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Die katholische Kirche St. Marien an der Güthstraße liegt etwas abseits von Siedlungshäusern auf einer freien Wiese.  - © Andreas Frücht
Die katholische Kirche St. Marien an der Güthstraße liegt etwas abseits von Siedlungshäusern auf einer freien Wiese.  | © Andreas Frücht

Gütersloh Nächste Kirche in Gütersloh soll unter Denkmalschutz gestellt werden

Die Kirche St. Marien in Avenwedde-Bahnhof wirkt von außen unauffällig, wenn nicht abweisend - genau das ist jedoch einer der Gründe, weshalb sie nun unter Denkmalschutz gestellt werden soll.

Ludger Osterkamp
12.08.2020 , 12:30 Uhr

Gütersloh. Gerade erst ist die katholische Bruder-Konrad-Kirche in Spexard unter Denkmalschutz gestellt worden, schon folgt die nächste. Diesmal ist St. Marien in Avenwedde-Bahnhof die Auserkorene.

Und nicht nur die Kirche, auch das Gemeindezentrum, das Pfarrhaus und der Glockenturm sollen Eintrag in die Denkmalliste finden. Stadt und westfälische-lippische Denkmalbehörde betrachten St. Marien als bedeutendes Kirchenbauwerk, und auch die katholische Gemeinde hat bei einer Anhörung keine Einwände gegen den Denkmalstatus erhoben.

Gebaut wurde die Pfarrkirche 1975 bis 1977 nach den Plänen von Gisberth Hülsmann. Der Architekt aus Wachtberg-Niederbachem südlich von Bonn lieferte einen typischen Kirchenbau der damaligen Zeit: Geometrisch klar, äußerlich bescheiden, aber in manchen Details und in seinem Inneren durchaus verspielt und großzügig. Das Gemeindezentrum St. Marien sei auch deswegen bedeutend für die Ortsgeschichte von Avenwedde, weil es das Anwachsen des katholischen Bevölkerungsanteils nach dem Krieg bezeuge.

Die Fachleute finden, sie sehe aus wie eine Diasporakirche

Betritt man den Kirchenraum, eröffnet sich eine hohe, fast quadratische Halle. Ihr mit Stein belegter Fußboden liegt tiefer als der Innenhof, die Deckenkonstruktion liegt frei, und einige der Betonaußenwände sind mit Gleichnissen bemalt worden. Für die Altarinsel, zentral angeordnet und von drei Seiten mit Gestühl umgeben, hat Hülsmann den Altar, den Ambo und das Taufbecken selbst geschaffen; das seitlich stehende, (ehemalige Wege-) Kreuz wurde nach seinen Plänen gebaut.

Bemerkenswert finden die Denkmalexperten die Gesamtgestaltung der Anlage. Das geschlossene Geviert mit Gebäuden, die nach außen fast fensterlos sind und leicht im Boden versinken, vermittelten den Eindruck, als wollten sie sich abschotten und wegducken. Man könne St. Marien eine Diasporakirche nennen, die durch ihre Alleinlage und die großen Abstandsflächen zwar selbstbewusst, aber nicht bestimmend in ihrer Umgebung auftrete, so die Fachleute.

Die Gebäude – der rechteckige Kirchenraum, die Gemeindesäle und das Pfarrhaus – seien fast vollständig von Mauern umschlossen. Erheblich abgerückt von der Siedlung, gelegen auf einer großen Wiese, wirke die Anlage "hermetisch". Nur zwei Zugänge führen in die Innenhöfe. Allein der gedrungene Glockenturm steht außerhalb der Mauern.

Im Inneren gibt es "postmoderne Variationen"

Hülsmann, so die Denkmalexperten, habe einerseits einen Bau geschaffen, der die Nachkriegstradition introvertierter, schützender Kirchenräume fortführe – gemeint ist der quadratische Grundriss und eine unauffällige Einfachheit in der Ausführung. Auch St. Marien folge dieser theologisch-liturgischen Vorstellung vom Haus der sich versammelnden Gemeinde, indem es einen „intimen, programmatisch schlichten Gottesdienstraum" aufweise. Andererseits habe Hülsmann diesen Stil weiterentwickelt – erkennbar an seiner „Hinwendung zu postmodernen Variationen".

Dazu gehöre etwa sein „dekorativ-spielerischer Umgang mit dem Wandmaterial Backstein ebenso wie die Inszenierung des sichtbaren Deckentragwerks, das durch die Auflösung in einzelne Stäbe zu einem dreidimensionalen, raumprägenden Element auf vier Betonstützen wird". Die Grenzen zwischen Architektur und Ausstattung seien in St. Marien fließend. „Die Backsteinwände werden durch verschieden farbige Steine und unterschiedliche Mauerweisen zu ornamentalen Gestaltungen, die in den Raum wirken", heißt es in der Karteikarte mit der Beschreibung.

„Diese werden durch Malereien ergänzt, die die Architektur als Malgrundlage nutzen, aber in Malweise, Ausdruck und Form sich dem Malgrund in gewisser Weise widersetzen. Es entstehen Bilderfindungen, die zusammen mit der umgebenden Architektur zu postmodernen Lösungen kommen, die in kirchlicher Kunst selten zu finden sind. Sie dokumentieren die Ablehnung der bis dahin tonangebenden gegenstandslosen Malerei."

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