Verlassen: Ursprünglich stand auf dem Gelände ein Bauernhof. Später wurde das Grundstück vom Erziehungsverein erworben und lange Zeit als Erziehungseinrichtung genutzt. Danach waren Asylbewerber in den Gebäuden untergebracht. Jetzt baut eine russische Gemeinde einige Gebäude um, bald auch das alte Wirtschaftsgebäude, das hier im Bild ist. - © Stefan Boes
Verlassen: Ursprünglich stand auf dem Gelände ein Bauernhof. Später wurde das Grundstück vom Erziehungsverein erworben und lange Zeit als Erziehungseinrichtung genutzt. Danach waren Asylbewerber in den Gebäuden untergebracht. Jetzt baut eine russische Gemeinde einige Gebäude um, bald auch das alte Wirtschaftsgebäude, das hier im Bild ist. | © Stefan Boes

Herford Homberghof: Zwischen Neubau und Verfall

Während mehrere Gebäude seit Jahren leer stehen, richtet eine russische Christengemeinde einen Teil des Areals wieder her. Der Gemeindesaal ist bald bezugsfertig, die Arbeiten an dem Zentrum gehen weiter

Stefan Boes

Herford. Die Pläne waren ambitioniert: Vor wenigen Jahren sollte der Homberghof in Falkendiek in ein Kulturzentrum verwandelt werden. Nachdem eine Hälfte des Geländes an eine christliche Gemeinde verkauft worden war, sollte die andere Hälfte für Nachwuchskünstler hergerichtet werden. Mit Proberäumen für junge Bands samt Auftrittsmöglichkeiten, mit Ateliers für Maler und Bildhauer. Eine vielversprechende Idee, die letztlich aber doch von dem Investor verworfen wurde. "Das Proberaumzentrum ist völlig vom Tisch", sagt Peter Böhm. Es sei schwierig, das Gelände zu entwickeln, so der Leiter des städtischen Baudezernats. Er spricht von hohen Sanierungskosten für die leerstehenden Gebäudeteile. Während diese Hälfte des Areals, das im Besitz der Stadt ist, weiter sich selbst überlassen wird, tut sich an anderer Stelle umso mehr. Die linke Seite des Homberghofs (von unten kommend) wird gerade zum neuen Gemeindezentrum der ursprünglich aus Kirgisien stammenden Gemeinde "Jesu Christie" umgebaut. In den nächsten Monaten werden die ersten beiden Gebäude, ein Gemeindesaal und ein Wohngebäude, fertig renoviert sein. Bislang ist die 130-köpfige Gemeinde am Otternbuschweg untergebracht. "Wir wachsen", sagt Gemeindesprecher Viktor Resler. Daher sei das Gebäude zu klein geworden. Es werde bereits zum Verkauf angeboten. Am Homberghof habe man hingegen einiges vor. "Jede Unterstützung seitens der Bürger wäre angenehm", sagt Resler. Als nächstes soll das ehemalige Wirtschaftsgebäude des Hofes umgebaut werden, Freizeiträume für Kinder sollen in diesem größten Haus des Hofes entstehen. Auch an dem restlichen Teil des Areals sei die Gemeinde interessiert, es gebe bereits eine Bauvoranfrage an die Stadt für die früheren Erziehungshäuser (¦ siehe Infokasten), sagt Resler. Der Homberghof ist bereits seit längerer Zeit nicht mehr für den normalen Autoverkehr freigegeben. Ein Schild vor der Einfahrtsschranke weist darauf hin. "Es gab früher häufiger das Problem, dass Müll dort oben abgeladen wurde", erklärt Böhm. Das Übergangsheim, auf das das Schild ebenfalls hinweist, ist indessen nicht mehr aktuell. 2011 haben die letzten Asylbewerber das Gelände verlassen. Zuletzt hatte die Stadt einen Teil des Hofes als mögliche Unterkunft für Flüchtlinge eingeplant. Rund 25 Flüchtlinge hätten untergebracht werden können, doch es kamen nie Bewohner und es sind auch jetzt keine dort untergebracht. Viktor Resler glaubt auch nicht, dass die Begegnung der "Jesu Christie"-Mitglieder mit muslimischen Flüchtlingen ohne Konflikte abgelaufen wäre. Außer der Gemeinde befindet sich noch das Vereinsheim des Turnklubs Herford von 1907 auf dem Hof. Nach den gescheiterten Plänen zur Umgestaltung in ein Kulturzentrum gibt es derzeit nur zwei Perspektiven: Entweder die Christengemeinde übernimmt und saniert weitere Teile oder der Ort ist dem weiteren Verfall preisgegeben. Die Geschichte des Homberghofs Der Homberghof besteht aus zwölf Gebäuden. Ursprünglich wurde er landwirtschaftlich genutzt. Später zog die Schäferei des Eickhofs ein. 1912 erwarb der Erziehungsverein, Vorläufer der Jugendhilfe Schweicheln, die ehemalige Schäferei und baute den Hof durch die Einrichtung einer neuen Fürsorgeeinrichtung und den Umbau der Scheunen zu einem landwirtschaftlichen Erziehungsheim für schulentlassene Jungen um. Während des Zweiten Weltkrieges fungierte der Hof als Lager für polnische, französische und italienische Militärinternierte, die als Zwangsareiter in landwirtschaftlichen Betrieben in Falkendiek arbeiteten. In den 1960er Jahren wurde der Homberghof von Grund auf umgestaltet. Das alte Fürsorgehaus musste neuen Erziehungshäusern weichen. Diese Häuser erhielten die Namen Waldhaus, Berghaus, Landhaus und Tannenklause, die heute noch an den Gebäuden angebracht sind. Die Erziehungshäuser Eickhof, Buchenhof und Homberghof waren im Jugendhilfesystem für viele Kinder und Jugendliche eine sogenannte vorletzte Station. Kam es in der Betreuung zu Problemen, wurde den jungen Menschen mit Einrichtungen wie der Jugendhilfe Freistatt gedroht, die von Unterdrückung und militärischem Drill geprägt war. Das Leben auf dem Hof kreiste um die beiden Pole Gebet und Arbeit. Die Jugendlichen sollten zu tugend- und arbeitsamen Menschen der Gesellschaft erzogen werden. Auf dem Homberghof arbeiteten die Jungen in der eigenen Landwirtschaft, in einer kleinen Besenwerkstatt und im hauswirtschaftlichen Bereich. Die Heimkinder lebten in „Familien" oder „Stationen" von etwa 20 Mitgliedern. In den 1990er Jahren wurden Teile des Hofs als Unterkunft für Spätaussiedler und Asylbewerber genutzt. Zeitweise waren mehr als 100 Personen verschiedener Nationalitäten untergebracht. Im Februar 2011 mussten die dort noch lebenden 20 Asylbewerber ausziehen, da das Trinkwasser mit Schwermetallen belastet war. Die meisten Gebäude standen bereits leer. 2012 gab es Überlegungen, Asylbewerber aus dem Balkan in Wohncontainern auf dem Areal unterzubringen. Die Idee wurde aber nicht umgesetzt.

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