In ihrer bevorzugten Gaststätte: Wibke Brems (36), Landtagskandidatin der Grünen. - © Ludger Osterkamp
In ihrer bevorzugten Gaststätte: Wibke Brems (36), Landtagskandidatin der Grünen. | © Ludger Osterkamp

Gütersloh Wibke Brems im Porträt: Bei der Energiepolitik macht ihr keiner was vor

Unter allen heimischen Direktkandidaten ist Wibke Brems (Grüne) die einzige, die bereits dem Landtag angehört. Dort hat sie sich binnen kurzer Zeit zu einer landesweit gefragten Expertin gemausert

Ludger Osterkamp

Gütersloh. Sich abends um 20 Uhr noch mit Redakteuren in der Kneipe zu treffen, zählt nicht zu Wibke Brems’ üblichen Gepflogenheiten. Aber der Tag war lang, und der Terminkalender bis zur Landtagswahl ist pickepackevoll. Da bleibt nicht viel Auswahl. Doch in den „Fasan", da geht sie gerne, dort wird sie herzlich von der Gastwirtin begrüßt. Das fühlt sich dann gar nicht mehr wie eine weitere lästige Verpflichtung an. Brems weiß, was sie nun erwartet. Plauderei. Ein bisschen was über sich selbst erzählen, ein bisschen was über die politischen Ziele. Das hat sie schon mal gemacht, 2009 zu ihrer Bürgermeisterkandidatur und 2010 zur ersten Landtagskandidatur. So ist das halt: Um Profil zu zeigen, erinnert zu werden, reicht es nicht, seine politischen Aussagen auf der Homepage abzudrucken: Man muss in die Öffentlichkeit, Persönliches von sich preisgeben, auch als Mensch rüberkommen. Die Leute wollen schließlich keine Automaten wählen. Kein Wunder, dass sie mit der Situation entspannter umgeht als die Konkurrenten der anderen Parteien. Raphael Tigges, Susanne Kohlmeyer, Rainer Gellermann, Rainer Johanterwage: Was Direktkandidaturen betrifft, sind sie alle Frischlinge. Brems hingegen radelt fröhlich mit ihrem Fahrrad heran, schält sich aus der Jacke und nimmt mit einer Frische am Kneipentisch Platz, als käme sie gerade erst aus einem freien Tag oder einer Wellness-Massage. Brems ist erfahrener als die anderen Direktkandidaten Dabei hat sie einen strammen Tag hinter sich: Morgens eine Podiumsdiskussion mit Gesamtschülern in Borgholzhausen, es ging um Themen wie Bildung, ÖPNV, Inklusion. Danach Delbrück, Besichtigung einer Biogas-Anlage. Der Landesverband Erneuerbarer Energien hatte die Veranstaltung organisiert, die Anlage ist besichtigenswert, weil sie nicht nur Strom produziert, sondern auch Wärme für die Nachbarhäuser liefert. Vielleicht ein Vorbild für andere? Zukunftsweisendes? Brems, energiepolitische Sprecherin der grünen Landtagsfraktion, ist bei solchen Terminen voll in ihrem Element. Am Nachmittag: Haustürwahlkampf in Harsewinkel. Klinkenputzen. Juan Carlos Palmier, der Harsewinkeler Grüne, begleitet sie. Sie schaffen 60 Haustüren pro Stunde, bei drei Viertel angetroffener Hausbewohner kommt da was zusammen. Brems stellt sich vor, zeigt ihr Gesicht, beantwortet Fragen, lässt vielleicht einen Flyer da, dann geht sie wieder. Einladungen an den Kaffeetisch lehnt sie ab: Keine Zeit, und sie will sich auch nicht aufdrängen. In den zwei Stunden ist nur einer, der sie barsch abbügelt. Alle anderen, gleich welcher Couleur, freuen sich: Gut, dass sich jemand zeigt, gut, dass man die Kandidaten nicht nur auf Plakaten sieht. Häuserwahlkampf lohnt sich für die Kandidaten Dass sich solche Art von Wahlkampf lohnt, weiß man. Es gibt Studien von Wahlforschern: Wo der Kandidat persönlich war, steigen die Zustimmungswerte. Auch CDU-Mann Tigges und SPD-Kandidatin Kohlmeyer machen sich diesen Effekt zunutze und ziehen von Haus zu Haus. Als Brems im „Fasan" ankommt, hat sie seit dem Frühstück nichts Handfestes mehr gegessen. „Nicht schlimm", sagt sie. „Solche Tage gibt es." Brems bestellt sich ein vegetarisches Baguette. Vegetarisch? „Meistens, aber nicht immer." Industrielle Tierhaltung, Ernährungsgewohnheiten, Auswirkungen auf Landschaftsverbrauch, Klima, internationale Machtverhältnisse: Wichtige, zentrale grüne Themen, kein Zweifel, aber Brems brennt für etwas anderes: Energiepolitik. Da macht ihr keiner was vor. Da ist sie landesweit unterwegs. Als Referentin oder als jene, der man Themen zur parlamentarischen Beratung mitgibt. Seit sieben Jahren, seit sie für die Grünen im Landtag sitzt, ist sie deren energiepolitische Sprecherin. Es hatte alles gepasst: Rainer Priggen, ihr Vorgänger, übernahm den stellvertretenden Fraktionsvorsitz, gab den Posten frei, und Brems, die Ingenieurin der Elektrotechnik, griff zu. Sollte sie wiedergewählt werden, ihr Mandat behalten, bliebe sie gerne weiter dafür zuständig. „Auf kaum einem Feld lässt sich so viel bewirken", sagt sie. "Auf kaum einem Feld lässt sich so viel bewirken" Die direkten Auswirkungen von Gesetzesänderungen auf Alltagshandeln, die weitreichenden Folgen technischer Neuerungen: Brems hat den Eindruck, sie kann aus dieser Position heraus einiges bewegen. Viel Verantwortung spürt sie da, und eine Energie, Dinge mit Nachdruck und langem Atem anzugehen. Das Fracking im Land beerdigt, den Braunkohletagebau Garzweiler II verkleinert, die Windenergie ausgebaut, die Kraft-Wärme-Kopplung gefördert zu haben: All das sind Verdienste, die sie sich ein wenig mit anrechnet. Natürlich spielt sich das meiste davon außerhalb des Kreises Gütersloh ab. Doch Brems versichert, dass sie ihren eigenen Wahlbezirk, ihre Heimatstadt nicht aus den Augen verliert. „Da achte ich schon drauf." Die Arbeit in der Ratsfraktion – seit 2004 gehört sie dem Stadtrat an – erde, und für den Ausbau des Fahrradverkehrs in Gütersloh, die Windräder im Rhedaer Forst und die Reaktivierung der TWE-Strecke zu kämpfen, empfinde sie als ebenso befriedigend wie überregional etwa das Bemühen um die Entsalzung der Weser. Inzwischen ist sie auch immobilienmäßig mit Gütersloh verwurzelt. Mit Ehemann Can Erdal hat sie ein Holzhaus in Kattenstroth gebaut. Passivbauweise, versteht sich. Als sich das Gespräch im „Fasan" dem Ende zuneigt, tippt Brems ein, zwei Nachrichten ins Telefon: Meldung ans Wahlkampfteam. In einer Viertelstunde will man den nächsten Tag besprechen. Feierabend? Vielleicht danach.

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