Löhne Neue Stolpersteine gesetzt

Gunter Demnig setzt im Stadtgebiet vier weitere Mahnmale in die Gehwegplatten. Bürgermeister Bernd Poggemöller betont, wie wichtig diese Form der Aufarbeitung der Vergangenheit sei

Dirk Windmöller

Löhne. Mit der Kelle drückt Gunter Demnig Sand in die Fuge, fegt mit einem roten Handfeger den Sand zur Seite und der Stolperstein sitzt. Der Künstler hat am Donnerstag an vier Stellen im Stadtgebiet Stolpersteine gesetzt. Sie erinnern an Menschen, die von den Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 getötet wurden. Die Steine befinden sich in vielen Städten, in 21 Ländern, vor den jeweils letzten bekannten Wohnorten dieser Opfer. In Löhne wurden jetzt folgende Stolpersteine gesetzt: Für Willi Joecks, Siemshofer Kirchstraße, Marie-Wilhelmine Sander, Werster Straße 73, Fritz Kröger, Börstelstraße 26 und Clara Schierholz, Weihestraße 34. Gunter Demnig wurde beim Setzen der Steine von einer kleinen Gruppe rund um Bürgermeister Bernd Poggemöller und Stadtarchivar Joachim Kuschke begleitet. Dass die Verbrechen der Nazis bis in die Gegenwart wirken, zeigten die bewegenden Szenen, die sich an der Siemshofer Kirchstraße und der Weihestraße abspielten. Hier waren Angehörige der Opfer dabei, als Gunter Demnig die Steine in die Gehwegplatten setzte. Karin Prüßner ist aufgewühlt, ringt um Fassung, als sie von Clara Schierholz, geborene Rürupsmüller, erzählt. "Clara war die Schwester meines Großvaters." Ein sehr schweres Leben habe sie gehabt. "Sie wurde am 25. April 1900 in Gohfeld als jüngstes von sechs Kindern geboren. Ihre Mutter starb kurze Zeit nach Claras Geburt, so dass diese von ihren älteren Schwestern erzogen wurde", fasst es Stadtarchivar Joachim Kuschke in einer kurzen Biographie zusammen. Sie heiratete den Witwer Heinrich Schierholz und wurde dessen zweite Frau. Sie lebte mit ihm und dem Sohn aus Schierholz? erster Ehe zusammen, hatte aber selber keine Kinder. "Die Ehe verlief gelinde gesagt nicht glücklich, was wahrscheinlich auch zu ihrer Erkrankung - einer Depression - führte. Auch ihre Verwandten sahen Claras Depressionen als Folge der schlechten Beziehung an", schreibt Kuschke. Zur Behandlung sei sie in die Heilanstalt Gütersloh gebracht worden. "Mein Großvater hat mehrfach versucht, sie nach Bethel verlegen zu lassen, das hat er aber leider nicht geschafft", sagt Karin Prüßner. Kuschke hat den letzten Weg von Clara Schierholz nachgezeichnet: Clara wurde dann am 24. Juni 1941 von Gütersloh nach Scheuern verlegt. Auch Scheuern fungierte als eine sogenannte Zwischenanstalt für die Tötungsanstalt Hadamar. Von Scheuern wurde Frau Schierholz am 23. Juli 1941 in einem Transport mit 78 weiteren Patienten nach Hadamar gebracht. Der 23. Juli 1941 ist daher als ihr Todestag anzusehen. Die Todesursache wurden wie immer falsch angegeben (Hirnschwellungen), um Angehörige und Behörden zu täuschen. Möglicherweise wurden alle bereits während der Fahrt im Bus durch Gas getötet. Die Urne wurde mit Unterstützung der Kirchengemeinde nach Gohfeld gebracht und hier beigesetzt. Ob allerdings tatsächlich die Asche von Clara Schierholz darin war, wurde stark angezweifelt. Es habe sich eher wie Kies angehört, hieß es damals", so Kuschke. An der Ermordung seiner Schwester habe ihr Großvater sein Leben lang gelitten. "Er konnte nach dem Krieg keiner geregelten Arbeit mehr nachgehen. Das führe ich darauf zurück", sagt Prüßner. "Wenn ich damals gelebt hätte, wäre mir vielleicht ein ähnliches Schicksal widerfahren" Dass jetzt ein Stein vor dem Haus von Clara an sie erinnere sei ein wichtiges Zeichen. "Wir leben in einer anderen Zeit. Wenn ich damals gelebt hätte, wäre mir vielleicht ein ähnliches Schicksal widerfahren, denn ich leide selber unter Depressionen." Bewegend war auch die Erinnerung an das Schicksal von Willi Joecks. Er lebte bis zu seiner Verhaftung in der Siemshofer Kirchstraße. Marita und Friedhelm Windmann leben heute im selben Haus, in dem Willi Joecks gelebt hat. "Meine Mutter war in erster Ehe mit Willi Joecks verheiratet. Zehn Jahre nach seiner Hinrichtung wurde ich geboren", sagt Marita Windmann. Sie las aus dem letzten Brief, den Willi Joecks an seine Frau kurz vor seiner Hinrichtung geschrieben hatte: "Es freut mich, dass Du Dich so tapfer hälst. Meine Bitte war bis zuletzt, mich gesund und fest zu erhalten." Hingerichtet wurde Joecks am 2. November 1940 weil er sich aus religiösen Gründen weigerte, den Wehrdienst anzutreten. In den Verhören brachte Willi Joecks zum Ausdruck, dass er die Selbstverpflichtung übernommen habe, den Willen Gottes zu tun und ihm treu zu bleiben. Aufgrund dieser Einstellung und zufolge des Gebotes "Du sollst nicht töten" sei er schon vor dem Krieg zu dem Entschluss gekommen, einer Einberufung zum Wehrdienst keine Folge zu leisten", schreibt Kuschke. Bürgermeister Bernd Poggemöller würdigte die Arbeit von Gunter Demnig. "Sie leisten einen sehr wichtigen Beitrag zu Aufarbeitung der Vergangenheit. Das darf nicht aufhören", sagte er. Das wird es wohl auch nicht. "Ich bekomme immer mehr Anfragen. Das liegt auch daran, dass jetzt die Generation der Enkel und Urenkel mehr über die Schicksale ihrer Verwandten wissen möchte", sagte Demnig.

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