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Wertvoller Archivschatz: Günter Potthoff (v. l.) überreicht Oliver Nickel und Jens Hecker unter anderem einen Handbohrer, Bücher, Postkarten und eine umfunktionierte Geschosshülse. Die Bücher müssen jetzt in die Regale einsortiert werden. - © Sigurd Gringel
Wertvoller Archivschatz: Günter Potthoff (v. l.) überreicht Oliver Nickel und Jens Hecker unter anderem einen Handbohrer, Bücher, Postkarten und eine umfunktionierte Geschosshülse. Die Bücher müssen jetzt in die Regale einsortiert werden. | © Sigurd Gringel

Schloß Holte-Stukenbrock Nachlass ergänzt die Gedenkstätte

Erinnerungskultur: Heimatforscher Günter Potthoff überreicht der Gedenkstätte Stalag 326 einen wertvollen Bücher- und Fotoschatz. Umfunktionierte Alltagsgegenstände haben interessante Geschichten

Sigurd Gringel
03.02.2019 | Stand 04.02.2019, 12:00 Uhr

Schloß Holte-Stukenbrock. Günter Potthoff ist Heimatforscher und eifriger Sammler historischer Zeugnisse. Jetzt hat er einen Teil seines Archivschatzes der Gedenkstätte Stalag 326 überlassen. Mehrere hundert Bücher, Postkarten, Diafilme, einen Handbohrer und eine umfunktionierte Geschosshülse. Mit letzterer warnten die Einwohner vor Plünderern. Ein Satz, den Günter Potthoff häufig sagt, lautet: „Davon hab’ ich jeeede Menge." Tatsächlich hat er im Lauf der Jahre so viel Material gesammelt, dass sein Haus allein zur Aufbewahrung gar nicht mehr ausreicht. Oft sind es Gegenstände, die seit Jahren unbenutzt auf Dachböden oder in Kellern schlummern. Nach einem Todesfall wenden sich Hinterbliebene häufig an ihn und fragen, ob er dafür Verwendung hätte. »Körbe, Kisten und und und« Die Aufarbeitung der Geschehnisse in Stukenbrock-Senne zur Zeit der Nationalsozialisten und anschließend der Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten zählt zu seinen besonderen Interessensgebieten. So hat er damals den Förderverein der heutigen Gedenkstätte Stalag 326 mitbegründet und seitdem „Körbe, Kisten und und und hierhin getragen". Nach dem Tod von Wolfgang Wrobel bot dessen Witwe Helga Günter Potthoff die umfangreiche Buchsammlung an. Potthoff hat daraufhin geschätzt 5.000 Bücher gesichtet, viele zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Darunter namhafte Historiker, die vorwiegend in den 80er bis 2000er Jahre publiziert haben. 400 bis 500 hat Potthoff in Umzugskartons gepackt und jetzt in die Gedenkstätte gefahren. Hinzu kommen etwa 500 Bücher aus einem weiteren Nachlass. Sogar die Regale hat der Heimatforscher mitgebracht. Gedenkstätten-Geschäftsführer Oliver Nickel bedankt sich. „Die Bücher haben einen hohen Wert für uns." Eigentlich gab es in der kleinen Gedenkstätte nicht genügend Platz, jedoch hat die Polizei einige Räume in einem benachbarten Pavillon freigegeben. Dort ist jetzt auch eine kleine Fachbibliothek mit einem Arbeitsplatz eingerichtet. Schüler und Studenten bekunden mitunter Interesse, in der Gedenkstätte für ihre Facharbeiten zu recherchieren. Nickel: „Das können wir jetzt ermöglichen." Er wisse aus den Stegreif nicht, wo es sonst in der Region eine derart umfangreiche Sammlung zu diesem Sachgebiet gebe. Öffentlich zugänglich ist die Bibliothek aber nicht. "Die Geschichte ist so wichtig wie der Fund" Neben den Büchern hat Günter Potthoff auch Postkarten aus dem Nachlass der Fotografenfamilie Altemeier aus Hövelriege mitgebracht. Vater Johann hat einst Passbilder der Vertriebenen für das Sozialwerk Stukenbrock gemacht, Sohn Norbert hat später das Gelände für Postkartenmotive aufgenommen. Dazu sagt Oliver Nickel: „Ich habe über Jahre etwa 40 gebrauchte Postkarten im Internet erstanden. Und Günter Potthoff bringt uns auf einen Schlag Hunderte von neuen." Auch eine Diaserie von Diakon Bringfried Schubert ist dabei. Zudem zwei Gegenstände: ein alter Handbohrer, den Herbert Teichmann in den 50er Jahren unter einer Baracke entdeckt hat, und eine Geschosshülse, die zu einer Glocke umfunktioniert wurde. Damit haben die Einwohner nach der Befreiung gewarnt, wenn Plünderer gesichtet wurden. „Die Geschichte dazu ist genauso wichtig wie der Fund selbst", sagt Gedenkstättenmitarbeiter Jens Hecker.

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