Harsewinkel Stolperstein in Harsewinkel erinnert an letzten jüdischen Bürger der Stadt

Bei der Verlegung lässt der Künstler Gunter Demnig sich von Ansprachen nicht weiter aufhalten

Meinolf Praest

Harsewinkel. Salomon Lorch ist gestern nach Harsewinkel zurückgekehrt - jedenfalls sein Name und das Gedenken an ihn, den vor genau 75 Jahren von der Gestapo verschleppten letzten jüdischen Bürger der Stadt, der Ende 1941 oder Anfang 1942 von den Nazis in einem KZ vor Riga (Lettland) ermordet wurde. Ein sogenannter Stolperstein, den der Kölner Künstler Gunter Demnig am Kirchplatz an jener Stelle verlegte, wo bis Anfang der 1970er Jahre das ehemalige Wohnhaus gestanden hat, erinnert nun an Salomon Lorch. Etwa 50 Personen nahmen an der Feierstunde nahe der St.-Lucia-Kirche teil. Während der Gruß- und Erinnerungsworte ließ Demnig sich von seiner handwerklichen Verlegearbeit aber keinesfalls abhalten - aufgrund einer engen Planung warteten weitere Termine im Münsterland auf ihn. "Die Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit wachhalten" Bürgermeisterin Sabine Amsbeck-Dopheide dankte neben Demnig insbesondere den Initiatoren der Stolpersteinverlegung, dem Ehepaar Vera und Markus Dorgerloh sowie Frido Jacobs, die das Projekt angestoßen und finanziert haben. Wie später auch die Gymnasiastinnen Sophie Gerbaulet und Inga Mense würdigte die Bürgermeisterin Salomon Lorch als bescheidenen und freundlichen Kleinhändler, der sogar Plattdeutsch gesprochen habe - und den einzig seine jüdische Religion zum Opfer des mörderischen Nazi-Regimes gemacht habe. Amsbeck-Dopheide: "Unsere Aufgabe ist es heute, die Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit wachzuhalten." Angesichts zunehmender Fremdenfeindlichkeit und gar Fremdenhasses sei die Wahrung und Verteidigung von Menschenrechten und Menschenwürde aktueller denn je. Diesen Aspekt griffen auch Vera und Markus Dorgerloh in sehr persönlichen Worten auf. Vera Dorgerloh erinnerte sich daran, dass das Haus ihrer Großeltern neben dem jüdischen Friedhof an der August-Claas-Straße liege. Schon als Kind habe sich für sie daher "ein besonderer Bezug" zur jüdischen Vergangenheit der Stadt ergeben. Das von ihr beschriebene "mulmige Gefühl" hatte früh auch ihren Mann Markus beschlichen. Angesichts von Fremdenhass und schwindendem Verständnis für Flüchtlinge und Hilfesuchende sei es "unsere Pflicht, die Gräueltaten des NS-Regimes nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, damit sich solches Unrecht nie wiederholen kann". Wo könne man damit besser beginnen als vor der eigenen Haustür? Für Mitinitiator Frido Jacobs (76) spiegelt die Stolpersteinaktion "einen wesentlichen Teil meiner Überzeugung und Lebenserfahrung" wider, "an das Wirken der jegliche Dimension sprengenden Unmenschlichkeit und Brutalität der Nazis zu erinnern". Trotz des historisch eindeutig belegten Massenmordes an Juden und Menschen vieler anderer Opfergruppen gebe es auch heute noch HolocaustLeugner - so die "unsägliche Person" Ursula Haverbeck (88) aus Vlotho. Jacobs: "Wie ist es möglich, dass sie Justizsäle umfunktioniert in eine Bühne für ihre skandalösen Auftritte? Wo bleibt die juristische Ahndung?" Auch ein hohes Lebensalter dürfe "kein Freifahrtschein dafür sein, Verhöhnung von millionenfachen Morden öffentlich zu betreiben". Und Jacobs fügte hinzu: "Wehret den Anfängen!" Sophie Gerbaulet und Inga Mense erinnerten an die Familie Lorch - die einzige jüdische Familie, deren Spuren in Harsewinkel sich bis 1730 zurückverfolgen lassen. Salomon Lorch wurde 1876 in Harsewinkel geboren und war Kleinhändler. Er wurde am 10. Dezember 1941 - also vor fast exakt 75 Jahren - von Harsewinkel über Warendorf in das Gefängnis in Münster gebracht und dann mit einem der Deportationszüge für westfälische Juden in das Konzentrationslager vor den Toren von Riga verschleppt und dort ermordet. Das genaue Todesdatum ist nicht bekannt. Seine Frau Henriette Lorch (geborene Leiser) starb 1938 in Herford. Die 1909 geborene Tochter Johanna (verheiratete Baruch) entkam mit ihrem Mann nach Schweden. Die 1911 geborene Tochter Irmgard war in Herford verheiratet; sie wurde ebenfalls nach Riga deportiert und dort umgebracht.

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