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Wie die Micky Maus erstmals nach Herford kam

Historische Schulgeschichte: Vor 85 Jahren waren die Schülerinnen der Untersekunde ihrer Zeit voraus

Christoph Laue

Herford. Das Jahr 1931: Die Untersekunda a (U II a) des Oberlyzeums, des heutigen Königin-Mathilde-Gymnasiums auf dem Stiftberg, beendet ihre Schullaufbahn mit der mittleren Reife und druckt eine Abschieds-Zeitung. Eine Micky Maus (engl. Mickey Mouse) ziert die Titelseite. Das ist erstaunlich. Die von Walt Disney erfundene Micky Maus hatte erst am 18. November 1928 im Film „Steamboat Willie“ ihren ersten großen Auftritt gehabt; deshalb gilt dieses Datum auch als ihr offizieller Geburtstag. Der erste Comic mit Micky Maus in einer amerikanischen Tageszeitungen war erst am 13. Januar 1930 erschienen. Und in Deutschland verbreitete sich Micky Maus massenhaft erst in den 1950er Jahren. Die Mädchen vom Stiftberg waren ihrer Zeit also weit voraus. Zumal sie auch weitere Disney-Figuren verwendete: Minnie Maus, die ewige Verlobte Mickys, und „Felix the Cat“ auf der Rückseite. Erst mit der ersten Obersekunda im Schuljahr 1928 hatte der Ausbau zum Staatlichen Oberlyzeum begonnen, nun war auch eine Reifeprüfung möglich. 1929 war das Oberlyzeum in das frühere Seminargebäude auf den Stiftberg gezogen. Aber nur wenige der 49 Schülerinnen aus den beiden U II-Klassen von 1931 machten weiter bis zum „Pudding-Abitur“, wie der Abschluss abschätzig von den anderen Herforder Gymnasiasten bezeichnet wurde. In der „Abschiedsstunde von der Schule“ wollen sie „noch einmal mit einander fröhlich sein“ und die „kleinen Leiden und Freuden“ der Schulzeit beschreiben. Die Abschieds-Zeitung stellt die „Micky Mäuse aus U II a“ dichterisch launig vor und verewigt sie mit Zeichnungen in alphabetischer Reihenfolge. Es sind Ilse Albers, Lydia Beckmann, Gotelinde von Berswordt Wallrabe, Hilde Birkemeyer, Kriemhild Borchelt, Annemarie Busse, Martha Dallmann, Käthe Delius, Lilo Detring, Ulla Hammacher („Uns’re Ulla ist viel wert, weil sie gar so gut souffliert, doch das Schicksal ist gemein, und sie fällt oft scheußlich rein“), Martha Hebrock, Carola Heemeier, Grete „Äppel“ Kopp, Heide Lauenstein, Luise Omansiek, Emma Rechmeier, Ruth Rosenbaum, Trude Schmalhorst, Anneliese Schmidt („Anneliese geigt famos, malt und dichtet tadellos, ist im Lernen ein Genie, immer lobt und rühmt man sie, es wird ihr bestimmt gelingen, einst das Leben zu bezwingen“), Else Pinkwart, Lore Penseler, Olli Slavik und Anneliese Vogelsang gehören zur Klasse. Viele dieser Familiennamen sind in Herford noch bekannt. In typischer Schülerzeitungsmanier folgen zwei Seiten mit „Suchanzeigen“ die auf die „Macken“ der Schülerinnen hinweisen („Suche Museum für mein historisches Rad, Äppel“. „Welche mitleidige Seele stillt meine ewige Fressucht? Trude“) und weitere zwei Seiten „Katheder-Blüten“, so zum Beispiel „Mathematik: Dr. Bott: ‚Wie groß ist der Umfang eines Zylinders?’ grienend ‚Ruth Rosenbaum!‘ – Ruth: ‚Das kommt ganz auf die Kopfweite an, Herr Dr.’“ Auf der letzten Seite des bei „Karl Hermann“ in Herford gedruckten Heftes verewigten sich die 23 jungen Damen nach dem Druck mit ihren Unterschriften. Die jeweiligen Besitzerinnen fehlen in den zwei im Stadtarchiv vorhandenen Heften. Sie stammen von Ursula Hammacher, der Tochter des damaligen Stadtwerkdirektors, und Anneliese Schmidt, einer Kaufmannstochter aus der Bäckerstraße. Wenige Jahre später wäre der Spaß, den die Mädchen mit dem Heft hatten, wohl auf weniger Freude gestoßen. Eine der Mitschülerinnen – Ruth Rosenbaum – konnte sich 1934 nur durch Flucht nach Guatemala vor der Judenverfolgung retten. Der Autor ist Leiter des Herforder Kommunalarchivs.

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