Emotional: Sänger Pablo Miró verarbeitet in den Songs seines neuen Albums "Courage" persönliche Geschichten und Erlebnisse. Mit mitreißenden, rhythmischen Klängen will er seinen Zuhörern Mut und Hoffnung vermitteln. - © Ralf Bittner
Emotional: Sänger Pablo Miró verarbeitet in den Songs seines neuen Albums "Courage" persönliche Geschichten und Erlebnisse. Mit mitreißenden, rhythmischen Klängen will er seinen Zuhörern Mut und Hoffnung vermitteln. | © Ralf Bittner

"Durch Mangel an Mut entsteht Unglück"

Interview: Gitarrist und Liedermacher Pablo Miró erzählt über sein Leben als argentinischer Flüchtling in Herford und erklärt warum es zur Selbstverwirklichung Courage benötigt. Am Samstag tritt er in seiner ehemaligen Heimatstadt auf

Christian Geisler

Herr Miró, im Mai erscheint Ihr neues Album "Courage". Was bedeutet Ihnen der Titel? Pablo Miró: Ich glaube, dass die wichtigsten Anliegen, die jeder Mensch in seinem Herzen trägt, Courage erfordern. Die Stimme unseres Herzens bittet uns um Selbstverwirklichung. Das ist eine der größten Herausforderungen, die ein Mensch in seinem Leben zu bewältigen hat. Und das erfordert Mut. Man kann diese Stimme zwar verdrängen bis zum Verstummen und immer in seiner Komfortzone bleiben, aber dann verleumdet sich der Mensch selbst. Aus Mangel an Mut entsteht individuelles Unglück. Sich treu zu bleiben und Mut aufzubringen, um etwas zu tun, erfordert Risiko. Aber diese Courage macht uns groß und erweitert unsere Grenzen. Gibt es eine Situation, in der Sie schon einmal Ihre Komfortzone haben verlassen müssen? Miró: Ich habe bereits im neunten Semester Agrarwissenschaften in Florenz studiert. Gleichzeitig studierte ich Musik. Plötzlich merkte ich aber, dass ich mir damit untreu bin. Es war einer meiner mutigsten Schritte die Agrarwissenschaft im neunten Semester abzuwählen und mich voll der Musik zu widmen. Egal welche Folge es nach sich gezogen hätte - ich musste mich der Entscheidung einfach hingeben. Das bedeutet, Sie wollen mit Ihrer Musik auch anderen Menschen Hoffnung machen? Miró: Absolut. Sie ist südamerikanisch, rhythmisch intensiv und soll Freude vermitteln. Ich versuche durch die Schwingungen in meiner Musik, durch Melodien, meine Hörer anzustecken. Zum ersten Mal nutze ich dazu auch die deutsche Sprache. Eines der optimistischen Lieder heißt "Gracias a la Vida" - Danke an das Leben. Es ist zusammen mit dem Liedermacher Konstantin Wecker entstanden. Miró: Für mich ist er einer der größten Songwriter der deutschen Sprache. Er ist eines der Idole meiner Jugend. Die Zusammenarbeit mit ihm ist eine Art Bestätigung. Auf Augenhöhe mit ihm spielen zu dürfen, aufzunehmen und auf der Bühne zu stehen bedeutet für mich, dass ich es geschafft habe das Niveau, für das ich lange gearbeitet habe, zu erreichen. Und ich bin ihm dankbar. Er erkennt meine Musikalität und meine Andersartigkeit. Und gleichzeitig ist es eine gegenseitige Identifikation. Wir glauben beide an das Erleben und an die Menschlichkeit. In unserer Musik setzen wir uns dafür ein. Das verbindet uns. Sie sagten mal, dass Sie Ihre wichtigsten Gedanken der vergangenen sieben Jahre in dem neuen Album veröffentlichen. Ist das dieses "Erleben", von dem Sie sprechen? Miró: Genau. Ich lebe seit sieben Jahren wieder in Deutschland. Das war eine Zeit der intensiven Existenzgründung, denn meine Familie konnte die Sprache nicht. Das Ansammeln von Melodien war dabei wie ein roter Faden, der sich durch diese Zeit zog. Gedanken, die eine Wertigkeit haben, hielt ich fest. Sie sind wie Fotos, die in einem Moment festgehalten werden, die man nicht vergessen möchte. So sind meine CDs und meine Lieder Fotografien meiner wichtigsten seelischen Erlebnisse. So wie das Lied "Refugees" - ein Song über die Flucht. Miró: Es ist wohl das traurigste Lied meiner CD. Aber es ist auch kraftvoll und lebendig. Ich setze mich darin mit meiner eigenen Zeit als Flüchtling auseinander. Nach der Flucht vor dem Militärputsch in Argentinien 1976 haben wir uns in Herford niedergelassen. Mittlerweile helfe ich aber auch anderen Geflohenen und bringe ihnen Deutsch bei. Durch meine eigenen Erfahrungen kann ich ihnen gute Ratschläge geben, wie man sich einlebt, wie wir Deutschen ticken. Aber auch ihre Erfahrungen haben mich zu dem Song bewegt. Es geht mir darum, dass die Menschen erkennen, dass eine Flucht etwas Unzulässiges ist. So etwas sollte es auf der Welt nicht geben. Wie war denn Ihr Leben als Flüchtling in Herford? Miró: Ich hatte großes Glück, indem ich auf das Friedrichs-Gymnasium gekommen bin. In meinem damaligen Jahrgang habe ich wunderbare Freunde gefunden, mit denen ich auch heute noch Kontakt habe. So bin ich mit großer Freundschaft willkommen geheißen worden. Ich spielte schon damals Gitarre und habe immer gute Laune verbreitet. Das hat mir sicherlich dabei geholfen. Aber auch meinem damaligen Klassenlehrer Günter Meyer bin ich sehr dankbar. Er ist der beste Lehrer, den ich jemals gehabt habe. Er hat uns einfach mitgerissen und das Lernen hat Spaß gemacht. So konnte ich mich gut entwickeln, ich war voll integriert. Klingt so als würde Ihr Konzert am Samstag zu einer Art Heimkehr werden. Miró: Richtig, es ist eine Heimkehr. Ich freue mich sehr darauf. Es ist auch ein kleines Fest für mich selbst, das ich mir zum Geschenk mache. Dieses Wiedersehen mit Freunden und Bekannten bedeutet mir viel. Auch Lehrer von mir werden kommen. Damit sind viele Erinnerungen verbunden. Aber ich möchte Ihnen natürlich auch etwas bieten. Was können Ihre Zuhörer am Samstag erwarten? Miró: Es wird ein Vor-Release-Konzert werden. Meine Gäste bekommen also vor der Veröffentlichung die Songs aus dem Album "Courage" in einer Soloversion zu hören. Auch "Gracias a la Vida" mit Konstantin Wecker wird dabei sein. Dazu gibt es natürlich auch einen Rückblick auf alte CDs von mir. Ich habe mir aber auch schon vorgenommen in der zweiten Hälfte des Jahres mit meinem vollständigen neuen Album dann noch einmal nach Herford zu kommen. Das Gespräche führte Christian Geisler

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