Sicher: An Bord der "Ville de Pluton" danken die Geretteten der Besatzung. Der Frachter bringt sie nach Hongkong. Von dort fliegt Tran Hoang Nam (hinten Mitte) drei Monate später nach Deutschland. - © Privat
Sicher: An Bord der "Ville de Pluton" danken die Geretteten der Besatzung. Der Frachter bringt sie nach Hongkong. Von dort fliegt Tran Hoang Nam (hinten Mitte) drei Monate später nach Deutschland. | © Privat

Harsewinkel Schütze und nicht Soldat: Wie ein Mann aus Vietnam geflohen ist und was er jetzt in Harsewinkel macht

Tran Houng Nam ist Mitglied der Kameradschaft ehemaliger Soldaten. Bis der gebürtige Vietnamese in Harsewinkel eine neue Heimat fand, musste er viele gefährliche Wege gehen

Burkhard Hoeltzenbein
11.06.2019 | Stand 08.06.2019, 22:42 Uhr

Harsewinkel. Das Uniformtragen und Schießen hat Tran Houng Nam zwangsweise als Wehrpflichtiger der vietnamesischen Armee als 19-Jähriger lernen müssen. Vor gut 30 Jahren schickte ihn die vietnamesische Armee ins Nachbarland Kambodscha. "Angeblich sollten wir dort Brunnen bohren oder Reis und Mais anpflanzen", erinnert sich der heute 50 Jahre alte Harsewinkeler an die falschen Versprechungen. Die erste Flucht erlebt er bereits als Sechsjähriger Stattdessen gab es immer wieder Gefechte mit versprengten Roten Khmer. Die Anhänger des 1978 von den Vietnamesen vertriebenen Massenmörders Pol Pot, unter dessen Schreckensregime etwa zwei Millionen Menschen ermordet wurden, widersetzten sich auch zehn Jahre nach dem Zusammenbruch der von den vietnamesischen Kommunisten gelenkten neuen Regierung. "Ich habe es nicht ausgehalten, ich musste weg", erzählt Tran, wie er mit drei weiteren Wagemutigen die Flucht durch den Dschungel zurück in sein Heimatland nach Vietnam wagt. Ohne Kompass und Karte orientieren sich die jungen Männer nur nach Sonne und Sternen, laufen nachts, verstecken sich tagsüber auf Bäumen. "Gut, dass unsere Verfolger keine Hunde dabei hatten", erinnert sich Tran Houng Nam, wie die Häscher einige Male direkt unter ihnen vorbei laufen. Zurück in Vietnam kommt er bei einem Onkel als Illegaler unter. Eine Flucht hat Tran Houng Nam schon zuvor einmal erlebt. Das war im April 1975, als der Vietcong die US-Truppen und ihre südvietnamesischen Verbündeten überrennt. Seine Eltern schlagen sich mit dem Sechsjährigen und vier Geschwistern von der schwer umkämpften Küstenstadt Danang bis nach Saigon durch. Die Bilder der panisch fliehenden US-Truppen, die zuletzt per Hubschrauber noch Militärangehörige und Botschaftspersonal auf die vor der Küste kreuzenden Flugzeugträger ausfliegen, gehen damals um die Welt. Von den Südvietnamesen, die die Rache des Vietcong fürchten, kommen nur jene mit guten US-Verbindungen mit. "Wir hatten keine Chance", sagt Tran. Seine Familie muss bleiben, erlebt den Einmarsch der Nordvietnamesen, erlebt Repressionen. Er selbst darf die Schule nicht beenden, bekommt Studien- und Ausbildungsverbot. Zudem wird er wegen seines katholischen Glaubens ausgegrenzt. Tran bringt sich selbst das Schrauben an Maschinen und Bootsmotoren bei. Wie ihm geht es vielen Südvietnamesen. Tausende machen sich in den nächsten Monaten auf die abenteuerliche Flucht in völlig seeuntauglichen Booten über das Meer. "Die Cap Anamur von Rupert Neudeck war damals die Rettung für viele Leute", erinnert er an die "Boatpeople". Mit dem Boot flieht er mit 78 anderen Menschen aufs offene Meer Tran Houng Nam wird erst zehn Jahre später selbst zum Bootsflüchtling. Nach seiner abenteuerlichen Rückkehr aus Kambodscha will er nur noch so schnell wie möglich weg aus Vietnam, wo er nicht mehr sicher ist. Sein Onkel kauft ein Sampan, schart weitere Verwegene um sich, die die Flucht ebenfalls wagen wollen. Am Ende sind es 78 Menschen, die sich auf dem nur für die Flüsse ausgelegten, 15 Meter langen Ruder- und Segelboot