Schwindelerregend: Senderleiter Günter Stille (r.) mit seinem Vertreter Gerhard Collbrunn im Mastkorb in rund 100 Metern luftiger Höhe. - © Archiv Ulrich Stille
Schwindelerregend: Senderleiter Günter Stille (r.) mit seinem Vertreter Gerhard Collbrunn im Mastkorb in rund 100 Metern luftiger Höhe. | © Archiv Ulrich Stille

Herford Die Geschichte des Senders in Schwarzenmoor

Seit 1950 werden von der Egge Radioprogramme ausgestrahlt. Der Herforder Ingenieur Günter Stille hatte lange Jahre die Leitung der Einrichtung, in der bis zu 14 Techniker beschäftigt waren. Sein Sohn Ulrich hat hier seine Jugend verbracht

Ulrich Stille

Herford. Wer am Sender auf der Egge in Schwarzenmoor die schöne Aussicht über Herford genießt, dem dürfte die wechselvolle Geschichte dieser technischen Sendeanlage kaum bekannt sein. Die Wurzeln reichen zurück zum fahrbaren Soldatensender "Ursula", der 1945 in Ostpreußen stationiert war. Nach Kriegsende wurde er von den britischen Besatzern übernommen und sendete in ihrer Zone das BFN-Programm (British Forces Network) für den von ihnen in Hamburg neu gegründeten NWDR (Nordwestdeutscher Rundfunk). Fast ein ganzes Berufsleben war der Herforder Ingenieur Günter Stille am Sender verantwortlich tätig. Der stand zunächst auf dem Sportplatz in Eilshausen, bevor er 1950 ein festes Gebäude auf der Egge bekam. Neben dem BFN-Programm wurden von der Egge das NWDR-Mittelwellen- und später auch das UKW-Programm ausgestrahlt. Der 108 Meter hohe und 36 Tonnen schwere Rohrmast, zusammengesetzt aus Blechschalen, stammte vom Sender Osterloog bei der Küstenfunkstelle "Norddeich-Radio" in Ostfriesland. Der Mast wurde auf der Egge neu aufgebaut. Ein Aquarium sorgte im Senderraum für Entspannung Der Sendemast stand auf einem Keramikisolator und wurde in etwa 50 und 90 Metern Höhe mit je drei Stahlseilen abgespannt. Bei Nacht sorgten Lampen für Flugsicherheit. Die Rohrschalen waren signalrot und leuchtend weiß gestrichen. Durch ein schmales Einstiegsloch konnte man in das Innere des engen Mastes gelangen, in dem sich für Wartungsarbeiten eine Stahlleiter befand. Für Außenarbeiten wurde ein Stahlkorb von der Mastspitze abgeseilt. Am Fuß stand das kleine Antennenhaus, das mit dem Betriebsgebäude verkabelt war. Der Mastbau war nicht ohne Risiko. Dramatisch war der Absturz eines Rohrabschnittes aus großer Höhe, der nur knapp ein Abspannungsseil verfehlte und die Standfestigkeit erheblich gefährdet hätte. Von 1950 bis 1993 wurde das Mittelwellenprogramm gesendet. Außerdem befand sich im Mast eine Antenne für UKW. Auch für BFBS (British Forces Broadcasting Service) wurde das UKW-Programm gesendet. Ab 1955 gab es dafür zusätzlich zwei 20-Meter-Masten. Anfang der 1980er Jahre übernahm ein englischer Sender auf der Hünenburg in Bielefeld diese Aufgabe. Im rund 100 Meter entfernten Betriebsgebäude befanden sich die technischen Anlagen. Hinter dem Schaltpult im weiträumigen Senderraum gab es ein großes Aquarium, das den Sendertechnikern während ihrer Dienstschicht einen wohltuenden Kontrast zu den nüchternen Schalttafeln bot, die ständig zu überwachen waren. Nebenan im Dieselhaus wurde ein leistungsstarker Motor mit Notstromaggregat sorgfältig gewartet. Bei Stromausfall - etwa nach nach Blitzschlägen - startete er in Sekundenschnelle. Zudem gab es einen großen Batteriekeller mit zahlreichen Bleiakkumulatoren als Pufferbatterien. In einem kleinen Nebenraum war ein Fotolabor eingerichtet, in dem auch der Autor seine Erfahrungen beim Entwickeln von Filmen und Abzügen von Fotos gesammelt hat. Für die Wasserversorgung - den Anschluss an das städtische Leitungsnetz gab es noch nicht - wurde ein Brunnen gebohrt. Der Hausmeister betrieb einen Kiosk für durstige Wanderer Im Werkstattgebäude sorgten ein Kohlebunker und zwei Kessel für die Heizung. Dafür war der Hausmeister