Elektronische Arbeitszeiterfassung. - © Roland Thöring
Elektronische Arbeitszeiterfassung. | © Roland Thöring

Schloß Holte-Stukenbrock Wie Betriebe Arbeitszeit erfassen

Neue Rechtsprechung: Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs müssen alle Arbeitgeber ein Arbeitszeiterfassungssystem einrichten. Die NW macht eine Stichprobe in Schloß Holte-Stukenbrock

Schloß Holte-Stukenbrock. Alle 28 EU-Mitgliedstaaten müssen die Arbeitgeber verpflichten, ein System einzurichten, mit dem die tägliche Arbeitszeit der Belegschaft dokumentiert werden kann. Das hat der Gerichtshof der Europäischen Union in Luxemburg jetzt entschieden. Ein Handwerksbetrieb aus Schloß Holte-Stukenbrock hat bereits einen mobilen Weg der Erfassung eingeschlagen. Anlass des Urteils war die Klage einer spanischen Gewerkschaft gegen die Deutsche Bank, die bislang nur die Überstunden erfasst hatte. Das reiche nach Ansicht des Gerichtes nicht aus, um die in allen EU-Staaten zugesicherten Arbeitnehmerrechte zu garantieren. Während der Deutsche Gewerkschaftsbund das Urteil begrüßt, sieht es der Unternehmerverband Metallindustrie kritisch. Es passe nicht in die Zeit, demnach fordern Arbeitnehmer vermehrt Vertrauensarbeitszeit. Die Holter Regelarmaturen GmbH, kurz HORA, gehört mit knapp 300 Mitarbeitern zu den größeren Arbeitgebern in der Stadt. Der Armaturenhersteller mit Sitz an der Helleforthstraße hat seit vielen Jahren bereits ein Arbeitszeiterfassungssystem, teilt Personalbuchhalterin Kerstin Fleiter-Tews mit. Längst funktioniert das für Mitarbeiter mit einer elektronischen Stempeluhr am Eingang und einem Chip. Die neue Rechtsprechung wird das Unternehmen also vorerst nicht betreffen. Kerstin Fleiter-Tews verweist auf das Arbeitszeitgesetz, in dem die tägliche Arbeitszeit oder die Ruhepausen festgeschrieben sind. Die Arbeitszeiterfassung ist ein Instrument, die Einhaltung der Bestimmungen zu gewährleisten. Koos Witteveen ist Betriebsratsvorsitzender bei HORA. Er glaubt, dass sich das Unternehmen weitere Gedanken über die Arbeitszeiterfassung machen müsste, wenn mehr Mitarbeiter zum Beispiel Homeoffice nutzen würden. Zwar könnten sich das einige Mitarbeiter vorstellen, weiß Witteveen, ein relevantes Thema sei das im Unternehmen aber derzeit nicht. Auch sei die Rechtsprechung noch zu frisch, der Betriebsrat kann sich aber vorstellen, bald ein Gespräch zu diesem Thema mit der Geschäftsleitung zu führen. Wenn das Stempeln mal vergessen worden sei, bestehe die Möglichkeit, die Zeiten nach Absprachen mit den Vorgesetzten nachzutragen, ergänzt Koos Witteveen. »Es ist der fairste Weg für alle« Bei Düspohl Maschinenbau an der Heller läuft es ähnlich. Die Firma ist mit 55 Mitarbeitern auf der Schwelle von der kleinen zur mittleren Betriebsgröße. Uwe Wagner ist Geschäftsführer des Maschinenbauers für die Holz- und Kunststoffindustrie. Er habe aus den Nachrichten von dem Urteil gehört. Bei Düspohl gibt es ebenfalls seit Jahren eine Zeiterfassung mit einem Transponder am Schlüsselbund. Die Angestellten im Büro melden sich am Rechner an. Anfallende Überstunden bei Projekten werden auf einem gesonderten Konto erfasst, auf das die Mitarbeiter bis zu 180 Stunden aufladen können. Die müssen innerhalb von 1,5 Jahren abgebaut werden, sei es durch freie Tage oder Entlohnung mit Aufschlag. Das Unternehmen sucht aktuell Mitarbeiter zum Beispiel in den Sparten Montage, Konstruktion und Programmierung. Bei Einstellungsgesprächen spiele eine vorhandene Zeiterfassung keine Rolle, sagt Uwe Wagner. Die Kritik des Unternehmerverbandes teilt er nicht: „Es ist der fairste Weg für alle." Die Industrie- und Handelskammer schätzt, dass die meisten Unternehmen aus der Branche Herstellung und Produktion bereits eine Zeiterfassung besitzen. Bei stationären Arbeitsplätzen sei das auch unproblematisch. Lösungen müssen aber für Montage, Außendienst oder Homeoffice gefunden werden. Andere Branchen seien noch nicht so weit und müssen sich womöglich auf Umstellungen gefasst machen. Für die konkrete Umsetzung des Europarechts sind die EU-Mitgliedstaaten verantwortlich. Für das Gaststätten- und Hotelgewerbe gibt es seit 2016 einen Tarifvertrag, der Arbeitszeit und Ruhepausen definiert. Darin steht auch, dass ein „dokumentenechter Soll- und Ist-Dienstplan" zur Erfassung von Minder- oder Mehrarbeitszeiten geführt werden muss. Viele der 45 Mitarbeiter der Firma „Elektro Dresselhaus" sind häufig auf Baustellen unterwegs und fahren gar nicht erst in den Betrieb. Die Arbeitszeiten werden deshalb per Smartphone-App erfasst und laufen ins System ein, erklärt Patrick Junker aus der Verwaltung. Damit sei das Unternehmen für einen Handwerksbetrieb schon fortschrittlich, andere arbeiten mit Papierlisten. Der bürokratische Aufwand werde mit dieser App gering gehalten.

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