Den ganzen Tag liegt Helmtrud Ihlenfeld im Bett im Hospizzimmer in der Hochstraße. - © Alexander Lange
Den ganzen Tag liegt Helmtrud Ihlenfeld im Bett im Hospizzimmer in der Hochstraße. | © Alexander Lange

Gütersloh Im Hospiz: "Ich habe keine Angst vor dem Tod"

Helmtrud Ihlenfeld (66) hat Brustkrebs im Endstadium und kam vor vier Monaten in das Hospiz an der Hochstraße. Sie wird sterben, Angst davor hat sie aber nicht

Alexander Lange

Gütersloh. Ganz vorne im Raum soll die Urne stehen. Texte von Theodor Storm erzählen vom Leben, vom Leid und vom Land. Eine Bekannte singt und alle werden da sein: Der Ehemann, die Kinder und die vier Enkelkinder, Freunde und Weggefährten. Es wird die Beerdigung von Helmtrud Ihlenfeld sein, gemeinsam mit ihrem Sohn hat sie schon alles geplant. Die Trauerfeier wird in Gütersloh stattfinden, die Beisetzung in Bad Schwartau in Schleswig-Holstein. Da, wo ihr Mann herkommt. Zurück in den Norden, in die Region, die sie liebte. Helmtrud Ihlenfeld überlegt ihre Worte gut. Das Sprechen fällt ihr schwer in diesen Tagen, jedes Wort bedeutet für sie Anstrengung. Ihre Stimme wirkt heiser und rau; rau wie die Nordsee. „Angst habe ich nicht davor. Ich bin neugierig, was passiert." Helmtrud Ihlenfeld spricht vom Sterben. Von ihrem Sterben. Denn sie wird sterben. Nur wann genau, ob in einer Woche oder in einem Monat, das weiß keiner. Acht Jahre langer Kampf gegen Brustkrebs Acht Jahre lang hat sie gegen den Brustkrebs gekämpft. Viermal ihre Haare verloren, etliche Therapien durchstanden. Am Ende wird die 66-Jährige den Kampf verlieren. Der Krebs ist zu stark. Das Hospiz an der Hochstraße ist ihre Endstation. Aber eine Endstation, an der sie sich wohlfühlt. Wo sie sich aufgehoben und geborgen fühlt. Hier kann sie sterben. Auf dem Tisch neben ihrem Bett stehen Blumen, Schutzengel und ein Herz aus Holz. Darin sind fünf Buchstaben eingraviert: KRAFT. Kraft, die Familie und Freunde Helmtrud Ihlenfeld wünschen. Kraft, die ihr der Krebs genommen hat. Sie kann nicht mehr alleine aufstehen, nicht mehr alleine laufen, sich nicht alleine waschen. „Ich liege ja nur. Den ganzen Tage liege ich auf dem Rücken, seit Monaten", sagt sie. Trotzdem klagt sie nicht. "Dort dachte ich, es geht zu Ende" Seit dem 16. Mai ist sie im Hospiz. Sie ist einer von acht Gästen, die dort leben. Bevor sie ins Hospiz kam, war sie in der Kurzzeitpflege. „Dort dachte ich, es geht zu Ende. Ich habe mich nur übergeben, habe nichts mehr mitbekommen." Damals war der Tod nah. Doch er ging wieder, denn im Hospiz fing sie wieder an zu essen und zu leben. Von Tag zu Tag, Stückchen für Stückchen. Auch die dunklen Haare sind wieder dichtgewachsen. Genauso wie die dunkelbraunen Augen wirken sie kraftvoll, nicht wie die einer Todkranken. Doch sie ist todkrank. Inzwischen frühstückt sie wieder jeden Morgen, schon um 5.30 in der Früh, wenn es draußen noch dunkel ist. Ein Brot mit Käse, dazu Pfefferminztee: „Solange ich mich noch über das Frühstück freuen kann, geht es mir gut. Und ich freue mich über das Frühstück." Kaffee schmecke ihr noch nicht wieder besonders: „Aber meine Freundin, die mich zweimal in der Woche