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Birgit Ernst verpasste den Einzug ins Europaparlament denkbar knapp. - © Detlef-Hans Serowy
Birgit Ernst verpasste den Einzug ins Europaparlament denkbar knapp. | © Detlef-Hans Serowy

Werther Nach der Niederlage bei der Europawahl: So geht's für Birgit Ernst weiter

Fünf Monate nach ihrer Niederlage bei der Europwahl denkt die Wertheranerin über die Zukunft nach. Da die NRW-CDU am 26. Mai stark verlorent hat, zieht sie nicht ins Europarlament ein.

Detlef-Hans Serowy
21.10.2019 | Stand 21.10.2019, 11:43 Uhr

Werther. Birgit Ernst könnte jetzt im Brüsseler Europaparlament sitzen und über den Brexit oder die EU-Kommission entscheiden. Sie sitzt stattdessen in ihrem Esszimmer in Werther und blickt zurück auf ein „spannendes Jahr". Denkbar knapp hatte die 51-Jährige im Mai den Einzug in das EU-Parlament verpasst. „An dem Abend hat es mich geärgert", sagt Birgit Ernst mit Blick auf die Wahlnacht. Erst um 4.20 Uhr hatte sie Gewissheit. „Das Abschneiden von Kleinstparteien" gab vor fünf Monaten den Ausschlag, dass es für sie nicht reichte. Schuldzuweisungen an sie gab es nicht. „Da kann ich ja so unauffällig nicht gewesen sein" Nur Lob. Birgit Ernst habe einen „super Wahlkampf" geführt, der in OWL und in NRW angekommen sei, erklärte der CDU-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Ralph Brinkhaus. Er hatte Birgit Ernst am 1. Januar gefragt, ob sie sich die Kandidatur vorstellen könne. „Es ist schon toll, wenn man dafür ins Kalkül gezogen wird", sagt die dreifache Mutter. Da könne sie ja so unauffällig nicht gewesen sein. Birgit Ernst kocht ihrem Mann eine Fischsuppe zum Geburtstag, als Brinkhaus anruft. „Da musste ich erst ein Bier trinken." „Keine Frage Mama, das kannst du" Am Anfang stehen Zweifel. „Habe ich genügend Rüstzeug für ein solches Amt?" Birgit Ernst prüft sich und sucht Rat. „Keine Frage Mama, das kannst du", sagen die drei Kinder. Ehemann Harald (49) stärkt seiner Frau ebenfalls den Rücken. Das macht ihr Mut. „Darüber nachdenken tue ich heute noch", räumt die Ratsfrau mit Blick auf die Niederlage ein. „Es ärgert mich, dass ich Platz sechs nicht hatte", fügt sie hinzu. Das ist der CDU-Listenplatz, der sie sicher nach Brüssel gebracht hätte und den sollte sie eigentlich auch bekommen. Um diesen Platz hatte sich auch EU-Urgestein Elmar Brok beworben. Er war aber vom CDU-Landesvorstand nicht mehr berücksichtigt worden. Brok verzichtete auf eine Kampfkandidatur. Auch Birgit Ernst will auf der CDU-Landesversammlung in Siegburg nicht um Platz sechs streiten. Das hatte sie am Abend vorher schon beim CDU-Bezirksverband Ostwestfalen-Lippe tun müssen, als es um die Spitzenkandidatur für OWL ging. „Ich habe mich sehr schwergetan, gegen Bernd Schulze-Waltrup zu kandidieren." Knapp setzt sich Birgit Ernst mit 10:8 Stimmen durch. „Der Kollege war sehr enttäuscht." Acht Jahre sei er die Nummer zwei hinter Elmar Brok gewesen und für dessen Nachfolge gesetzt. „Das frisst an einem", sagt sie mit Blick auf das Verhältnis zu dem Paderborner. „Ich hatte ihn sofort angerufen, als mir die Kandidatur angetragen wurde." Sie habe damals in kurzer Zeit eine Menge gelernt, betont Birgit Ernst. „In der Politik geht es viel um Befindlichkeiten. Es ist unheimlich schwierig, jemandem zu sagen, er oder sie ist für ein Amt nicht geeignet." Das erfordere Fingerspitzengefühl und eine ganz klare interne Kommunikation. Gelernt hat Birgit Ernst auch, wie schnell und leicht sie zum Spielball von Interessen wurde. Nur wenige Stunden hat sie zur Vorbereitung. „Um 7.30 Uhr stand ich mit hohem Adrenalinspiegel vor der Halle und kannte fast niemanden aus der CDU-Spitze persönlich." „Da lief eine Welle, die ich nicht erwartet hatte" Mutig stellt sie sich Ministerpräsident Armin Laschet vor, der draußen noch ein Zigarillo raucht. „Ich war doch eine Nullnummer und ein unbeschriebenes Blatt." Das soll sich an dem Samstagmorgen ändern. Um 9.55 