aufs offene Meer aufmachen. Die Küstenwache erwischt sie, Warnschüsse fallen. Dann zielen die Vietcong genau, ein Mann bekommt einen Schulterschuss. Stundenlang verhandelt ein Lehrer mit den Soldaten, die sie schließlich gegen alles Gold und Bargeld an Bord davonkommen lassen. Der Steuermann hat sich abgesetzt, ohne nautische Ahnung fahren sie mit defekter Schraube und ständiger Angst vor Piraten weiter. Statt nach Südwesten in Richtung Indonesien treiben Wind und Wellen die Flüchtlinge aber nordostwärts durch das südchinesische Meer. Nach fünf Tagen ist der Wasservorrat aufgebraucht. "Es hätte nicht mehr lange gedauert und die ersten wären gestorben", sagt Tran Houng Nam. Verzweifelt flehen sie vorbeifahrende Frachter um Rettung, wenigstens um Wasser und Nahrungsmittel an. "Keiner hat uns geholfen." Er sagt das mit trauriger Stimme, aber ohne Anklage. "Wer wollte uns schon aufnehmen?" Einer findet sich. Der deutsche Kapitän Helmut Lorenz kreuzt mit dem Containerschiff "Ville de Pluton" aus Japan kommend nach Hongkong den Kurs der Nussschale. Er dreht bei und dann beginnt eine dramatische Rettung. Denn die Sampan droht wegen des Wellengangs an der Schiffswand zu zerschellen. Lorenz gelingt es jedoch, seinen großen "Pott" so zu manövrieren, dass die Leute auf der Leeseite von der Sampan auf den Frachter steigen können. Einige Tage später liest Lorenz außerdem noch weitere 50 flüchtende Männer, Frauen und Kinder auf und bringt sie alle sicher in die damalige britische Kronkolonie Hongkong. 1989 gehört er zu den Ersten, die nach Deutschland ausfliegen können Tran hat Glück. Am 20. August 1989 gehört er wie seine spätere Ehefrau zu den Ersten, die nach Deutschland ausfliegen können. Wie für die Boatpeople zehn Jahre zuvor beginnt auch für ihn nun ein neues Leben. Er landet über mehrere Aufnahmelager in Hamm, findet Arbeit bei der Firma Westfleisch. Der fleißige Mitarbeiter lernt schnell Deutsch, heiratet, gründet eine Familie. Erst 28 Jahre nach seiner Flucht traut er sich als deutscher Staatsbürger zu seinem ersten Heimatbesuch, wo er seine Mutter kurz vor ihrem Tod noch einmal wiedersieht. Im Jahr 2001 wechselt Tran, inzwischen war er vierfacher Vater, zu dem Harsewinkeler Feinkostbetrieb Hülshorst. Ein paar Jahre später zieht seine Familie dann in die Mähdrescherstadt um. "Wir sind hier heimisch geworden", sagt er voll Dankbarkeit. Über einen Arbeitskollegen lernt er die Kameradschaft ehemaliger Soldaten kennen. "Eigentlich dachte ich, das sei nur für Deutsche", erklärt der gebürtige Vietnamese seine anfängliche Scheu. Darüber können Vorsitzender Helmut Bußmann und Sozialwart Harribert Schröder heute nur noch schmunzeln. "Wir haben Mitglieder aus der Türkei, Griechenland, Ägypten, Korea und Spanien", zählt Bußmann auf. Er ist stolz, dass der kleine Schützenverein mit 142 Mitgliedern Integration so selbstverständlich lebe. Statt der AK 47 feuert Tran heute ein Kleinkalibergewehr ab Für Tran Houng Nam ist es normal geworden, statt des oliven Kampfanzugs von einst einen jägergrünen Rock anzuziehen und statt der AK 47 ein Kleinkalibergewehr oder einen Zimmerstutzen auf der Schießanlage abzufeuern. "Er ist einer unserer besten Schützen", verweist Bußmann auf dessen Triumph beim jüngsten Hampelmannschießen im Wettbewerb "König der Könige". Helmut Lorenz haben Tran und die anderen Geretteten erst viele Jahre später über die Heuerbücher seines früheren Arbeitgebers, einer Hamburger Reederei, ausfindig gemacht. Das Wiedersehen mit den vielen dankbaren Menschen rührt den Kapitän zu Tränen. Wie Houng schreibt er seine Erinnerungen für eine Mitarbeiterzeitschrift der Reederei auf. "Gemessen an dem, was die Leute in ihrem Boot durchgemacht haben, haben wir ja eigentlich nichts Großartiges getan", schreibt er.

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