besucht, bringt mir frisch gebrühten Kaffee mit. Eine halbe Tasse trinke ich dann ihr zuliebe." Der älteste Enkel kommt nur selten Täglich hat sie Besuch. Ihr Ehemann, Kinder und Enkelkinder kommen vorbei, häufig schon am Morgen. Nur der älteste Enkel, gerade sechs Jahre alt und frisch eingeschult, wagt sich nicht ins Hospiz: „Er mag es hier gar nicht. Nur an meinem Geburtstag, als wir hier im Garten saßen, war er dabei. Er will Oma so nicht sehen." Helmtrud Ihlenfeld ist nachdenklich, aber ihrem Enkel nicht böse. Sie macht ihm keine Vorwürfe. Sie versteht ihn. Das Thema Tod sei eben nicht einfach, man müsse damit leben – im wahrsten Sinne des Wortes. Als sie acht Jahre alt war, starb ihre Oma. Als sie 21 war, starb ihr chronischkranker Vater. Ob sie deshalb so gefasst mit ihrem eigenen Schicksal umgeht? „Ja vielleicht." Es sei jetzt eben so, sie wird sterben – „Was soll ich ändern? Ich bin klar." Mit dem Handy koordiniert sie das Leben zuhause Viele Bilder und Videos bekomme sie auf ihr Smartphone geschickt. Aus dem Urlaub und von der Einschulung des Enkels. „So kann ich am Leben teilnehmen." An dem Leben, das draußen stattfindet, auf der anderen Seite des Fensters. Es nerve sie, dass sie nichts mehr tun kann. Mit dem Handy koordiniere sie das Geschehen zuhause. Am liebsten würde sie selber mitanpacken und zum Beispiel die Bücher eigenhändig sortieren: „Aber jetzt rufen die mich nur dauernd an und fragen zu jedem Buch." Ein kurzes Lachen huscht über die Augen- und Lippenpartie. Helmtrud Ihlenfeld war schon immer eine selbstständige Frau. Sie wusste, was sie wollte. Ihren Tatendrang habe sie nie verloren. Nach der Schule machte sie eine Ausbildung zur Erzieherin, arbeitete zwischenzeitlich im Ruhrgebiet, kam dann nach Gütersloh. Dort lernte sie auch ihren Mann kennen. Ob sie einen letzten Wunsch habe, den sie sich gerne noch erfüllt hätte? "Wenn ich Zeit habe, denke ich viel nach" „Ich habe alles gemacht", sagt sie. Ihre Genügsamkeit und Zufriedenheit beeindrucken. Sie sei gerne gereist, am liebsten im Norden, in Skandinavien. Auch die baltischen Staaten habe sie erkundet, sie sei oft mit dem Schiff unterwegs gewesen. „Wenn ich Zeit habe, denke ich viel nach. Und dann sage ich, dass wir alles richtig gemacht haben." Gläubig war sie nie. Ein Leben nach dem Tod? Das kann sie sich nicht vorstellen. „Ich weiß eben nicht, was passiert, ich lasse mich überraschen." Angst habe sie nicht. Angst hatte sie noch nie. „Wovor? Ich lebe von Tag zu Tag und schaue, was ich aus jedem Tag noch machen kann." Dann versagt ihre Stimme für einen kurzen Moment. Sie schließt die dunkelbraunen Augen, dann öffnet sie sie wieder: „Es ist anstrengend, mir fallen die Augen so schnell zu." Sie wolle immer noch etwas mitkriegen von der Welt. Auch das halte sie am Leben. „Aber es ist eben der letzte . . ." Helmtrud Ihlenfeld bleibt stumm, ihre Stimme versagt erneut. Dieses Mal für längere Zeit. Sie schaut lange an die gegenüberliegende Wand. Dort hängen selbstgemalte Bilder der Enkel. Dann sagt mit klaren Worten: „ . . . der letzte Ort. Ich träume nicht mehr."

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