Pathologische Glücksspieler verbringen nicht selten ganze Tage in einer Spielhalle. - © Andreas Frücht
Pathologische Glücksspieler verbringen nicht selten ganze Tage in einer Spielhalle. | © Andreas Frücht

Gütersloh In der Spielhalle: "Mutter mit Kind hat Vater angefleht, aufzuhören"

Obwohl die gesetzliche Übergangsfrist für Spielhallen mit Mehrfachkonzessionen bereits seit zehn Monaten abgelaufen ist, ist in Gütersloh alles beim alten

Gütersloh. Für unbeteiligte Passanten sind die Spielhallen in der Gütersloher City oder in Bahnhofsnähe fremde Welten mit blickdichten Fensterfronten. Ein geschlossenes Milieu, über das man vielleicht mal eine TV-Reportage gesehen hat, aber sonst nur spekulieren kann. Mit schillernden Namen wie „Magnum" oder „Manhattan" werden die Automatencasinos von ihren Betreibern dagegen gerne als moderne Freizeittreffs angepriesen. Die Botschaft: Vergnügen statt Sucht, Spielstätte statt Spielhölle. „Viele der hauptsächlich männlichen Besucher geraten jedoch in einen regelrechten Sog. Sie sitzen von morgens bis abends vor den blinkenden Lichtern und verspielen ihr gesamtes Geld, besonders schlimm ist es am Monatsanfang. Ich habe es sogar erlebt, dass Mütter mit ihren Kindern reinkamen und ihre Partner anflehten, mit nach Hause zu kommen und eiskalt von ihnen abserviert wurden", berichtet eine ehemalige Angestellte, die in einer Spielhalle in der Gütersloher Innenstadt gearbeitet hat und anonym bleiben will. Als sie merkte, dass sie diesen Job nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren konnte, hat sie gekündigt. „Mit der Sucht anderer Menschen wollte ich nicht mein Geld verdienen." Wenn nicht, ist der Einsatz verloren In der Praxis sieht das so aus: Man wirft Euromünzen in einen der blinkenden Automaten und wählt zwischen zig Spielen, die alle nach dem gleichen Prinzip funktionieren. Es gibt zwischen drei und fünf computergesteuerte Walzen mit Motiven, die sich drehen. Stoppt die Maschine mit drei gleichen Symbolen, geht es weiter. Wenn nicht, ist der Einsatz verloren. Ob man automatisch spielt oder manuell die Stopptaste drückt, interessiert Fortuna dabei nicht wirklich, denn das Glück ist programmiert – in den meisten Fällen hat es die Maschine und nicht der Mensch. Ein Milliardengeschäft, das mit dem 2012 geschlossenen Glücksspielstaatsvertrag auch in Nordrhein-Westfalen deutlich begrenzt werden sollte – trotz der rund 280 Millionen Euro Vergnügungssteuer, die die NRW-Kommunen nach brancheneigenen Angaben pro Jahr damit einnehmen. Mindestabstand zu Schulen und Jugendtreffs Medizinisch ist die Sache bereits seit Anfang 2001 geklärt, als das pathologische Glücksspielen von den Krankenkassen und Rentenversicherungsträgern als rehabilitationsbedürftige Krankheit anerkannt und somit anderen Süchten gleichgestellt wurde. Die Gütersloher Bernhard-Salzmann-Klinik gehört zu den Pionieren der Spielsuchttherapie, hier wurden seit 1984 mehr als 1.900 pathologische Glücksspieler behandelt. Die rechtlichen Konsequenzen ließen jedoch nicht nur lange auf sich warten, sondern scheinen auch jetzt nur bedingt wirksam zu sein. Das Gesetz hatte das Ziel, die Zahl der Spielhallen durch härtere Auflagen zu reduzieren: mit einem Abstandsgebot von 350 Metern zu anderen Casinos und zu Schulen oder Jugendtreffs sowie mit dem Verbot von mehr als einer Konzession pro Standort. In Gütersloh ist alles beim alten Wie stark die Lobby der Branche ist, zeigte sich jedoch nicht nur in Form einer üppigen Übergangsfrist für die Betreiber, denen man fünf Jahre Zeit gegeben hatte, um das neue Gesetz umzusetzen, sondern auch an der aktuellen Situation wie in Gütersloh, wo mit 17 Spielhallenkonzessionen an zehn Standorten auch zehn Monate nach Ablauf der Übergangsfrist noch alles beim alten ist. „Die Konzessionen aller Gütersloher Spielhallen stammen noch aus der Zeit vor dem neuen Staatsvertrag. Die Abstandsregelung zu den Schulen gilt jedoch nicht für den Bestandsbetrieb", erklärt Ordnungsamtschef Thomas Habig. Anders sehe es bei der Anzahl der Konzessionen pro Standort aus. Der Großteil der Betreiber hatte bislang zwei Konzessionen und entsprechend viele Geräte. Härtefallregelung geltend gemacht „An sieben der zehn Standorte haben wir jeweils eine Konzession abgelehnt. Alle betroffenen Betreiber haben die Härtefallregelung für sich geltend gemacht und Klage vor dem Verwaltungsgericht Minden eingereicht", sagt Habig, der in den nächsten Tagen mit dem Eintreffen zwei weiterer Klagen rechnet. „Wie das Verwaltungsgericht urteilen wird, ist vollkommen offen. Es gibt noch keine vergleichbaren Entscheidungen, sondern nur bei Klagen, die Konzessionen aus der Zeit nach Inkrafttreten des Staatsvertrages betreffen. In Gütersloh ist es genau umgekehrt."

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