zuständig, der für die Mitarbeiter auch eine kleine Getränkekantine führte. Im Sommer betrieb er an Wochenenden einige Zeit nebenan in der Mergelkuhle auch einen kleinen Kiosk für durstige Wanderer. In der Aufbauphase des Senders koordinierten Techniker und Architekten vom NWDR in Hamburg alle Arbeiten. Im Sender wurde zunächst in drei Schichten gearbeitet, zu denen die Mitarbeiter in einem Hanomag-Lkw transportiert wurden. Dabei saß man beim Fahrer oder auf einer Holzbank unter der Plane auf der Ladefläche. Heute unvorstellbar. Später übernahm ein VW-Bulli den Transport. Allerdings kam es im Winter nicht selten vor, dass der Sender für einige Tage eingeschneit und mit dem Auto nicht erreichbar war. Dann war im Schnee schon mal ein winterlicher Fußmarsch angesagt. Auf der Egge waren anfangs bis zu 14 Techniker, Hausmeister, Fahrer und eine Raumpflegerin beschäftigt, die überwiegend aus Herford kamen. Für sie gab es Im Großen Vorwerk 23 ein Dienstgebäude. Regelmäßige Betriebsfeste, Betriebsausflüge und Weihnachtsfeiern für die Mitarbeiterkinder trugen zu einer harmonischen Arbeitsatmosphäre und viel Kollegialität bei. Im Winter war das Gelände für Autos oft unerreichbar 1952 ging auch in Deutschland das Fernsehprogramm auf Sendung, das von der Egge zwar nicht gesendet, aber dessen einwandfreier Empfang von hier überwacht wurde. Das Programm war in bergigen Regionen Ostwestfalens und des Sauerlandes zunächst nur schlecht zu empfangen. Um auch hier den einwandfreien Empfang zu gewährleisten, wurden an zahlreichen Standorten Fernsehumsetzer installiert. Viele Relaisstationen mit kleinen Sendemasten standen auf erhöhten Punkten in oft unwegsamem Gelände, so an der Porta, in Vlotho, Berlebeck, Bösingfeld, Marsberg, Bigge-Olsberg. Gelegentliche technische Probleme an diesen Anlagen mussten umgehend behoben werde. Dazu wurde ein geländegängiger DKW-Munga als Werkstattwagen angeschafft, der später durch einen Land Rover ersetzt wurde. Für den NWDR war am 1. Januar 1956 das Ende gekommen. Für Norddeutschland gab es nun den NDR und für Nordrhein-Westfalen den WDR in Köln. Der Sender auf der Egge gehörte zu Köln. Der technische Fortschritt im Rundfunkwesen führte dazu, dass der Senderbetrieb zunehmend mit weniger Mitarbeitern zu bewältigen war. Der Personalbestand musste daher reduziert werden. Das war nicht leicht für die Mitarbeiter, die sich ihrem Sender sehr verbunden fühlten. Mancher orientierte sich beruflich neu, ging in den Ruhestand, wechselte zum WDR-Studio Bielefeld oder übernahm neue Aufgaben in der Zentrale. Auch Senderingenieur Günter Stille, der von 1946 an die Leitung des Senders zunächst in Eilshausen und dann auf der Egge hatte, wechselte nach Köln in die Direktion der technischen Verwaltung des WDR. Die Egge wurde nun vom Sender Bielstein bei Detmold betreut. Wenige Jahre später übernahm Günter Stille die Betriebsleitung des Senders Bielstein und somit auch die "seines" alten Senders auf der Egge, die er bis zu seinem Ruhestand behielt. Die technische Entwicklung ging weiter und die Sendeanlagen wurden leistungsstärker und wartungsärmer. Das führte auch auf dem Bielstein zu Personalabbau und schließlich dazu, dass der Sender auf der Egge überflüssig wurde. 1993 wurde daher das Mittelwellenprogramm auf der Egge abgeschaltet und der alte Rohrmast 1994 abgebaut. Die Betriebsgebäude waren schon früher verkauft worden. Heute wird von hier Radio Herford ausgestrahlt So endete die Ära des "alten" Senders auf der Egge in Schwarzenmoor nach über 40 Jahren. An seiner Stelle wurde im gleichen Jahr vom WDR ein neuer moderner Stahlfachwerkturm von 109 Metern Höhe errichtet. Über ihn wird heute das UKW-Programm von Radio Herford ausgestrahlt und er setzt so die Sendertradition auf der Egge in Schwarzenmoor fort.

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