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Allein gelassen: Um Kinder und Jugendliche zu schützen, hat das Jugendamt im Kreis Höxter verschiedene Möglichkeiten. - © Verwendung weltweit
Allein gelassen: Um Kinder und Jugendliche zu schützen, hat das Jugendamt im Kreis Höxter verschiedene Möglichkeiten. | © Verwendung weltweit

Kreis Höxter Das passiert, wenn das Jugendamt im Kreis Höxter eingreift

Kinderschutz (1): Was passiert wirklich, wenn das Jugendamt vor der Tür steht? Und in welchen Fällen nimmt es die Kinder mit?

Katharina Thiel
26.04.2019 , 06:00 Uhr

Kreis Höxter. Alleine das Wort Jugendamt löst bei vielen Menschen Angst aus. Wenn die Mitarbeiter des Fachbereichs „Familie, Jugend und Soziales" dann vor der Wohnungstür stehen, kann das nur eins bedeuten: Sie nehmen die Kinder mit. Doch das ist nur die letzte von vielen Möglichkeiten, die das Jugendamt hat, um den Kinderschutz zu garantieren.

Die Jugendhilfe im Kreis Höxter ist auf drei Säulen aufgebaut, erklärt Inga Ribbentrup, Abteilungsleiterin Soziale Dienste. Dazu gehören Förderung und Prävention, Hilfe und Schutz. Anträge auf finanzielle Unterstützung, zum Beispiel ein neuer Kicker im Jugendtreff oder Fahrten zum Bundestag, werden im ersten Bereich bearbeitet. Was das Bundeskinderschutzgesetz von 2012 bei der Prävention geändert hat und was das Serviceangebot „Frühe Hilfen im Kreis Höxter" ausmacht, berichtet die NW im zweiten Teil der Serie zum Thema Kinderschutz.

Hilfe im Haushalt

Ist die Erziehung zum Wohl des Kindes nicht mehr gewährleistet, werden verschiedene Hilfen angeboten. „Wir beraten Familien, die sagen, dass sie Schwierigkeiten haben", sagt Ribbentrup. Ihnen werden pädagogische Fachkräfte an die Seite gestellt, die beim Einkaufen, der Ernährung der Familie oder der Hygiene im Haushalt helfen.

„Das machen nicht alles Mitarbeiter des Jugendamtes, sondern der entsprechende Dienstleiter", erklärt Jugendamts-Leiter Klaus Brune. Ambulante oder stationäre Hilfen sowie Vormund- und Pflegschaften gehören ebenfalls dazu. „Mit den Trägern arbeiten wir konzeptionell eng zusammen", sagt Ribbentrup. Weil sich der Bedarf von Familien und das Angebot der jeweiligen Dienstleister stets ändern könne, bestehe ein „enger Austausch" in Arbeitsgruppen, die sich regelmäßig treffen.

Zum Bereich Schutz gehört die sogenannte Inobhutnahme. Dafür müsse eine „akute Gefährdung des Kindes" bevorstehen oder schon stattgefunden haben, sagt Brune. „Wir sind rechtlich in der Lage zu sagen: Dieses Kind geht jetzt mit – auch gegen den Willen der Eltern", so Ribbentrup. Dabei gilt: „Hält das Jugendamt das Tätigwerden des Familiengerichts für erforderlich, so hat es das Gericht anzurufen [...] Besteht eine dringende Gefahr und kann die Entscheidung des Gerichts nicht abgewartet werden, so ist das Jugendamt verpflichtet, das Kind oder den Jugendlichen in Obhut zu nehmen." Das geht aus Paragraf 8a des Sozialgesetzbuches (SGB VIII) hervor.

Anonyme Meldung

Sobald das Jugendamt die Mitteilung über eine „Gefährdungslage" bekommt, reagiert es. „Uns ist eine Meldung zu viel lieber als eine zu wenig", sagt Ribbentrup. Diese Meldungen können auch anonym abgegeben werden – jede werde „aufgenommen, bearbeitet und geprüft." Zu den Gefährdungslagen gehören solche, in denen das Kindeswohl bedroht ist.

„Kinderschutz macht nicht nur sexuellen Missbrauch aus", sagt sie. Auch Vernachlässigung, zum Beispiel unregelmäßige Ernährung oder fehlende Hygiene, sowie seelische und körperliche Misshandlung zählen dazu. Erwachsenenkonflikte ums Kind zwischen Partnern und Autonomiekonflikte, die häufig bei älteren Jugendlichen auftreten, sind ebenfalls Gefährdungslagen.

Mindestens drei Fachkräfte beurteilen die Situation anschließend. „Das macht die Qualität an dieser Stelle aus", so Ribbentrup. Was danach passiert, „hängt sehr von der Meldung ab". Neben einer Kontaktaufnahme zur Familie und eventuellen Maßnahmen sei wichtig: „Es wird immer alles dokumentiert." Sollte keine Kindeswohlgefährdung festgestellt werden, macht das Jugendamt nichts. Weitere Ergebnisse der Beurteilung könnten unter anderem auch ein Hilfeplanverfahren für die Familie, ein Schutzkonzept oder die Inanspruchnahme von Hilfe durch Institutionen sein.

Sensible Daten

Alle Beteiligten können sich sicher sein, dass ihre Namen nicht nach außen dringen, wenn sie das nicht wünschen: „Wir unterliegen dem Sozialdatenschutz. Wir gehen sehr sensibel mit den Daten um", sagt Ribbentrup.

Um als Privatperson bei der Bearbeitung der emotionalen Fälle nicht regelmäßig an psychische Grenzen zu stoßen, legt das Jugendamt viel Wert auf die kollegiale Beratung untereinander. Sie dient der „Entlastung der Mitarbeiter", sagt die Abteilungsleiterin. Zudem gebe es ein qualifiziertes Einarbeitungskonzept und Supervisionen durch externe Kräfte.