Uhr gibt es aber erst per SMS einen Rückschlag: „Es ist doch Platz sieben." Die Parteitagsregie hat hinter den Kulissen Interessen ausgeglichen und Birgit Ernst muss weichen. „Heute würde ich mich nicht mehr so zum Spielball machen lassen", steht für sie fest. In Siegburg hat sie in dem Moment andere Sorgen. „Ich musste vor den 250 Delegierten eine Rede halten." Die Rede wird ein Wendepunkt in ihrer Karriere. „Je mehr ich redete, desto mehr Spaß hatte ich." Es sei „ein Irrsinn", was man mit ein paar Worten erreichen könne. „Die Skepsis im Saal kehrte sich um, alle kamen danach auf mich zu." Die Wer-theranerin holt anschließend mit 93,1 Prozent mehr Stimmen als der Spitzenkandidat Peter Liese (92,3 Prozent). „Das Echo löst eine unheimliche Euphorie aus, allerdings ist dann auch die Fallhöhe auch sehr hoch." Vom äußersten Rand der Delegiertenkonferenz rückt die Kandidatin ins Zentrum. „Da lief eine Welle, die ich nicht erwartet hatte." Armin Laschet kommt zum Gratulieren, der WDR bittet um ein TV-Interview und auf dem Handy „trudeln unglaublich viele Nachrichten ein". Erst auf dem Rückweg kann Birgit Ernst den „unheimlich aufregenden Tag" verarbeiten und zur Ruhe kommen. Die Ruhe hält nicht lange vor. „Ich weiß jetzt viel über Bienenzucht" Im Wahlkampf lebt die 51-Jährige wochenlang „im Tunnel" und kommt an ihre Grenzen. „Da gab es viele Tage, an denen ich um fünf Uhr aufgestanden bin und um 22 Uhr zu Hause war." Dazwischen trifft Birgit Ernst die unterschiedlichsten Menschen und berichtet begeistert davon. „Ich weiß jetzt viel über Bienenzucht und hatte auch die Möglichkeit, viele spannende Gespräche zu führen." Einmal springt ihr ein hochbetagter Mann bei, als ein anderer Senior die Gleichberechtigung als „Wurzel allen Übels" bezeichnet. „Da habe ich gestaunt und mich gefreut." Alle persönlichen Anstrengungen sind vergeblich, als die CDU bei der Wahl einbricht und Platz sieben deshalb nicht zieht. „Danach habe ich unheimlich viel Bestätigung erfahren." In der Politik könne man ganz gut mal auf die Nase fallen, weil Menschen um einen herum das selbst erlebt hätten. Auf ein Leben der Mutter zwischen Brüssel und Werther hatte sich Familie Ernst schonvorbereitet. „Für die Familie ist das ganz gut, dass ich jetzt hier bin." Tochter Katharina (17) macht demnächst Abitur, die Söhne Ferdinand (14) und Justus (13) bräuchten die Mutter auch. „Der Wahlausgang war erschreckend knapp" „Politik macht mir Spaß", sagt Birgit Ernst bestimmt. Die Niederlage hat daran nichts geändert. Es war ja auch nicht die erste Niederlage. Bereits bei der Landtagswahl 2017 hatte sie mit 37,4 zu 37,7 Prozent der Stimmen gegen Georg Fortmeier (SPD) verloren. „Das war erschreckend knapp." Deshalb blickt die Steuerberaterin auch optimistisch in die Zukunft. Bei der Kommunalwahl 2020 will sie für den Stadtrat und den Kreistag antreten. 2021 sind Landtagswahlen. Birgit Ernst hat 2017 achtbar abgeschnitten. In zwei Jahren würden die Karten aber neu verteilt und man müsse abwarten, wen die Partei aufstelle, sagt sie bescheiden. 2023 stehen wieder Wahlen zum Europaparlament an. Birgit Ernst ist jetzt Europabeauftragte des CDU-Bezirks. „Seit dem Ausscheiden von Elmar Brok ist OWL nicht mehr in Brüssel vertreten." Sie wolle EU-Politik deshalb weiter vorantragen. Es gebe aber viele mögliche Kandidaten. "Das macht Politik spannend" An der Politik reizt sie die Flut der Informationen, „die ich sonst nicht bekomme". Sie sei neugierig und wissbegierig. „In der Politik kann man außerdem mehr gestalten, als vielfach im Beruf." Das sei sehr befriedigend und mache Politik spannend, räumt Birgit Ernst ein. Sie rückt ihren Stuhl vom Esszimmertisch ab und fährt zur Arbeit. Das Europaparlament rückt für einen Augenblick in den Hinterkopf. Es ist aber nie ganz weg. Denn wenn einer der sechs NRW-Abgeordneten ausscheidet, dann ist Birgit Ernst am nächsten Tag in Brüssel.

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