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Die Westfälische Kantorei unter Leitung von Hildebrand Haake bewies in der Münsterkirche ihre außergewöhnliche Klasse. - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp
Die Westfälische Kantorei unter Leitung von Hildebrand Haake bewies in der Münsterkirche ihre außergewöhnliche Klasse. | © Frank-Michael Kiel-Steinkamp

Herford Herforder Orgelsommer bringt Kirchenmusik größerem Publikum näher

Veranstaltungsreihe ein voller Erfolg. Der künstlerische Leiter Stefan Kagl erfreut sich eines enthusiastischen Publikums. Mit den Musiker-Kollegen hat der Münsterkantor schon viel erlebt.

Frank-Michael Kiel-Steinkamp
11.09.2019 | Stand 11.09.2019, 16:22 Uhr

Herford. "Der Herforder Orgelsommer 2019 war ein Publikumsmagnet wie lange nicht mehr - das Publikum war enthusiastisch." Als der Münsterkantor und künstlerische Leiter der Veranstaltungsreihe, Kirchenmusikdirektor Stefan Kagl, seine Begrüßungsworte an das Publikum in der voll besetzten Münsterkirche richtete, konnte er allenfalls ahnen, dass auch dieses Abschlusskonzert am Sonntagabend einen Begeisterungssturm auslösen würde: Die letzten vorgetragenen Werke "Sanctus" und "Agnus Dei" aus der "Missa mundi" für Chor und Orgel von Rihards Dubra waren kaum verklungen, als sich die Zuhörer erhoben, der Empore zuwandten und Kagl als Organisten und der Westfälischen Kantorei unter Leitung von Hildebrand Haake minutenlang applaudierten. Das Konzert bot unter dem Thema "Wo der Geist weht" eine musikalische Vielfalt aus über 500 Jahren. Gelobt wurde die Transparenz und Eindringlichkeit des Chores, der auch durch wechselnde Platzierung der Sängerinnen und Sänger im Kirchenraum ein eindringliches und außergewöhnliches Klangerlebnis bot. Stefan Kagl bewies einmal mehr virtuos, was die große Orgel des Herforder Münsters an sanften und gewaltigen Klängen zu bieten hat. "Es war ein Erlebnis für das Herforder Musikleben", sagte ein Kenner der Kirchenmusik. Die Anspannung des Konzertes ist vom Münsterkantor abgefallen Das Typische der 2001 vom damaligen Vorsitzenden des Verkehrsvereins, Manfred Schürkamp, und dem damaligen Münsterkantor Hartmut Sturm ins Leben gerufenen Konzertreihe ist die Kombination aus Stadtführungen am Sonntagnachmittag und einem sich nahtlos anschließenden Konzert mit oft hochkarätigen Gastorganisten in einer der Herforder Kirchen. Aber es gibt inzwischen auch Nachtkonzerte und Exkursionen. Der Eintritt zu Führungen und Konzerten ist frei. Sponsoren und die freiwillige Spende am Ausgang machen es möglich. Nicht alle Teilnehmer der Führungen gehen ins Konzert, nicht alle Zuhörer der Konzerte haben eine Führung mitgemacht. Aber es gibt eine große Schnittmenge und es sind bei weitem nicht nur die "üblichen Verdächtigen", die sich in den Sommerferien in den Gotteshäusern zum Kunstgenuss einfinden. Die Pro Herford organisiert die Stadtspaziergänge, die Werbung und die aufwendigen Programmhefte. Stefan Kagl ist seit 2002 künstlerischer Leiter der Reihe. Als er am Montag auf den Orgelsommer zurückblickt, ist die Anspannung des Vorabends von ihm abgefallen. Noch nicht verdaut hat er aber, dass anders als in anderen Jahren kein Vertreter der Stadt gesprochen hat. Neben vermeidbaren Pannen wie einer unterschiedlichen Stimmung von Orgel und Klavier bei einem Konzert für beide Instrumente ist das ein Grund für ihn, alle Beteiligten zu mahnen: "Der Orgelsommer ist kein