Neu geordneter Inhalt: Axel Bruchhäuser und Daniela Drescher in der ersten Halle des Kragstuhlmuseums, die Entwicklungsstufen des "hinterbeinlosen Stuhles" zeigt. - © Christine Longère
Neu geordneter Inhalt: Axel Bruchhäuser und Daniela Drescher in der ersten Halle des Kragstuhlmuseums, die Entwicklungsstufen des "hinterbeinlosen Stuhles" zeigt. | © Christine Longère

Lauenförde Die Umgestaltung des Kragstuhlmuseums

Aus dem Schaulager wird eine optisch ansprechende, inhaltlich strukturierte Ausstellung

Christine Longère

Lauenförde. Das "industrielle Gartenreich" war eine Idee des großen preußischen Baumeisters Karl Friedrich Schinkel. "Wir haben sie hier verwirklicht", sagt Axel Bruchhäuser, Seniorchef des Familienunternehmens Tecta, mit Blick auf das in Grün eingebettete Firmengelände in Lauenförde. Der hier nach Entwürfen des bedeutenden britischen Architektenpaares Alison und Peter Smithson entstandene Landschaftspark umfasst Bäume und Wiesen ebenso wie Fertigungs- und Bürogebäude, Stefan Wewerkas Documenta-Pavillon und das Museum "für alles, was kragt". Ziel der in diesem Jahr in Angriff genommenen Neugestaltung ist es, die Einheit von Innen und Außen, von Inhalt und Hülle noch deutlicher zu machen als bisher. Die Dachzeichen, die das Gitterwerk aus Glas und Stahl krönen, markieren Stationen der Designgeschichte des 20. Jahrhunderts, von der Gasrohrkonstruktion Mart Stams bis zum Freischwinger Mies van der Rohes. Ursprünglich sollten sie als weithin sichtbare Symbole für die Verbindung von Gegenwart und Vergangenheit, von Tradition und Fortschritt den First der Burg Beverungen zieren. Der Vorwurf der Verschandelung kam einer Vertreibung des Stuhlmuseums aus dem historischen Bauwerk gleich. Mit dem Ergebnis, dass Lauenförde um ein architektonisches Meisterwerk ersten Ranges und um eine Pilgerstätte für Wissenschaftler aus aller Welt bereichert wurde. "Als wir 2003 das Museum einweihten, waren wir froh, dass das Gebäude fertig war. Eine Konzeption haben wir eigentlich nicht gehabt", erinnert Bruchhäuser an die Anfänge. "Es war ein Schaulager. Jetzt beginnen wir damit, zusammen mit dem Büro Tobias Groß in Köln, den Kommunikationsspezialisten, den Inhalt neu zu strukturieren", erläutert der Firmenchef, der zusammen mit seinem Neffen Christian Drescher das Unternehmen Tecta leitet, worum es aktuell geht. "Wir trennen jetzt quasi die Spreu vom Weizen." Alles, was wirklich wichtig sei, werde optisch neu und informativ aufbereitet. Tatsächlich sei nicht sehr viel aussortiert worden, ergänzt Daniela Drescher, bei Tecta für das Museum zuständig. "Wir sind jetzt in der Lage, die ganze Fläche zu nutzen." Alles Zweitrangige werde aufgehoben in einem Zwischenlager, das Zugriff biete für Ausstellungen. Grundlegende Maßnahme war die Entfernung des Kokosfaserbelages auf dem Fußboden, der durch Fließestrich ersetzt wurde. Das schlichte, einheitliche Grau passt sich dem Stil des Brutalismus an, der kennzeichnend ist für die drei aneinandergereihten, durch einen Schienenstrang verbundenen Hallen. Bruchhäuser weist auf den "Family-Gedanken" hin, der "Ur-Idee des verschachtelten Grundrisses von Peter Smithson" gewesen sei. Die Ausbuchtungen böten Voraussetzungen für die Entstehung kleiner Familien wie beispielsweise die von Marcel Breuer oder Mies van der Rohe mit ihrem jeweiligen Umfeld. "Diese Family-Idee will Tobias Groß dann auch aufgreifen und Zusammengehörigkeit zeigen." Die Urmodelle der Moderne, angefangen von Schinkels gusseisernem Gartenstuhl bis zu Entwürfen aus den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts, dokumentieren im Kragstuhlmuseum ein Kapitel Designgeschichte, das der russische Konstruktivist El Lissitzky mit den visionären Worten ankündigte: "Es kommt das Schweben, Schwingen." Dem konstruktiven Prinzip des Auskragens, der stützenlosen Spannung, gibt das Museum in Lauenförde Raum und Anschaulichkeit. Fertig bis auf die Beschriftungen ist die erste Halle mit den Kragstuhlserien. Eine weitere Halle wird wichtigen Architekten und Künstlern gewidmet sein, mit denen Tecta in den vergangenen 40 Jahren zusammenarbeitete: Jean Prouvé, das Ehepaar Smithson, Stefan Wewerka. Seine Sammlungen einer breiten, an Kunst und Kultur interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist Anliegen Tectas. Geöffnet ist das Kragstuhlmuseum Donnerstag und Freitag 10 bis 12 Uhr und 14 bis 17 Uhr, Samstag 10 bis 14 Uhr, außerhalb der Öffnungszeiten zudem nach Absprache, Tel. (01 76) 64 85 52 02. Station auf den Wegen durch das Land Zum ersten Mal ist das Kragstuhlmuseum in Lauenförde Station des Literatur- und Musikfestes Wege durch das Land. Das auf den Ort abgestimmte Programm wird von namhaften Künstlern gestaltet. Zur Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts zählt Viktor Sklovskij, der als ein führender Vertreter des russischen Formalismus gilt. Aus Sklovskijs Erzählung „Dritte Fabrik" liest der Schauspieler Felix von Manteuffel, bekannt durch Fernsehrollen und den Kinofilm „Requiem für eine romantische Frau". Echtes Genie zeige sich im Umgang mit dem Leben selbst, sagt der Schriftsteller Wladimir Kaminer, der seine Kurzgeschichtensammlung „Das Leben ist keine Kunst" präsentiert. Mit dabei ist außerdem der Komponist und Pianist Volker Bertelmann alias Hauschka, ein Popstar des präparierten Pianos. Er spielt unter anderem das Stück „Palace in the Sky" und führt vor, wie es klingt, wenn Alltagsgegenstände wie Radiergummi oder Butterbrotpapier auf Klaviersaiten treffen. Für die Veranstaltung am Sonntag, 29. Mai, um 17 Uhr sind noch einige Karten erhältlich bei Wege durch das Land in Detmold, Tel. (0 52 31) 3 08 02 10.

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