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Waddah Saibah hat seinen Laden vor einem Monat am Rathausplatz in Lippinghausen eröffnet. In Syrien war er nach eigenen Worten Rechtsanwalt und Richter. Jedoch musste er aus dem vom Islamischen Staat besetzten Idlib fliehen. - © Alexander Jenniches
Waddah Saibah hat seinen Laden vor einem Monat am Rathausplatz in Lippinghausen eröffnet. In Syrien war er nach eigenen Worten Rechtsanwalt und Richter. Jedoch musste er aus dem vom Islamischen Staat besetzten Idlib fliehen. | © Alexander Jenniches

Hiddenhausen Syrer kämpft in Lippinghausen mit Olivenöl und Süßem gegen die Uhr

Er floh vor dem IS und der syrischen Armee. In Bielefeld stieg Waddah Saibah einfach aus dem Zug, folgte einer Tradition - und landete am Rathausplatz. Jetzt läuft ihm die Zeit davon.

Alexander Jenniches
16.06.2019 | Stand 16.06.2019, 15:31 Uhr

Lippinghausen. Waddah Saibah ist von der Verzweiflung in die Trostlosigkeit geraten. Am Rathausplatz in Lippinghausen, wo sich vermutlich Fuchs und Hase tatsächlich Gute Nacht sagen, hat er vor einem Monat ein kleines Lebensmittelgeschäft eröffnet, neben dem "Café Miteinander” und der Post. Eine junge Araberin steht an der Kasse. Ihre kleine Tochter schaut den blonden Reporter mit großen Augen an, die Schwester im späten Teeniealter mustert ihn und kichert. Sie sagen höflich Danke - "schukran” heißt das auf Arabisch -, und gehen hinaus. Dann kommt eine Stunde lang niemand mehr. Waddah Saibah hat Zeit, seine Geschichte zu erzählen: Wie er vom Krieg in Syrien ins verschlafene Lippinghausen kam - wo jedoch die Zeit jetzt gegen ihn läuft. Es ist das Jahr 2015, als sich Waddah Saibah aus Syrien auf den Weg nach Europa macht, wie so viele Menschen, die dem Krieg entfliehen wollen. "In Idlib war ich Rechtsanwalt und auch Richter. Dann jedoch wollten sowohl der Islamische Staat als auch die syrische Armee, dass ich für sie kämpfe. Das wollte ich aber nicht”, sagt er und reicht dem Reporter eine Olive. Die kleine Frucht hat für ihn eine große Bedeutung, wie sich später zeigen wird. Der Islamische Staat will seine Autos Als sich im Sommer 2015 jedoch noch Islamisten den Fuhrpark seines nebenbei aufgebauten Autohandels greifen wollen, ist das zu viel für den 35-jährigen Waddah: "Sie haben mich bedroht, und ich musste weg.” Es ist die Zeit, in der in Syrien buchstäblich Köpfe rollen. Die Flucht geht über die Türkei, Griechenland, den Balkan und Österreich bis nach München. "Dort habe ich mir ein Ticket nach Berlin gekauft. Aber irgendwann war ich so erschöpft, dass ich einfach in Bielefeld ausgestiegen bin. Einfach so.” Waddah Saibah kommt in verschiedene Flüchtlingsunterkünfte und wird schließlich der Gemeinde Hiddenhausen zugewiesen. Dort lebt einige Zeit mit anderen Flüchtlingen in einem Haus an der Rathausstraße. Er absolviert fast alle Sprachkurse, inklusive C1, die vorletzte Stufe auf der Skala des Goethe-Sprachinstituts. Seine Deutschkenntnisse sind damit sehr weit fortgeschritten. Waddah Saibah möchte seine Ausbildung als Rechtsanwalt in Deutschland anerkennen lassen. Doch dafür müsste er in München mehrere Jahre studieren. Das jedoch kann er sich nicht leisten, denn seine Frau und seine beiden kleinen Kinder sind mittlerweile auch in Lippinghausen und müssen versorgt werden. Die Olive hat für ihn eine besondere Bedeutung So tut er das Naheliegende und knüpft an eine alte arabische Tradition an: Er wird Händler. Lebensmittel aus Syrien kauft er ein und verkauft sie an zumeist türkische Läden: "Die Kunden schätzen besonders das syrische Olivenöl, das läuft wirklich gut”, sagt er und holt zwei Flaschen aus dem Regal. Tatsächlich genießen die levantinischen Oliven unter Kennern einen besonders guten Ruf. Vor einem Monat nun hat Waddah Saibah am Rathausplatz in Lippinghausen einen kleinen Laden eröffnet, in dem er Lebensmittel aus seiner Heimat anbietet. Seine Liebe zu den Oliven zeigt sich schon am Namen des kleinen Geschäfts: "Zaytona-Food", eine Mischung aus Arabisch und Englisch. Übersetzt bedeutet das "Oliven-Lebensmittel.” Gemüse, Zuckergebäck und eingelegte Gurken  Frisches Gemüse gibt es dort und arabisches Brot, Zuckergebäck so süß, dass jeder Zahnarzt große Augen bekommen würde und gemischte Gurken im Glas, eingelegt in orientalische Gewürze. Allein die Kundschaft bereitet dem jungen Kaufmann Kopfzerbrechen. Die Lippinghausen rennen ihm nämlich nicht gerade die Bude ein. In den kommenden Wochen möchte Waddah Saibah sein Angebot ausbauen, besonders auch für Deutsche, die nicht unbedingt arabische Lebensmittel suchen. Es wäre es doch vielleicht eine prima Idee, wenn die Leute aus dem Ort auch zu später Stunde noch schnell etwas kaufen könnten, falls ihnen Cola, Chips oder ein paar Zigaretten zu Hause fehlten, sagt er ein bisschen schüchtern. Das Jobcenter ist ihm Nacken Eine Kühlung für Fleisch wäre ebenfalls gut, um das Angebot zu vergrößern. Aber auch dafür fehlen momentan die Mittel: "Es geht langsam, weil ich natürlich nicht so viel Geld habe. Aber es geht voran." Er lächelt zurückhaltend und sieht dabei ein bisschen traurig aus, denn er hat das Jobcenter im Nacken. Lieferbetrieb und Ladengeschäft werfen nicht genug ab. Und die Leute vom Jobcenter wollen bessere Zahlen sehen, so sagt er, sonst würden sie ihn gerne in eine profitablere Arbeit vermitteln: "Das möchte ich aber gar nicht. Mir macht das wirklich Spaß hier, und ich würde es auch ohne Unterstützung weiter versuchen." Wer sich den kleinen Orient in Lippinghausen anschauen möchte, hat montags bis freitags von 9 Uhr bis 15 Uhr und von 16 bis 22 Uhr Gelegenheit dazu. Samstags ist in der Zeit von 11 Uhr bis 15 Uhr und von 16 Uhr bis 22 Uhr geöffnet. Im "Café Miteinander" nebenan bietet ein erfahrener Schneider sämtliche Arbeiten seines aussterbenden Gewerbes an. Einen Tee und ein paar freundliche Worte bekommt der Besucher im "Zaytona Food" übrigens gratis - so wie die arabische Gastfreundlichkeit es gebietet.

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