Huch! Der junge Mann im gelben T-Shirt schaut etwas ungläubig, als ein Traceur hinter ihm einen Überschlag macht. Als Teilnehmer des Parkour Camps hätte er mit derlei Aktionen allerdings rechnen können. - © Jens Dünhölter
Huch! Der junge Mann im gelben T-Shirt schaut etwas ungläubig, als ein Traceur hinter ihm einen Überschlag macht. Als Teilnehmer des Parkour Camps hätte er mit derlei Aktionen allerdings rechnen können. | © Jens Dünhölter

Gütersloh Trendsport: Gütersloher Parkour-Camp lockt sogar internationale Sportler

Gütersloh entwickelt sich zur heimlichen Hauptstadt der neuen Sportart

Jens Dünhölter

Gütersloh. Auf das schwerste Hindernis hatten die Organisatoren im Vergleich zum Vorjahr mit Kusshand verzichtet. Beim Parkour-Camp 2015 mussten die 200 aus ganz Deutschland angereiste Traceure bei 35 Grad zusätzlich zu den Geräten auch die drückende Hitze bewältigen. Bei deutlich milderen Temperaturen und phasenweise auch leichtem ostwestfälischen Nieselregen setzten die Trendsportler jetzt umso lieber zu großen Sprüngen an. Zum bereits achten Mal hatten Organisator Claus-Peter "Pit" Mosner vom Fachbereich Jugend und Bildung und seine rund 50-köpfige Helfercrew das Außengelände der Janusz-Korczak-Schule in einen großen Kletterpark samt Abenteuerspielplatz für Parkour-Läufer verwandelt. Erneut reisten rund 200 Anhänger der noch jungen Sportart in die heimliche Metropole des Parkour. Welch exzellenten Ruf das Camp in der gut vernetzten Szene genießt, zeigt ein Blick auf die beiden Teilnehmer mit der weitesten Anreise. Eine Traceurin nahm den Weg aus Spanien auf sich. Mit dem 26-jährigen Russen Ilya Semyonov kam zudem ein Trainer der Extraklasse "zum Inspirieren und Bereichern", so Pit Mosner, sogar aus St. Petersburg. Die Intention für die drei Tage an der Dalke trugen die Teilnehmer dabei auf Motto-Shirts gut sichtbar für jedermann "Challenge Your Limits" - etwa "Fordere Deine Grenzen heraus". Zu diesem Zweck war unter anderem die Zahl der Hindernisse wesentlich vergrößert worden. Dank Unterstützung der Gerüstbaufirma Pieper konnte die Protagonisten "die Mensa außen umrunden, ohne dabei auch nur einmal den Boden zu berühren", so Dimitri Reimer vom Organisationsteam. Im Gegensatz zu beinahe jeder anderen Sportart geht es bei Parkour nicht um Konkurrenz, Wettbewerb, oder den Sieg im Sinne des olympischen Mottos schneller, höher, stärker. Vielmehr liegt der Fokus auf dem schnellen, unkonventionellen Überwinden von Hindernissen. Zweites Augenmerk ist das bewusste Erkennen der Grenzen des eigenen Körpers sowie das Verschieben eben dieser Grenzen mit ganz viel Körpergefühl. Um Traktorreifen, Treppengeländer, Baugerüste, hochstehende Baustämme, aufgestapelte Holzkästen zum Teil des Spieles werden zu lassen, sind effizientes Springen, kraftvolles Zugreifen, Mut, Geschicklichkeit, Konzentration, Selbsteinschätzung, aber auch das Überwinden eigener Ängste, Zweifel, sowie eine gehörige Portion Selbstvertrauen gefragt. Das Einschätzen der eigenen Möglichkeiten, verbunden mit dem Abwägen und vorsichtigem Herantasten war am gerade nach den Regengüssen wichtig. Durch den Niederschlag waren Holz- und Stahloberflächen extrem rutschig, boten weit aus weniger Halt als bei trockenem Wetter. Trotzdem ließen sich die Traceure ihren Spaß an ihren Körperkunststücken nicht nehmen. Zuschauer zollten dem Spiel aus Disziplin und Körperkraft ihren allergrößten Respekt. Während sich ein paar Traceure kurz vor der offiziellen Eröffnung mit Sprüngen über oder quer durch einen Traktor-Reifen die Zeit vertrieben, stellte Kay Klingsieck, Vorstandsmitglied des Sponsors Sparkasse Gütersloh fest, dass er bei den Übungen womöglich nicht so elegant über die Hindernisse hechten könnte. "Wenn ich das machen würde, würde ich die nächsten sechs Wochen im Krankenhaus liegen", so der Banker. Auch sein Sparkassen-Kollege und der stellvertretende Bürgermeister Matthias Trepper pflichtete dem bei. "Ich würde wahrscheinlich noch nicht mal durch den Reifen passen", so Trepper. "Die Übungen sollten wir in unserer Betriebssportgruppe besser nicht einführen. Was die da machen, ist schon der absolute Wahnsinn."

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