Seit 2010 verheiratet: Die Eheleute Janet und Georg Carré. - © Jens Dünhölter
Seit 2010 verheiratet: Die Eheleute Janet und Georg Carré. | © Jens Dünhölter

Gütersloh Leben in sozialer Abhängigkeit: Dieses Paar lässt sich nicht entmutigen

Janet und Georg Carré sind auf den Rollstuhl angewiesen – und damit auch auf die Hilfe Dritter. Für die beiden Gütersloher entstehen dadurch zahlreiche Schwierigkeiten, die sie dennoch meistern

Jens Dünhölter
29.06.2017 | Stand 30.06.2017, 16:02 Uhr

Gütersloh. Soziale Abhängigkeit hat viele Gesichter. Und sie wohnen lebt oft hinter verschlossenen Türen. Wenn Georg Carré (52) das Portal der ebenerdig gelegenen vier Wände öffnet um dem Besucher die Hand zu geben, merkt man davon allerdings noch nicht viel. Das Haus steht unweit des Theaters in einer guten Wohngegend. Die Parterrewohnung ist gemütlich eingerichtet. Auffällig sind lediglich extrem breite Türen, fehlende Teppiche sowie die Abwesenheit von Möbelstücken oder Accessoires mitten im Raum. So stehen etwa eine schmale Bank und ein kleiner Tisch im Wohnzimmer direkt neben dem Fenster. Der Grund dafür wird auf den zweiten Blick deutlich. Georg und seine Frau Janet (47) sind durch Sauerstoffmangel von Geburt an spastisch gelähmt. Beide verbringen ihr Leben im Rollstuhl. Ein Pflegedienst kommt zweimal am Tag, hilft morgens beim Aufstehen und Anziehen, kauft mittags ein und kocht. Der Mangel an Mobilität und Beweglichkeit führt zwar nicht in soziale Isolation, sehr wohl aber in eine Abhängigkeit von anderen Menschen in Form von Fahrdiensten. Den ohnehin nicht leichten Alltag des Gütersloher Ehepaares macht dies nicht gerade einfacher. Als wäre die körperliche Einschränkung noch nicht Handicap genug muss sich Janet Carré, die als Buchhalterin für das Kindermuseum Hamburg im Home-Office arbeitet, sprachliche Barrieren überwinden. Ungeübte Ohren brauchen eine Weile, um die Worte der gebürtigen Rostockerin zu verstehen. Der gelernte Bürogehilfe und seine seit 2010 angetraute Ehefrau stehen dazu. Sie haben in vier beziehungsweise fünf Jahrzehnten gelernt, das Beste aus der Situation zu machen. Beide gehören zum Kader der Deutschen paralympischen Nationalmannschaft im Hallen-Boccia, Janet wurde 2015 Deutsche Meisterin in der Sportart. In der Behinderten-Sportgemeinschaft (BSG) Gütersloh bekleidet das Ehepaar die Posten im Vorstand – Georg ist 2. Vorsitzender , Janet ist Schriftführerin – trotz der Handicaps offenbar ein gutes Leben. „Man muss den Alltag strukturieren und gut planen, dann kriegt man es auch hin", so Georg Carré. Welche Probleme die beiden Rollstuhlfahrer haben, merkt man, sobald die beiden aus dem Alltag erzählen. Fahrten außerhalb eines Radius von 30 bis 45 Minuten Fahrtzeit sind nur mit Hilfe eines Spezialfahrzeuges möglich. Das schränkt das Leben nebst der Pflege sozialer Kontakte ungemein ein, macht es schwierig, kompliziert. Georg Carré: „Wir müssen genau planen, und sind relativ unbeweglich, weil wir an die fest vereinbarten Zeiten gebunden sind. Länger zu bleiben als vorgesehen, ist nicht möglich." Die Kosten für die Fahrten zum Sport oder den Ärzten werden von den gesetzlichen Trägern übernommen. Für rein private Fahrten spendiert der Kreis dem Ehepaar pro Quartal 24 Freifahrtscheine. Umgerechnet auf zwölf Wochen sind dies zwei pro Woche. Als die Hilfstransporte noch gut 1,80 bis 2 Euro pro Kilometer gekostet haben, hat das Ehepaar die ein oder andere Tour aus dem eigenen Geldbeutel bezahlt. Mittlerweile würde ein Ausflug beispielsweise zum Mohns-Park mit dem Fahrdienst rund 70 Euro kosten. „Da setzen wir uns lieber in die Rollstühle und fahren dorthin", so das Ehepaar. Auch sonst sei das Leben ziemlich eingeschränkt. Vor Fahrten an unbekannte Orte müsse immer zuerst „Barrierefreiheit und die Toilettenfrage" geklärt werden. In einem Bekleidungsgeschäft in der Innenstadt bekam Janet Carré vor einigen Jahren durch einen Rauswurf die Folgen sozialer Ausgrenzung sogar hautnah zu spüren: „Manche Menschen setzten sprachliche mit geistiger Behinderung gleich." Er habe „umgehend angerufen und den Leuten erst mal den Kopf gewaschen". Trotz der körperlichen Handicaps sind beide zufrieden. Janet und Georg Carré: „Wir haben uns, unseren Sport und gute Freundschaften. Was will man mehr im Leben ?"

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