständnis ab und verriet den Ort, an dem die toten Polizisten verscharrt waren. Die Tat und der Prozess erregten bundesweit Aufsehen. Der Fall ist vor der Schwurgerichtskammer Hildesheim verhandelt worden. Im Februar 1995 verurteilte das Landgericht Hildesheim den Maschinenschlosser zu lebenslanger Haft. Zudem wurde die besondere Schwere der Schuld festgestellt und Sicherungsverwahrung angeordnet. Sein Bruder M., der Dietmar zu dem Waldparkplatz gefahren hatte, erhielt wegen Beihilfe zehn Jahre Haft. Der dritte Bruder wurde vom Vorwurf der Beihilfe zum Doppelmord freigesprochen, aber wegen anderer Delikte zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Mindestdauer der Haftstrafe endet erst 2018 Die Strafvollstreckungskammer des Landgerichts Lüneburg setzte die Dietmar J.s Mindestdauer der Haft auf 25 Jahre fest. „Und die laufen erst 2018 ab", sagt Christina Pannek, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Hildesheim, auf Anfrage der Neuen Westfälischen. Gezählt werde die Haftdauer ab Haftantritt, erklärt die Erste Staatsanwältin weiter. Somit stelle sich jetzt noch nicht die Frage, ob Dietmar J. entlassen wird oder nicht. Auch wenn eine Sicherungsverwahrung angeordnet ist, bedeute das noch nicht, dass sie auch vollzogen wird. „Vor Ablauf der 25 Jahre wird geprüft, ob die Voraussetzungen für die angeordnete Sicherungsverwahrung noch vorliegen. Bevor die Mindestdauer der Haft um ist, muss eine Entscheidung getroffen werden", so Pannek weiter. Aktuell sei es aber noch nicht so weit. Die Vorgeschichte des „unfassbaren Verbrechens", so sagte es damals der Vorsitzende Richter Ulrich Schmidt, reicht lange zurück. Der Waffen- und Jagdnarr J., der in problematischen Verhältnissen aufwuchs und in Bredenborn isoliert und ohne soziale Kontakte lebte, verlor nach Ärger mit dem Pächter 1984 eine Nebenbeschäftigung als Jagdaufseher. Weil er immer wieder Straftaten beging, etwa Wilderei, verlor er auch seine Jagdberechtigung und die Waffenerlaubnis. Resultat waren eine „wachsende Wut und Hass auf Polizisten" und schließlich der Doppelmord. „Auch nach 25 Jahren ist der Mord an den beiden Polizeibeamten Andreas Wilkending und Jörg Lorkowski insbesondere in der Region Holzminden noch sehr präsent", sagte Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD). „Diese genauso sinnlose wie grausame Tat hat seinerzeit die Menschen in Niedersachsen und ganz Deutschland tief erschüttert. Ich denke zu diesem traurigen Jahrestag insbesondere an die Angehörigen der beiden Familien und an ihre Freunde, für die diese schrecklichen Morde bis heute so viel Schmerz und Leid mit sich brachten." Im Rottmündetal und im Holzmindener Polizeigebäude erinnern Steintafeln an die getöteten Beamten. Die Polizei in Holzminden will am 12. Oktober mit einer nicht öffentlichen Feier ihrer ermordeten Kollegen gedenken. Mit Material von dpa.

realisiert durch evolver group