Weitersagen: Gleichstellungsbeauftragte Gaby Böker (v. l.), Helga Niemöller (Frauen- und Kinderschutzhaus), Julia Fabeck (Opferschutz), Mareike Stöver und Marion Nawrath (AWO-Beratungsstelle gegen Gewalt an Frauen) und Chefarzt Dr. Stefan Bettin vor dem Krankenhaus. - © Simone Flörke
Weitersagen: Gleichstellungsbeauftragte Gaby Böker (v. l.), Helga Niemöller (Frauen- und Kinderschutzhaus), Julia Fabeck (Opferschutz), Mareike Stöver und Marion Nawrath (AWO-Beratungsstelle gegen Gewalt an Frauen) und Chefarzt Dr. Stefan Bettin vor dem Krankenhaus. | © Simone Flörke

Höxter Anonyme Spurensicherung nach sexueller Gewalt

Opfer können in der Gynäkologie im St.-Ansgar-Krankenhaus in Höxter gerichtsfest und kostenfrei die Folgen der Tat sichern lassen – für zehn Jahre, falls sie später noch Anzeige erstatten wollen

Höxter. „Lass Spuren sichern": Diese Aufforderung steht auf den druckfrischen Infobroschüren, die jetzt in der Region verteilt werden. Bei Frauenärzten, bei Schulsozialarbeitern, in Krankenhäusern oder Gemeindehäusern. Es geht um die anonyme Spurensicherung nach sexueller Gewalt. Anonym, vertraulich und kostenlos werden die Spuren dieser Gewalttaten – von DNA bis Fotos – auch ohne Einschaltung der Polizei bei einer ärztlichen Untersuchung in der Gynäkologie des St.-Ansgar-Krankenhauses Höxter gerichtsfest gesichert und zehn Jahre im Rechtsmedizinischen Institut in Düsseldorf verwahrt. "Gewalt ist in der Gesellschaft nicht akzeptiert" Für Chefarzt Dr. Stefan Bettin ein immer wichtiger werdender und standardisierter Baustein, um mit seinem Team die Frauen in prekären Situationen aufzufangen, aber gleichzeitig auch die Gesellschaft zu sensibilisieren: „Egal welchen Geschlechts: Gewalt ist in der Gesellschaft nicht akzeptiert." Ein Angebot, das nach Auskunft der Gleichstellungsbeauftragten Gaby Böker (Kreis), eine Lücke im sozialen Netz schließt. Denn nach einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahr 2014 würden deutschlandweit 13 Prozent der weiblichen Jugendlichen und Frauen ab dem 16. Lebensjahr in ihrem Leben mindestens einmal Opfer von sexueller Gewalt im engeren strafrechtlichen Sinne. „Aber nur etwa fünf Prozent der Sexualstraftaten werden zur Anzeige gebracht." Oftmals kämen die Täter aus dem engeren Umfeld Oftmals kämen die Täter aus dem engeren Umfeld, seien Partner oder Ehepartner, Freunde oder Bekannte. Helga Niemöller vom Frauen- und Kinderschutzhaus im Kreis vom Arbeitskreis gegen Gewalt an Frauen und Kindern als einer der Projektpartner in diesem Netzwerk betont, wie stark der Druck auf das Opfer durch sein soziales Umfeld, wie groß Ängste uns Sorgen der Opfer seien. „Nun ist dieser Zwischenschritt möglich." Und das Opfer könne die Kontrolle über das weitere Geschehen wieder in die eigene Hand nehmen. Wenn schon nicht der direkte Weg zur Polizei und damit ein zeitnahes Verfahren, dann zumindest diese Möglichkeit, später auf ermittlungsrelevante Spuren und Angaben zurückgreifen zu können: Das ist nach Ansicht von Julia Fabeck als Opferschutzbeauftragte der Kreispolizeibehörde Höxter für die Opfer in ihren prekären Situationen eine Möglichkeit, zunächst zur Ruhe zu kommen und den nächsten Schritt genau zu überlegen – und sich zu trauen, die Anzeige zu erstatten. Denn erst dann übernehme die Polizei das Verfahren – und können auf die Spuren zurückgreifen.

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