Die Fotografin Anja Niedringhaus in Rom, 2005. - © dpa
Die Fotografin Anja Niedringhaus in Rom, 2005. | © dpa

Höxter Gespräch mit Anja Niedringhaus 2011: Leben im Sucher

Die Kriegsfotografin und Pulitzer-Preisträgerin hat keine Krisenregion gemieden

Anneke Quasdorf

Die aus Höxter stammende Kriegsfotografin Anja Niedringhaus wurde 2014 in Afghanistan erschossen. Jetzt wird die Pulitzer-Preisträgerin mit einer Ausstellung in Berlin geehrt. Unsere Redakteurin Anneke Quasdorf hat sie 2011 zum Gespräch getroffen. Anlässlich der Ausstellungseröffnung veröffentlichen wir den Artikel erneut. Samstagmorgen, halb sieben. Anja Niedringhaus liegt im Bett und schläft. Bis ein Donnern die Stille durchbricht. Niedringhaus wacht auf, ist schlaftrunken, verwirrt. Denkt, sie träume schlecht. Manchmal verfolgen sie die Erinnerungen an die Belagerung von Sarajevo bis in den Schlaf. Doch der Donner hört nicht auf. Sie springt auf, öffnet die Tür, tritt auf den Balkon - und sieht die brennenden Vororte Bengasis. Es ist der 19. März 2011, und Gaddafis Truppen haben mit dem Sturm auf die Rebellenhochburg im Osten Libyens begonnen. Es ist auch der Tag, an dem Niedringhaus nach sechs Jahren Enthaltsamkeit wieder mit dem Rauchen anfangen wird. Doch das weiß sie jetzt noch nicht. Im Schlafanzug stürzt sie zurück ins Zimmer, holt ihre Kamera und beginnt zu fotografieren. Die Flammen. Den Kampfjet, der über den Himmel schnellt. Noch bevor sie weiß, was geschieht, sieht sie durch den Sucher, wie das Flugzeug plötzlich in Flammen aufgeht und vom Himmel fällt. Sie hält drauf und schießt - klack, klack, klack - eine Serie, bis der Jet in ein Wohnhaus stürzt und explodiert. Die Bilder werden um die Welt gehen. Und nur ein winziger Hinweis verrät, dass sie von einem Menschen stammen, der anschließend durch den Staub um sein Leben gerannt ist, vor Angst geschwitzt und so viel mehr gesehen hat als die schonenden Ausschnitte, die er für die Öffentlichkeit festhielt: die Kennzeichnung AP/Niedringhaus. Seit 20 Jahren fotografiert die 46-Jährige in der ganzen Welt. Seit 2002 arbeitet sie für die Associated Press (AP) und hat dabei kaum einen Bereich ausgelassen: Sport, gesellschaftliche Spitzenereignisse, Anschläge, Demonstrationen. Sie hat George W. Bush abgelichtet, die berühmtesten Sportler und den Papst. Aber ihr Fachgebiet ist der Krieg. Seit Anfang der 90er Jahre gibt es kaum einen Schauplatz, den sie nicht gesehen hat: Kroatien, Bosnien, das Kosovo, den Irak, Afghanistan . . . Sechs Monate im Jahr ist Niedringhaus unterwegs. „Denn wenn ich es nicht fotografiere, dann wird es nicht bekannt.“ Dieses schlichte Credo treibt sie an, sich immer und immer wieder in Lebensgefahr zu begeben. „Es ist das Gefühl, das absolut Richtige zu tun.“ Wer die Fotos betrachtet, der muss ihr zustimmen. Denn es ist unmöglich, sich der Emotionalität dieser Bilder zu verschließen. Leid und Elend zeigt Niedringhaus niemals platt, sondern mit eindringlicher Schonungslosigkeit, die mitten ins Herz trifft. Und dann gibt es - völlig unerwartet - Leichtigkeit und Freude mitten in der Not. Stereotype oder Klischees sprengt sie mühelos auf, offenbart die Verletzlichkeit von Soldaten und die Stärke von Frauen. Es sind Bilder, die auch viel über ihre Schöpferin verraten. Denn aus ihnen spricht eine große Sensibilität. Wie aber schafft es ein solcher Mensch, ohne Traumata dem Elend zu entkommen? Wenn Fragen wie diese kommen, überlegt Niedringhaus lange, und sie antwortet zögerlich, als ob sie sich selbst nicht ganz sicher wäre. „Man gibt viel von seinem Leben. Man gibt . . . viel. Aber die Kamera ist auch ein großer Schutz. Die Konzentration schirmt mich ab gegen die Eindrücke.“ Wie stark diese Ablenkung ist, hat sie vor allem während des Irakkriegs, nach einer Nacht im Krankenhaus von Bagdad, gemerkt. Sie fotografiert und fotografiert. Dann nimmt sie die Kamera herunter - und übergibt sich beinahe sofort. Ein anderer Seelen-Schutz ist ihre Familie, mit der sie auf einem Hof in Kassel lebt: Ihre jüngere Schwester, deren Mann und drei Kinder verankern die Kriegsfotografin im normalen Leben. Doch um der Verpflichtung gerecht zu werden, die sie treibt, hat Niedringhaus Opfer bringen müssen. Eigene Kinder hat sie nicht. „Hätte ich denen sagen sollen: Mutti ist jetzt mal einen Monat in Libyen? Nein!“ Vielleicht ist es auch dieser starke Realitätssinn, der sie schützt. Denn die Augen vor der Gefahr verschließen kann Niedringhaus nicht. „Natürlich macht man sich immer Gedanken: Wie oft will ich meinen Schutzengel noch auf die Probe stellen?“ Das letzte Mal hat sie ihn im September strapaziert. Auf Patrouille in Afghanistan werden die Soldaten, denen sie sich angeschlossen hat, attackiert. Der Trupp marschiert zurück zum Camp, rechts vom Weg stehen Lehmhäuser. Das letzte Bild, das Niedringhaus schießt, zeigt flatternde Hühner über Soldatenhelmen. Später weiß sie: Die Tiere wurden aufgescheucht vom Attentäter. Zwei Granatsplitter entfernen die Ärzte aus ihrer Hüfte. Vier stecken noch drin. Wieder wird ihr klar: Auf ihren Einsätzen fotografiert Niedringhaus keine Szenen - sie steht mittendrin, ist Akteurin und Opfer im Krieg. Aus Libyen ist sie gesund zurückgekommen, und unversehrt. Zwei ihrer Kollegen nicht. Vergangene Woche starben die Kriegsfotografen Chris Hondros und Tim Hetherington in Misrata, getroffen von einer Mörsergranate. Hondros war ein guter Freund von Niedringhaus. Und doch ist schon jetzt klar: Sie wird zurückkehren nach Libyen. Und sie wird wieder aufhören mit dem Rauchen.

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