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Thomas Pfeiffer zeigt anhand eines T-Shirts, welch versteckte Symbole heute von den Rechtsextremisten verwendet wird. „Immer einen Millimeter unter der Strafbarkeitsgrenze“. - © Karin Prignitz
Thomas Pfeiffer zeigt anhand eines T-Shirts, welch versteckte Symbole heute von den Rechtsextremisten verwendet wird. „Immer einen Millimeter unter der Strafbarkeitsgrenze“. | © Karin Prignitz

Schloß Holte-Stukenbrock Jugendliche im Fokus der Rechtsextremisten

Ein Rechtsextremismus-Experte führt vor Augen, mit welchen Mitteln vor allem junge Menschen angelockt werden.

Karin Prignitz
09.10.2019 | Stand 09.10.2019, 10:20 Uhr

Schloß Holte-Stukenbrock. Die Zahlen der Verfassungsschutzbehörde, die Thomas Pfeiffer mitgebracht hat, sprechen für sich. 24.000 Rechtsextremisten leben danach in Deutschland, „davon sind 12.000 gewaltorientiert". In Nordrhein-Westfalen liege die Zahl bei 3.300, „2.000 davon sind gewaltorientiert". Mit seinem Vortrag „Erlebniswelt Rechtsextremismus – modern – subversiv – hasserfüllt" eröffnete der wissenschaftliche Referent für Rechtsextremismusprävention beim Verfassungsschutz NRW die Reihe der Veranstaltungen im VHS-Forum. Erlebniswelt. Dieser Begriff, der auf den ersten Blick fehl am Platze zu sein scheint, soll die Vielschichtigkeit des Rechtsextremismus andeuten. Er steht aber auch für die Mittel und Strategien, mit denen gerade junge Menschen für die rechte Szene gewonnen werden. „Die Forschung geht davon aus, dass das typische Einstiegsalter zwischen 13 und 15 Jahren liegt", sagt Thomas Pfeiffer. Er kenne aber auch Zwölfjährige, die eingestiegen seien. "Sie sind rassistisch und demokratiefeindlich" Thomas Pfeiffer, der Lehrbeauftragter an der Ruhr-Universität Bochum ist, nahm den nur kleinen Kreis der Zuhörer mit „auf einen Parforceritt". Der 49-Jährige macht in seinem Vortrag deutlich, dass sich Rechtsextremisten längst neuer, zeitgemäßer Formen bedienen. Ein modernes Bild präsentieren sie, greifen auf eine breite Stilpalette zu und nähern sich so ganz bewusst den Ausdrucksformen der aktuellen Jugendkultur an. Dynamisch, cool, provokant. Die Inhalte aber seien im Kern gleich geblieben. „Sie sind rassistisch und demokratiefeindlich." „Selbst die harte, gewaltbereite Neonaziszene werden wir an kleinen Zeichen nicht mehr erkennen." Aber es gebe sie noch, betont Pfeiffer. „Altes Denken – neuer Look." Graffiti, Schriften und Symbole: Symbol- und Bildsprache werde so modernisiert, „dass jugendliche Betrachter sie nicht mit Rechtsextremismus verbinden". Jugendliche, auch das zeigten Studien, seien eigentlich sogar weniger fremdenfeindlich als ältere Menschen. „Aber sie stehen im Fokus der Rechtsextremisten, keine andere Zielgruppe wird so systematisch angesprochen." Rechtsextremismus als Großstadtsystem? Und zwar längst nicht nur in den Metropolen. „Dass Rechtsextremismus ein Großstadtsystem ist, stimmt so nicht", betont Pfeiffer. Die sogenannten Reichsbürger etwa seien gerade in ländlichen Gebieten häufiger zu finden. Ausgrenzendes Denken, aggressive Posen, beides gebe es auf dem Land und in der Stadt gleichermaßen. Die alles entscheidende Frage sei, warum sich Jugendlichen vom Rechtsextremismus angesprochen fühlten, warum sie sich einer von Hass erfüllten Szene anschließen. „In aller Regel wird niemand dazu gezwungen." Es müsse also Gründe geben. „Die Frage nach dem Warum ist die Schlüsselfrage der Prävention", das hob Pfeiffer hervor. „Was reizt? Was macht attraktiv?" Womöglich seien es die medialen Erlebniswelten, Festivals, Konzerte, „oder was immer Action und Gemeinschaft verspricht". Menschen mit schwach ausgeprägtem Selbstbewusstsein fühlen sich gestärkt Die wohl wichtigste Werbebotschaft der Rechten: Kameradschaft und Zusammenhalt in unsicheren Zeiten. Gerade Menschen mit schwach ausgeprägtem Selbstbewusstsein fühlten sich gestärkt durch scheinbare Anerkennung und Wertschätzung. Nicht selten hat Pfeiffer folgenden Satz gehört: „Ich habe mich noch nie so vorbehaltlos angenommen gefühlt." Rechtsextremisten verstünden es, politische Agitation mit Freizeitaktivitäten und Lifestyle zu verschmelzen. Derzeit, so Pfeiffer, stehe vor allem die Hetze gegen Muslime und Geflüchtete im Mittelpunkt rechter Kampagnen. „Sie sind die zentralen Feindbilder. Einschüchterungen und Bedrohung nehmen zu." Im Anschluss an den Vortrag hatten die Besucher die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Was interessierte, war unter anderem das Thema „Hass im Netz und auf der Straße". Pfeiffer empfahl: „Wann immer es möglich ist, widersprechen." Bei der AfD sieht Pfeiffer Überschneidungen zum Rechtsextremismus, aber weit differenzierter als beispielsweise bei der Partei „Die Rechte". Die wohl wichtigste Botschaft des Abends: „Eine starke, lebendige Demokratie ist der beste Schutz vor jedem Extremismus."

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