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In der Kritik: Clemens Tönnies - © Christian Weische
In der Kritik: Clemens Tönnies | © Christian Weische

Rheda-Wiedenbrück Kommentar zu Tönnies: "Echte Reue wäre so einfach"

Clemens Tönnies steht nach seinen Äußerungen in der Kritik. Die Schalkefans zeigten ihm beim Pokalspiel am Samstag die rote Karte, sein Amt als Aufsichtsratschef lässt er für drei Monate ruhen.

Ludger Osterkamp
11.08.2019 | Stand 11.08.2019, 13:22 Uhr

Gütersloh. Wie sich Clemens Tönnies über das Zeugungsverhalten von Afrikanern ausgelassen hat, ist unsäglich und rassistisch. Daran gibt es nichts zu relativieren. Das vorab. Aber Clemens Tönnies ist halt, wie er ist. Er ist Schlachter, Unternehmer, Vorsitzender der Rhedaer Stadtschützen, Boss eines Fußballklubs, der sich als Heimstatt für Kumpel geriert, und einer, der sich beim Frühlingsfest im Parkhotel gerne mal das Mikro schnappt und auf der Bühne den Entertainer gibt. Tönnies ist ein Zampano. Keiner, dessen Worte jederzeit für die Goldwaage geeignet wären. Er haut eher mal einen raus. Dass in diesen Tagen die Empörungswelle über ihn schwappt, hat er sich verdient. Gewiss, er hat sich entschuldigt. Aber das reicht nicht. Mal dahingestellt, ob er tatsächlich Reue empfände – Tönnies müsste mehr tun, als nur einige Monate seinen Posten bei Schalke ruhen zu lassen und sich bei nächster Gelegenheit geflissentlich neben Gerald Asamoah zu stellen. Das Gegenteil von Rassismus ist Humanismus, also ist die Sache ganz einfach: Tönnies sollte sein Augenmerk auf jene richten, die zu hunderten, zu tausenden um ihn herum sind: Seine Schlachter. Die meisten sind Rumänen und Bulgaren, aber vielleicht sind ja auch ein paar Afrikaner darunter. Ohne billige Arbeiter kein Profit Die teils unwürdigen Lebensumstände dieser Menschen in Kauf zu nehmen, ist der eigentliche, vielleicht größere Skandal. Denn dahinter steckt keine dahingekleckerte, achtlose Bemerkung, sondern ein kühl kalkuliertes, seit Jahren bewusst aufrechterhaltenes System: Ohne billige Arbeiter kein Profit. Abwehrend die Hände hoch zu nehmen und ostentativ zu beteuern, für dieses Werksarbeitersystem trage er keine Verantwortung, das sei Sache der Vertragspartner und aufgrund der Anforderungen an die Flexibilität von Fertigung leider kaum zu ändern, ist lächerlich. Die Arbeitnehmerüberlassung ist qua Gesetz nur für den Übergang gedacht, und wie sieht es beim Tönnies-Konzern aus? 4.000 Menschen arbeiten in der Produktion, nur 500 davon sind fest angestellt, alle anderen kommen über Verleihfirmen. Das sind extreme, nicht zu rechtfertigende Auswüchse. Tönnies kann nicht so tun, als gingen ihn überbelegte Wohnungen, Wochenarbeitszeiten von mehr als 50 Stunden, fehlende Lohnfortzahlungen und der systematische Verschleiß von Menschen nichts an. Echte, glaubhafte Reue? Die könnte er beweisen, indem er auch daran etwas ändert. Im übrigen, was seine Sorge über Überbevölkerung angeht: Je wohlhabender die Menschen sind, desto weniger Kinder kriegen sie; das gilt unabhängig von Rasse und Herkunft.

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