Selbstläufer, man muss immer wieder etwas dafür tun." Ausdrücklich lobt er die Zusammenarbeit seiner Kirchengemeinde mit Innenstadtverein, Pro Herford und Stadtführern als sehr fruchtbar. Der Organist der Kathedrale Notre-Dame hat gezündet wie ein Feuerwerk Das wohl schwer verdauliche Thema "Krieg und Frieden" des vergangenen Jahres lief nicht so gut, räumt Kagl ein. "Dieses Jahr habe ich mit symphonischer Orgelmusik leichtere Kost gewählt." Das Eröffnungskonzert mit dem Titularorganisten der Pariser Kathedrale Notre Dame, Olivier Latry, am 14. Juli habe alle bisherigen Erfahrungen mit Orgel-Einzelkonzerten gesprengt, sagt Kagl. "Er ist einer der weltbesten Organisten. Das Münster war voll wie zu Heiligabend. Die Leute sind von weit her gekommen. Wir hatten nicht genug Sitzplätze und Programme", erinnert sich Kagl. "Dieser Startpunkt hat gezündet wie ein Feuerwerk und die Leuchtspur hat sich über den ganzen Orgelsommer gegossen." Zuhörerzahlen habe er in den letzten Jahren nicht mehr systematisch gezählt, aber: "Wenn das Mittelschiff des Münsters voll ist, sind 200 Menschen da, wenn alle Plätze belegt sind, sind es 500 und wenn es so voll ist, wie zu Weihnachten, sind es 1.200." Für Kagl ist der Zuspruch in einer Stadt von der Größe Herfords "unglaublich" - sind doch Orgel- und andere geistliche Musik eine Nischenkultur. Auch die Nachtkonzerte seien extrem gut besucht gewesen. Sehr nett sei eine Fahrt zu den grandiosesten Barockorgeln im Umkreis von 400 Kilometern in Borgentreich und Marienmünster gewesen. "Da gab es gute Gespräche mit den Leuten", sagt Kagl, der die Orgeln auch bespielte. Da habe er noch einmal gespürt, wie begeisterungsfähig das Herforder Publikum ist. "Aus den Nähten geplatzt" sei mit 390 Kindern auch das Kinderkonzert in der Petrikirche. "Im Abschlusskonzert hat die Westfälische Kantorei vom leichten, beschwingten Sommer mit einer Reger-Motette in den Herbst geleitet", beschreibt Kagl. Da ging es um jemanden, der an Krankheit und den Mitmenschen leidet, und im Glauben Kraft findet. Stefan Kagl hat Spaß am Orgelsommer und seinen "schönen Gestaltungsmöglichkeiten". Längst erreichen ihn mehr Anfragen von Organisten, als er berücksichtigen kann. Kagl: "Sie müssen auch zum Programmcharakter des Jahres passen." Auch überraschende und skurrile Geschichten mit Kollegen hat er über die Jahre erlebt, zumal sie in der ersten Zeit auch im Kantorenhaus übernachtet haben. Der führende britische Organist James Lancelot, der in diesem Jahr zu Gast war, hat mit Kagls Sohn begeistert mit dessen Modelleisenbahn gespielt. Ein Domherr aus Sevilla wollte jeden Tag eine katholische Messe zelebrieren Vor Jahren war ein Domherr aus Sevilla für mehrere Tage in Herford. Er hatte das Gelübde abgelegt, jeden Tag eine katholische Messe zu zelebrieren. "Das war hier gar nicht so einfach zu organisieren", erinnert sich Kagl. Eine englische Kollegin war nicht nur berühmt für ihre Kunst, sondern auch für ihre Trinkfestigkeit. "Ich habe übers ganze Jahr einen Vorrat an Grappa aus dem Sonderangebot angelegt. Der war mit Hilfe meiner Studenten in drei Tagen in unserem Garten aufgebraucht." Im gleichen Garten habe der Schriftsteller Reiner Kunze angesichts einer gefällten Linde ein Lindengedicht rezitiert. Nach dem Orgelsommer ist vor dem Orgelsommer. Im Oktober beginnt Kagl wieder zu planen und bei Sponsoren vorzusprechen.

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