Engagiert sich für Flüchtlinge: Malalai Ansari ist Vorsitzende des Vereins „Welcome“ in Höxter. - © Mathias Brüggemann
Engagiert sich für Flüchtlinge: Malalai Ansari ist Vorsitzende des Vereins „Welcome“ in Höxter. | © Mathias Brüggemann

Höxter Von Kabul nach Höxter: Die Geschichte einer Flucht

Malalai Ansari musste zweimal fliehen. Jetzt hilft sie anderen Flüchtlingen

Mathias Brüggemann
23.03.2019 | Stand 23.03.2019, 16:04 Uhr

Höxter. Sie weiß, was es heißt, die Heimat verlassen zu müssen, die Flucht zu ergreifen und in einem fremden Land Fuß zu fassen. In einem Land mit einer völlig anderen Kultur. Ohne die Sprache sprechen zu können. Jetzt hilft sie anderen Flüchtlingen. Malalai Ansari lebt seit 23 Jahren in Deutschland und engagiert sich im Höxteraner Flüchtlingshilfeverein Welcome. Seit dem Sommer vergangenen Jahres ist sie dessen Vorsitzende. „Wir haben schon viel erreicht", sagt sie zufrieden. Besonders freut es sie, wenn Flüchtlinge in Arbeit vermittelt werden, ihre eigene Wohnung beziehen können, die deutsche Sprache gelernt haben. „Wir hatten damals nicht so viel Unterstützung. Wir waren ziemlich auf uns allein gestellt", erinnert sie sich an ihre eigene Flucht. 1996 war das, als die gebürtige Afghanin mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern nach Deutschland kam. Vom Vater nie wieder etwas gehört Genauer gesagt begann ihre Flucht schon zehn Jahre eher. 1986 flüchtete ihre Mutter mit ihren sechs Mädchen vor dem damaligen kommunistischen Regime in Afghanistan von Kabul ins benachbarte Pakistan. Der Vater war vor der kommunistischen Machtübernahme Gouverneur einer Provinz. Von den Kommunisten wurde er abgesetzt und verhaftet. „Ich habe ihn nie wieder gesehen", erzählt Malalai Ansari, „wir wissen bis heute nicht, was mit ihm geschehen ist." In Pakistan lernte sie ihren Mann Said Monir kennen. Sie heirateten und bekamen zwei Kinder. Doch dort konnte die junge Familie nicht bleiben. Die Regierung unterstützte die Taliban, die mittlerweile in Afghanistan die Herrschaft übernommen hatten. „Viele Afghanen wurden dorthin abgeschoben", erzählt Malalai Ansari. Um einer Abschiebung zu entgehen, ging es wieder auf die Flucht. Drei Tage war das Ehepaar mit den vier und drei Jahre alten Kindern unterwegs. „Mit dem Flugzeug ging es über Moskau schließlich nach Frankfurt. Dort haben wir Asyl beantragt." Eine Woche lang musste die Familie im Transitbereich des Flughafens zur Identitätsfeststellung bleiben, bis sie dann nach Minden in eine Flüchtlingsunterkunft gebracht wurde. Von dort ging es nach Bruchhausen, wo die ehemalige Schule zu einer Gemeinschaftsunterkunft umfunktioniert worden war. Zwei Monate später bekamen die Ansaris eine kleine Wohnung in Godelheim. Godelheimer nett und hilfsbereit „Wir wurden in Godelheim sehr gut aufgenommen", erzählt Malalai Ansari, „die Menschen waren sehr nett und hilfsbereit. Wir haben uns von Anfang an dort wohlgefühlt." Und so ist es nicht verwunderlich, dass die Ansaris in Godelheim geblieben sind. „Godelheim ist zu unserer neuen Heimat geworden", sagt die 51-Jährige. Die inzwischen fünfköpfige Familie hat dort mittlerweile ein eigenes Haus bezogen. Doch bis dahin war es ein harter und steiniger Weg. „Anfangs hatten wir auf dem Arbeitsmarkt keine Chance. Viele Dokumente über Studium und Berufsausbildung wurden hier nicht anerkannt", berichtet die studierte Mathematik-Lehrerin. In Holzminden absolvierte sie ein Ingenieurstudium in Baumanagement, das sie 2015 erfolgreich abschloss. Heute ist sie als Konstrukteurin bei der Hallen- und Maschinenbaufirma Elf in Holzminden beschäftigt. Ihr Mann arbeitet als Verfahrensmechaniker bei Arntz-Optibelt in Höxter. Beide haben inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft. Sehnsucht nach der Heimat Obwohl Malalai Ansari und ihre Familie in Deutschland bestens integriert sind, kommt dennoch hin und wieder Sehnsucht nach der ursprünglichen Heimat auf. „Wenn ich sagen würde, ich hätte kein Heimweh, würde ich lügen", gibt sie zu. Gern würde sie ihr Heimatland einmal wiedersehen. Noch sei die Lage zu unsicher. „Ich traue mich nicht, dort hinzufliegen." Und wenn das Heimweh allzu groß wird? „Dann rufe ich meine Cousinen und Cousins an, die in Afghanistan leben." Per Telefon oder Skype wird dann ausgiebig in der Muttersprache geklönt. Oder sie schaut sich die alten Fotos und Zeitungsausschnitte an, die sie heimlich mit auf die Flucht genommen hatte. „Ich habe deshalb mächtig Ärger mit meiner Mutter bekommen, denn wir sollten eigentlich nur das Notwendigste mitnehmen", erinnert sie sich. Heute ist sie froh, diese Erinnerungsstücke zu haben. Besonders wichtig ist es ihr, die afghanischen Traditionen und die Kultur hier zu pflegen und bei den Kindern wachzuhalten. Das „Eid" (Zuckerfest nach dem Ramadan), das Opferfest und das Neujahrsfest im März haben einen großen Stellenwert in der Familie. Aber auch die deutschen Feste feiern die Ansaris. „Ich liebe Weihnachten", sagt die Muslima, denn das sei in Deutschland ein schönes Familienfest. „Und das Godelheimer Schützenfest, da sind wir natürlich immer dabei", sagt sie und lacht.

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