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Friederike Vogt von der Gleichstellungsstelle der Stadt berichtet, dass der Hass aus dem Internet auf der Straße ausgebrochen sei - auch in Bielefeld. Bert-Ulf Prellwitz von der Bielefelder Aidshilfe (r.) erklärt, vor allem Jugendliche müssten geschützt werden. - © Peter Unger
Friederike Vogt von der Gleichstellungsstelle der Stadt berichtet, dass der Hass aus dem Internet auf der Straße ausgebrochen sei - auch in Bielefeld. Bert-Ulf Prellwitz von der Bielefelder Aidshilfe (r.) erklärt, vor allem Jugendliche müssten geschützt werden. | © Peter Unger

Tödlicher Angriff beim CSD Münster Tiefe Betroffenheit bei Bielefelds queerer Szene über homophobe Gewalt

Ein 25-Jähriger musste beim Christopher-Street-Day in Münster sein Eingreifen bei queerfeindlichen Beleidigungen mit dem Tod bezahlen. Die Bielefelder Community demonstrierte jetzt vor dem Rathaus.

Jürgen Mahncke
04.09.2022 , 02:00 Uhr

Bielefeld. Sie werden angefeindet, verspottet, verachtet und diskriminiert - lesbische, schwule, bisexueller, trans* inter* oder queere Menschen. Beim Christopher-Street-Day (CSD) in Münster vor einer Woche war ein 25-Jähriger nach queerfeindlichen Beleidigungen eingeschritten und von einem 20-jähriger Pöbler niedergeschlagen worden. Am Freitag erlag der Mann, der sich gegen lesbenfeindliche Beschimpfungen von mehreren Frauen wehrte und Zivilcourage zeigte, seinen Verletzungen. Am gleichen Tag wurde auch der mutmaßliche Täter festgenommen. Waren es am Freitag rund 5.000 Menschen, die wegen dieser Gewalttat vor dem Bahnhof in Münster demonstrierten, so zeigte sich am Samstag die tiefe Betroffenheit der Bielefelder queeren Szene, als rund 200 Menschen vor dem Rathaus zusammenkamen.

Angriffe auch in Bielefeld

Rund 200 Personen kamen zu der kurzfristig angesetzten CSD-Kundgebung gegen queerfeindliche Gewalt vor dem Bielefelder Rathaus am Samstag. - © Peter Unger
Rund 200 Personen kamen zu der kurzfristig angesetzten CSD-Kundgebung gegen queerfeindliche Gewalt vor dem Bielefelder Rathaus am Samstag. | © Peter Unger

Der CSD Bielefeld und Bie Queer e.V. hatten kurzfristig um 12 Uhr eine Kundgebung auf dem Rathausplatz veranstaltet, um gegen queerfeindliche Gewalt zu demonstrieren. Denn auch beim Bielefelder Christopher Street Day im Juni dieses Jahres war es zu homophoben Übergriffen auf friedlich demonstrierende Teilnehmer gekommen.

Demo-Teilnehmer sollen mit Urin aus Wasserpistolen bespritzt, mit Pfefferspray traktiert, bespuckt und mit Bierflaschen beworfen worden sein. Es gab sogar Verletzte. Mehrere Strafanzeigen werden derzeit noch bearbeitet. „Wir sehen plötzlich eine neue Dimension in Bielefeld erreicht“, sagte Friederike Vogt von der Gleichstellungsstelle der Stadt Bielefeld. Im Vorjahr sei viel Hass im Internet verbreitet worden. Aber in diesem Jahr sei der Hass auf offener Straße ausgebrochen.

"Gespräche nach den letzten Vorfällen"

"Das Internet ist kein rechtsfreier Rau. Wir sehen es jetzt, was die queeren Menschen auch in Bielefeld erleben", so Vogt. "Dies gab es schon immer, wird aber erst jetzt von der Öffentlichkeit mehr und mehr gesehen und wahrgenommen. Wir müssen immer wieder sensibilisieren, auf die Menschenrechte aufmerksam machen. Wir müssen aufklären, es geht um die Gleichstellung. Wir gehören alle dazu. Aber wir dürfen auch die feindlich gesonnene Szene nicht übersehen", erklärte Vogt jetzt bei der Mahnwache vor dem Rathaus.

Bert-Ulf Prellwitz von der Bielefelder Aidshilfe erklärte, dass der Kontakt zur Stadt, zur Politik und deren Verantwortlichen gut sei. "Es gibt Gespräche nach den letzten Vorfällen. In Planung sind Fachgespräche und Fachplanungen. Gerade Jugendliche müssen geschützt werden und brauchen Anlaufstellen in der Stadt", sagte Prellwitz.

Gleichberechtigung und Akzeptanz

Alle Reden vor dem alten Rathaus waren am Samstagmittag geprägt von tiefer Bestürzung über den tödlichen Vorfall in Münster. Nele Börmann, Vorstandsmitglied von "Bi queer e.V." betonte, dass der 25-Jährige aus Münster sterben musste, weil der Täter so viel Hass in sich trug, er queerfeindlich ist. ""Gleichberechtigung und Akzeptanz, die Freiheit, offen unser Leben zu leben, das ist immer noch keine Selbstverständlichkeit. Und es wird keine Selbstverständlichkeit werden, solange Queerfeindlichkeit zu Ausgrenzung und Hass motiviert", sagte Börmann.

Sie rief alle auf, mutig und solidarisch zu sein. Es gebe mehr Gemeinsamkeiten als Mauern zwischen den unterschiedlichen Menschen. "Wir können es schaffen, dass Menschenrechte für alle Menschen gelten" war ihr Appell, der von großem Beifall begleitet wurde.

Friedlich endete die spontane Kundgebung , die gänzlich ohne Polizei auskam, gegen 13 Uhr auf dem Rathausvorplatz.

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