Gleichstellung ist eine Herzensangelegenheit: Helga Gießelmann wusste aus eigenen Lebenserfahrungen mit welchen Problemen Frauen und Mütter zu Kämpfen haben und änderte etwas daran. - © Friderieke Schulz
Gleichstellung ist eine Herzensangelegenheit: Helga Gießelmann wusste aus eigenen Lebenserfahrungen mit welchen Problemen Frauen und Mütter zu Kämpfen haben und änderte etwas daran. | © Friderieke Schulz

Herford Helga Gießelmann und die Gleichstellung

Vor 30 Jahren: Helga Gießelmann ist die erste Gleichstellungsbeauftragte der Hansestadt. „Wir haben eine Menge bewegt“, sagt sie. Heute stellten die meisten Menschen die Berufstätigkeit von Frauen nicht mehr in Frage

Friderieke Schulz

Herford. Am 15. Oktober 1985 betrat Helga Gießelmann das Rathaus der Stadt Herford als erste Gleichstellungsbeauftragte. Kritisch wurde dieser Posten nicht nur vor ihrem Arbeitsbeginn betrachtet. „Es gab schon viele Stimmen, die sagten, dass die Stelle überbewertet und nicht notwendig sei“, erinnert sich Gießelmann. Aber auch positive Stimmen und Interessierte habe es gegeben. Denn so richtig konnte sich niemand etwas unter dem Beruf einer „Gleichstellungsbeauftragten“ vorstellen. „Obwohl es auf Bundes- und auch Landesebene bereits Gleichstellungsbeauftragte gab, war das für die Kommunen noch etwas ganz Neues“, weiß die Gießelmann. Vorreiter in OWL war die Stadt Bielefeld. Ihre Gleichstellungsbeauftragte trat 1984 an. Ein Jahr später folgte Herford als erste Stadt im Kreisgebiet. Aber wie startet man in einen Beruf, den es zum ersten Mal gibt? Als studierte Soziologin war die Bielefelderin vorbereitet. „Hinzu kam die Erfahrung aus meinem vorherigen politischen Engagement bei der Einrichtung der Gleichstellungsstelle. Das Wichtigste war, dass wir, die Gleichstellungsstelle, zunächst bekannt und deutlich machten, wer wir sind und was unsere Ziele sind“, erinnert sich Gießelmann und zeigt mehrere verblasste Blätter – eine Rede. „Nein, die Rede“, lacht Gießelmann und erzählt, dass diese Stücke Papier sie auf ihrem Weg zu Institutionen in und außerhalb der Stadt begleitet hätten. Denn dort galt es nicht nur, sich vorzustellen. „Wir mussten die Infrastruktur erfassen. Dafür haben wir viele Gespräche gesucht und geführt“, weiß die 66-Jährige. Wir, das sind Helga Gießelmann und Verena Fiegl, die ihr zur Seite stand. „Dann mussten wir aus der Basis der Gespräche die Bedürfnisse für Herford ermitteln. Aber auch eine Analyse darüber, wie die Verteilung in der Stadt in Zahlen war, haben wir erstellt“, so Gießelmann. An eine Diskussion aus ihrer Anfangszeit kann sich die SPD-Politikerin noch gut erinnern: „In dieser Zeit wurde auch die erste Kämmerin eingestellt. In der öffentlichen Diskussion fragte man sich statt der Kompetenz eher danach, wie man einen weiblichen Kämmerer nenne.“ Für Gießelmann gab es viel zu tun. Vor allem galt es, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was Gleichstellung eigentlich bedeutet. Viereinhalb Jahre arbeitete sie in diesem Posten. Oft wurde sie dabei nach dem Ergebnis ihrer Arbeit gefragt. „Die Ergebnisse sind natürlich schwer messbar, aber wir haben eine Menge bewegt“, sagt sie und zählt Änderungen auf, die erst zeitversetzt spürbar seien. „Als ich anfing, bestand der Rat der Stadt aus 46 Männern und fünf Frauen und das war in vielen anderen Bereichen auch der Fall.“ Heute stellen die meisten Menschen die Berufstätigkeit von Frauen nicht mehr in Frage. Gießelmann etablierte den Frauenbericht und erstellte daraus Förderpläne für Frauen in Herford. „Das ist heute alles im Landtagsgleichstellungsgesetzt geregelt“, sagt sie bescheiden, denn als Landtagsabgeordnete gestaltete sie dieses später federführend mit: „Solche Gesetzte fallen nicht vom Himmel und fallen auch den Jungs nicht ein, denn die haben diese Probleme nicht.“ Stolz ist Gießelmann auf die Vernetzungsarbeit und den heute spürbaren Wandel. Gleichstellung war und ist der heute 66-Jährigen auch nach ihrer Tätigkeit ein Anliegen und warum? „Ich bin eben auch eine Frau und Mutter und hatte selbst mit Vorurteilen und Einschränkungen zu kämpfen.“

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