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Oerlinghausen / Bielefeld / Schloß Holte-Stukenbrock Landgericht Bielefeld schickt junge Gewalttäter in Haft

Angeklagte hatten grundlos und brutal zu später Stunde in Oerlinghausen auf Passanten eingetreten. Opfer leidet heute noch unter den Folgen

Nils Middelhauve
10.04.2019 | Stand 11.04.2019, 12:12 Uhr

Bielefeld/Oerlinghausen/Schloß Holte-Stukenbrock. Offenbar war es ein missverstandener Scherz, der für einen Gewaltexzess sorgte. Möglicherweise hätte es dieses - ohnehin nichtigen - Anlasses aber auch gar nicht bedurft: Im Mai des vergangenen Jahrs schlugen und traten drei junge Männer zu nächtlicher Stunde völlig grundlos  auf einen Passanten ein. Das Bielefelder Landgericht verurteilte nun zwei der Beteiligten zu Jugendstrafen von drei Jahren und drei Monaten sowie drei Jahren. Einen dritten Angeklagten sprach die Kammer frei. In der Nacht auf den 26. Mai 2018 hielten sich die drei Angeklagten Vincent F. (20), Marian J. (19) und Niklas V. (18; Namen aller Betroffenen geändert) außerhalb der Schulzeit mit mehreren Freunden auf dem Gelände der an der Weerthstraße gelegenen Heinz-Sielmann-Schule in Oerlinghausen auf. Schüler der Schule sind sie auch nicht. Gegen 0.30 Uhr lief eine Gruppe Erwachsener an ihnen vorbei, die aus einem nahe gelegenen Biergarten kam. Ein Mann aus dieser Gruppe rief - ganz offensichtlich als Scherz gemeint - mit verstellter Stimme: "Was soll die Ruhestörung? Hier ist das SEK." Zuruf aus Spaß: »Was soll die Ruhestörung? Hier ist das SEK« Durch diesen Ruf fühlte sich der aus Schloß Holte-Stukenbrock stammende Marian J. dazu angehalten, auf die Gruppe zuzugehen. Er baute sich in aggressiver und drohender Manier vor dem deutlich größeren Rufer auf. Weitere Personen aus der Gruppe der jungen Leute stießen hinzu. Es folgte ein längerer Disput, der sich über etliche Minuten hinzog und in dessen Verlauf Marian J. immer wieder stichelte und provozierte. Das Geschehen schien sich eigentlich schon wieder beruhigt zu haben, als die Situation vollends eskalierte: Plötzlich schlug Marian J. den bis dahin vollständig unbeteiligten A. zu Boden. Gemeinsam mit einem nicht mehr sicher zu ermittelnden Dritten schlugen und traten J. und der aus Bielefeld stammende Vincent F. nun auf Körper, Kopf und Beine ihres liegenden Opfer ein. Nach einem kurzen Moment der Schockstarre gelang es einigen der Anwesenden, die Täter von A. wegzudrängen. Doch plötzlich lief J. abermals auf den Mann zu und trat diesem mit erheblicher Wucht gegen den Kopf. "Es war J. klar, dass dies lebensgefährlich war, doch es war ihm egal", sagte die Vorsitzende Richterin Beate Schlingmann in der Urteilsbegründung, "es ging ihm nur darum, seine Aggressionen loszuwerden." Auch Vincent F. trat dem Mann nochmals von oben auf den Kopf. Das Opfer erlitt erhebliche Kopfverletzungen und leidet noch heute unter Wortfindungsschwierigkeiten. Der wegen eines Einbruchdiebstahls vorbestrafte Vincent F. stand zur Tatzeit unter laufender Bewährung, nur vier Tage vor dem brutalen Zwischenfall war er aus einem zweiwöchigen Arrest entlassen worden. "Die Tat zeugt von einer Rohheit, die außergewöhnlich ist", sagte Richterin Schlingmann. Ebenfalls auf der Anklagebank saß der 18-jährige Niklas V. aus Oerlinghausen. Das Gericht sprach ihn jedoch frei, da seine Beteiligung an dem Gewaltexzess nicht mit der für eine Verurteilung notwendigen Sicherheit festzustellen war. Zum Angeklagten V. gewandt sagte Richterin Schlingmann: "Die Justiz kann besser damit leben, einen möglicherweise Schuldigen freizusprechen, als jemanden für etwas zu verurteilen, das dieser vielleicht nicht begangen hat. Sie selbst wissen, was damals geschehen ist und müssen es mit Ihrem Gewissen vereinbaren."

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