Inszenierte Rutschpartie: Durch die Sprenkleranlage wird die ursprünglich knochentrockene Landebahn des Flugplatzes zur glitschigen Oberfläche - und zum Trainingsgelände des Sicherheitstrainings. - © Kai Steinecke
Inszenierte Rutschpartie: Durch die Sprenkleranlage wird die ursprünglich knochentrockene Landebahn des Flugplatzes zur glitschigen Oberfläche - und zum Trainingsgelände des Sicherheitstrainings. | © Kai Steinecke

Gütersloh Selbstversuch in Fahrsicherheit: Worauf in der dunklen Jahreszeit zu achten ist

Die Verkehrswacht zeigt auf dem Gelände des Gütersloher Flughafens, wie man auch bei widrigem Wetter nicht aus der Kurve fliegt. Ein Selbstversuch mit einigen Erkenntnissen

Gütersloh. Alle 55 Minuten krachte es 2014 auf den Straßen Güterslohs. Und das aktuelle nasskalte Wetter sorgt wieder für jede Menge Gefahren. Doch was können Autofahrer dagegen tun? Wie sind Unfälle vermeidbar? Auf dem Gelände des britischen Militärflughafens hat NW-Reporter Kai Steinecke im Selbstversuch probiert, Antworten zu finden. Die Tankanzeige des VW Up ist am Anschlag, die Digitaluhr zeigt 9 Uhr an, während ich in einem Konvoi von acht Autos auf die britische Militärstation Rolle. Linksverkehr in Gütersloh - das hat Seltenheitswert. Fahrsicherheitstrainer Dirk Meier-Neumann (45) von der Verkehrswacht Gütersloh hat am Samstagmorgen eine unerklärlich gute Laune - ist einfach nicht meine Generation. Nach einer kurzen Begrüßung geht es schnell an die Stationen. Blickführung Die erste Übung ist das Slalomfahren. "Die Leute treffen genau den alleinstehenden Baum, weil sie darauf gucken", erläutert Meier-Neumann der Runde. "Beim Slalomfahren kommt es genau drauf an, denn ihr dürft nicht auf die Pylone gucken." Es gilt das Gebot: Immer dahin schauen, wohin man fährt. Schnell wird mir auch bewusst, wozu Autos eigentlich in der Lage sind. Zwischen 50 und 60 km/h bringt der Up im Slalom auf die Landebahn des Flughafens, bevor er ins Schleudern gerät. "Ihr müsst Euren Autos vertrauen", unterstreicht Dirk Meier-Neumann, der schon seit 2005 Sicherheitstrainings gibt. Sitzposition Nach dem ersten Durchgang werden wir an den Rand der Fahrbahn beordert. Der Grund ist die Position der Sitze unserer Autos. Sie sollten so weit vorne sein, dass die Beine nicht durchgedrückt sind, wenn die Kupplung getreten wird. Die Arme sollten leicht gebeugt sein, wobei die Hände auf den Positionen 9 und 15 Uhr liegen. Das Lenkrad muss so weit nach vorne gezogen werden, dass beim Lenken die Schulter nicht großartig aus der Sitzschale heraustritt und - besonders wichtig in der kalten Jahreszeit - ohne Jacke fahren. Sie bilden einen Puffer zwischen Insassen und Gurt, der bei einem Aufprall tödlich enden könnte. "Die kleinen Veränderungen bringen mich jetzt auch nicht weiter", denke ich mir wie damals in der Fahrschule. Doch im zweiten Slalomdurchgang habe ich meinen Wagen wesentlich besser unter Kontrolle und kann gezielter Lenken. Richtiges Bremsen Die Sprinkleranlage wird eingeschaltet. Nach kurzer Zeit steht die Fahrbahn unter Wasser und ich finde mich auf einem Streckenabschnitt wieder, der eine Eisfläche simulieren soll. Ein kurzer Rutschtest mit meinen Sneakers und eine unbeholfene Rettung vor einer Bauchlandung verraten: Stimmt. Mir wird erklärt, dass viele Unfälle passieren, weil die Leute Angst vor der Vollbremsung haben. "Ihr müsst das Bremspedal abtreten wollen", erklärt der Meier-Neumann, der auch Fahrlehrer ist. "Es ist besser mit 50 als mit 120 Sachen in etwas reinzukrachen." Ein Phänomen, das ich am eigenen Leib erfahre, als ich einem Hindernis ausweichen soll. Die Bremse bis zum Anschlag zu durchzudrücken und dann noch lenken kostet Überwindung. Doch das ABS hält den Wagen sauber in der Spur und macht es erstaunlich einfach. Fliehkräfte bedenken Es sind nicht die Kräfte, die mich an den Wochenenden von den Familienfesten treiben, sondern die einen PKW in der Kurve nach außen drängen. Ohne das ESP-System (Elektronisches Stabilitätsprogramm), das ein Auto vor dem Ausbrechen bewahrt, indem es automatisch abbremst, wenn es zu schnell wird, haben Autofahrer oft Probleme in der Kurve. Die einfache Lösung: Das Gas wegnehmen, denn ein Reifen kann immer nur einen Befehl gut ausführen. Lenken, Bremsen oder Gas geben. Wirken zwei Kräfte massiv auf das Rad ein kann es schnell zu Unfällen kommen. "In den berüchtigten Discounfällen werden diese Kräfte oft unterschätzt", sagt unser Sicherheitstrainer. "Da sind die Wagen voll besetzt und drücken viel stärker nach außen." Ist das Auto aber viel zu schnell, dann hilft auch das ESP nur wenig. Als letztes Mittel bleibt die Bremse, denn dank ABS kann auch in Kurven gebremst werden und das erstaunlich gut, wie ich es selbst bemerke. Macht das Training Sinn? Vor dem Sicherheitstraining ist mir definitiv nicht bewusst gewesen, was für einen enormen Unterschied die vielen Kleinigkeiten machen. Bremsverhalten, Sitzposition, Blickführung und die Fliehkräfte. Natürlich habe ich das ein oder andere schon in der Fahrschule gehört, aber es auf einer Fahrstrecke testen zu können ist etwas ganz anderes. "Die Leute merken einfach, was wenige Veränderungen schon bewirken können und reagieren nicht mehr so hektisch", sagt Dirk Meier-Neumann bilanzierend. 90 Euro kostet ein Training bei der Verkehrswacht Gütersloh. Die Gebühren werden zum Teil aber von den Berufsgenossenschaften übernommen, was es wirklich günstig werden lässt. Und was sind schon 90 Euro für ein Menschenleben.

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