Harmonie von Natur und Architektur: Axel Bruchhäuser vor dem Panorama Porch. - © Christine Longere
Harmonie von Natur und Architektur: Axel Bruchhäuser vor dem Panorama Porch. | © Christine Longere

Lauenförde/Wolfsburg Spurensuche zur britischen Pop Art in Lauenförde

Als Geburtsstunde gilt die Ausstellung von 1956 "This is tomorrow"

Christine Longère

Lauenförde/Wolfsburg. Drei Buchstaben schrieben Geschichte. Auf einer Papiercollage aus dem Jahr 1956 tauchen sie erstmals im Kunstkontext auf. Das Werk des Engländers Richard Hamilton zeigt einen halbnackten Bodybuilder inmitten eines mit den Segnungen des American way of life ausgestatteten Umfelds. In der Hand trägt der Muskelprotz einen rot verpackten Riesenlolli, den unübersehbar die Aufschrift "POP" ziert. Das Bild mit dem sperrigen, einem Werbetext entnommenen Titel "Just what is it that makes today's homes so different, so appealing?" (Was macht die Wohnungen von heute nur so anders, so gefällig?) war ursprünglich als Plakat für die legendäre Ausstellung "This is tomorrow" (Das ist morgen) vom 9. August bis 9. September 1956 in der Whitechapel Art Gallery in London gedacht. Es wurde zur Ikone einer Generation und legte den Grundstein für eine neue Bewegung, die auf Vorgefundenes zurückgriff, Alltägliches reflektierte und in Kunst integrierte. Bei Tecta in Lauenförde, wo jahrzehntelang die gestalterische Avantgarde des 20. Jahrhunderts ein und aus ging, sind Spuren dieser Idee des "as found" (wie gefunden) deutlich sichtbar. Wie kam es zur Erfindung der Pop Art? "Inhaltlich ist das Teil unseres Museums", sagt Axel Bruchhäuser, der den Familienbetrieb Tecta zusammen mit seinem Neffen Christian Drescher leitet. Er traf El Lissitzkys Witwe in Nowosibirsk, Marcel Breuer in New York und Jean Prouvé in Paris. Die Ergebnisse der Zusammenarbeit mit den Bauhaus-Meistern, mit einer Vielzahl von Künstlern wie Peter Keler, Erich Brendel, Mart Stam sind im Kragstuhlmuseum in Lauenförde dokumentiert. "Wir waren daran interessiert, auf der Basis der künstlerischen Empfindung etwas in den Alltag zu übersetzen", weist Bruchhäuser darauf hin, dass über lange Zeit die Funktion, die Realisierung gestalterischer Vorstellungen im Vordergrund gestanden habe. Dabei habe das Prinzip des "as found" eine entscheidende Rolle gespielt: "Das, was vorhanden war, aufzunehmen und mit anderen Augen zu sehen." Als einer der letzten Zeitzeugen sieht der Seniorchef des Unternehmens nun eine wichtige Aufgabe darin, auch den Teil seiner Sammlungen, der bisher in Form zahlloser Protokolle, Notizen, Briefe, Tonbandaufnahmen und vielem mehr verstreut im Verborgenen ruhte, zu sichten und zu ordnen. Erarbeitet werde unter anderem ein Wewerka-Tecta-Werkverzeichnis, das rund 300 Hauptwerke wie etwa den 1987 auf der Documenta 8 in Kassel gezeigten Pavillon und an die tausend teilweise handkolorierte Original-Skizzen umfasse. Stefan Wewerkas Wunsch war es, weitere Künstler für die Zusammenarbeit mit Tecta zu gewinnen. Er stellte den Kontakt her zu dem britischen Architektenpaar Alison und Peter Smithson, das für Tecta Möbel entwarf, das 2003 eröffnete Kragstuhlmuseum plante und das Firmengelände in einen Landschaftspark verwandelte. Durch die Smithsons, die an der bahnbrechenden Ausstellung "This is tomorrow" beteiligt waren, lernte Bruchhäuser auch Hamilton kennen. Dessen Pionierrolle für die Entwicklung eines spartenübergreifenden Kulturphänomens geht aus einem Brief an die Smithsons vom Januar 1957 hervor. Darin unternimmt er den Versuch einer Definition. "Pop Art ist: Populär (für ein Massenpublikum) - vergänglich (kurzfristige Lösung) - zum Verbrauch (schnell vergessen) - billig - Massenprodukt - jung (für die Jugend bestimmt) - witzig - sexy - trickreich - strahlend - großes Geschäft." Mark Godfrey, Kurator einer 2014 gezeigten Hamilton-Retrospektive in der Londoner Tate Gallery, stellt fest: "Es war dieser Brief an die Smithsons, der den Begriff wirklich prägte." In engem Zusammenhang mit der Entwicklung der Bildenden Kunst im England der 50er Jahre steht die von den Smithsons mitbegründete Architekturströmung des Brutalismus, für die das Kragstuhlmuseum mit seiner unverkleideten Installation aus Glas und Stahl ein Beispiel gibt. Die Entwürfe sind das letzte Werk, das Peter Smithson nach dem Tod seiner Frau allein vollendete, die Einweihung erlebte er nicht mehr. Die knallroten Streben des Gitterwerks wollte er verstanden wissen als "eine humorvolle Annäherung an niederdeutsches Fachwerk". Eine Aussage der Smithsons lautet: "Für das Resümee unserer Arbeit brauchen wir nur zwei Wörter: as found." Immer berücksichtigen ihre Gebäude den Kontext, nicht nur die Funktion. Was sie anstreben, ist "die geladene Leere - die Fähigkeit der Architektur, den sie umgebenden Raum mit Energie aufzuladen". Dabei geht es um eine "Architektur des langlebigen Gewebes", die einlädt, "für den Raum um sie herum Verantwortung zu übernehmen". Diese Gedanken wurden in Lauenförde aufs Sinnfälligste verwirklicht. Wie Hamiltons Bild lenkte auch der "Patio and Pavilion" betitelte Beitrag der Smithsons zur Ausstellung von 1956 den Blick auf die banale Ästhetik des Alltäglichen. 60 Jahre später lässt das Kunstmuseum Wolfsburg eine Zukunft, die längst Vergangenheit ist, wieder aufleben. Es plant für die Zeit vom 30. Oktober bis 19. Februar eine umfassende Retrospektive zur Entstehung und Entwicklung der britischen Pop Art. Titel: "This was tomorrow" (Das war morgen). Bestandteil der Ausstellung wird der "Egg-Chair" der Smithsons aus dem Jahr 1956 sein, eine Leihgabe aus dem "Hexenhaus", dem ebenfalls von dem britischen Architektenpaar gestalteten Privathaus Axel Bruchhäusers. Mit behutsam in die umgebende Natur eingefügten Umbau- und Erweiterungsmaßnahmen verwandelten Peter und Alison Smithson das ehemalige Kapitänshaus am Hang unterhalb des Weser-Skywalks bei Würgassen in ein Baukunstwerk. Zusammen mit dem Tecta-Werksgelände und dem Kragstuhlmuseum in unmittelbarer Nachbarschaft bildet es ein Ensemble, das nach dem Urteil des Frankfurter Designhistorikers Jörg Stürzebecher zu den bedeutendsten Architekturmanifestationen der Nachkriegsmoderne in Europa zählt.

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