Betroffenheit: Das ungeheure Ausmaß des Leides der sowjetischen Kriegsgefangenen und die Verscharrung der Toten in Massengräbern berühren die Teilnehmer der Führung. Oliver Nickel (r.) macht ihnen deutlich, dass in jeder der Massengräberreihen hinter den Grabsteinen mit rotem Stern Tausende von Toten liegen. - © Sibylle Kemna
Betroffenheit: Das ungeheure Ausmaß des Leides der sowjetischen Kriegsgefangenen und die Verscharrung der Toten in Massengräbern berühren die Teilnehmer der Führung. Oliver Nickel (r.) macht ihnen deutlich, dass in jeder der Massengräberreihen hinter den Grabsteinen mit rotem Stern Tausende von Toten liegen. | © Sibylle Kemna

Schloß Holte-Stukenbrock Emotionale Momente am Massengrab

Gedenken: Eine Führung über den Ehrenfriedhof mit Oliver Nickel macht das Ausmaß der Tötung sowjetischer Kriegsgefangener deutlich – und die Bedeutung des Friedhofs für die Angehörigen der Opfer

Schloß Holte-Stukenbrock. Ein Denkmal des Massenmordes an sowjetischen Kriegsgefangenen ist der Ehrenfriedhof in Stukenbrock-Senne. „Vernichten war der Plan“, erklärte Oliver Nickel jetzt bei einer Führung über den Friedhof. „Die mörderische Behandlung der Gefangenen war Teil des Vernichtungskrieges.“ Der Geschäftsführer der Gedenkstätte Stalag 326 erläutert den ein Dutzend Teilnehmern zunächst das Lager, in dem es bei der Ankunft der ersten Kriegsgefangenen keinerlei Infrastruktur zur Unterbringung gab. Wie die als „slawische Untermenschen“ deklassierten Häftlinge in Laubhütten hausten und Baumrinde aßen, konnten sich anfangs noch die Bewohner der Senne anschauen. „Doch als die Gestapo merkte, dass die Menschen vor dem Zaun Mitleid hatten, wurde das eingestellt.“ So starben die oft sehr jungen gefangenen Rotarmisten in Scharen. An Unterernährung, Seuchen, TBC. „Sie wurden auch gefoltert und ermordet“, betont Nickel. Von hier aus wurden sie in Arbeitskommandos dem Ruhrbergbau, der Landwirtschaft, der Möbelindustrie zugeteilt und dort mit Glück besser behandelt und ernährt, damit sie überhaupt arbeiten konnten. 16.000 Tote wurden bisher identifiziert Wie viele Tote hier liegen, unter ihnen auch Zwangsarbeiter, weiß niemand. Die Zahl 65.000 ist ein Annäherungswert. 16.000 wurden inzwischen identifiziert anhand der Unterlagen. Die Namen und Lebensdaten wurden 2015 auf Stelen im hinteren Teil des Friedhofs verewigt. Die Besucher wandern betroffen an ihnen entlang. „Wahnsinn, da erkennt man erst mal die Dimensionen“, sagt einer. Die Toten wurden zu Dutzenden oder Hunderten in Massengräbern verscharrt. Angehörigen, die ihrem Vater, Opa oder Urgroßvater die letzte Ehre erweisen wollen, kann Nickel nur anhand deren Todestages sagen, in welchem der 36 Massengräberreihen, in denen die toten Körper in sechs bis sieben Schichten gestapelt wurden, dieser vermutlich liegt. Jede dieser Reihen ist 112 Meter lang, 2,20 Meter breit, beginnt mit einem Grabstein mit rotem Stern und zieht sich dann über die Wiese bis hin zum Zaun. „Damals waren das rote Katzenaugen, also Fahrradrückleuchten“, berichtet Nickel. „Diese Steine sind für die Angehörigen sehr wichtig“, verdeutlicht er. Die Verwandten erführen oft erst „hier vor Ort, was das Stalag war und reagieren oftmals sehr emotional“. Wenn sie dann vor einem der 36 Grabsteine stehen, in dem vermutlich ihr Vorfahr liegt, legen sie oft einen Blumenstrauß nieder und weinen. „Wir haben auch schon mitgeflennt“, erzählt Oliver Nickel. Doch würdigten die Angehörigen den gepflegten Friedhof und seien immer sehr freundlich. „Es gibt nie Vorwürfe.“ Dafür auch „sehr schöne Momente, wenn sie zum Beispiel Erde mitbringen vom Grab der Großmutter, um die beiden zu vereinen“. Manch einer bringe auch eine Platte oder einen kleinen Grabstein mit, der dann auch aufgestellt werde. „Damit wollte man die Sterbequote drücken“ Dass die Wiese, die einen Großteil des Ehrenfriedhofs ausmacht, die Massengräber unter sich birgt, war vielen Besuchern nicht bewusst. „Wir haben uns als Jugendliche auf der Wiese getroffen und uns war nicht klar, dass unter uns die Massengräber sind“, berichtet auch Nickel aus eigener Erfahrung. Immer wieder treffe er Menschen an, die hier mit ihrem Hund spielen, und sogar einen Golfspieler musste er schon von der Wiese verweisen. In anderen Teilen des Ehrenfriedhofs wird den Besuchern eher bewusst, dass hier Menschen begraben wurden. Auf einem Areal steht eine Gedenktafel für 396 Tote. Doch die darauf zu lesende Angabe, dass in dem Lager zwei Millionen Kriegsgefangene waren, sei falsch, erläutert Nickel. „Damit wollte man die Sterbequote drücken.“ Und im hinteren Teil stehen viele identische Grabsteine mit je vier Namen. Sie wurden 1963/64 für 1.088 Tote aufgestellt.

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