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Hinschmeißen wollte Karl Richter (70) sein Stolander, als das Rauchergesetz kam. Hat er aber nicht. - © Kurt Ehmke
Hinschmeißen wollte Karl Richter (70) sein Stolander, als das Rauchergesetz kam. Hat er aber nicht. | © Kurt Ehmke

Bielefeld Stolander-Chef feiert 70. Geburtstag: Bielefelds Kultwirt will auswandern

Kurt Ehmke
16.08.2019 | Stand 16.08.2019, 12:33 Uhr

Bielefeld. "Karl, guck mal freundlich fürs Foto." - Diese Ansprache lässt Karl grinsen. "Freundlich? Dafür bin ich nicht bekannt." Sagt Karl Richter, Ein-Mann-Show des Stolanders. Jener Kult-Kneipe, in der noch immer am besten jeder mit jedem quatscht und in der das Bielefelder Kneipen-Fußball-Schauen quasi erfunden wurde. Karl, wie ihn alle nur rufen, wird an diesem Freitag 70 Jahre alt. Einfach aufmachen Feiern will er nicht. Wird er aber. Eingeladen hat er nicht. Er macht einfach nur auf. Wie immer. Und dann werden sie da sein, viele seiner gut 100 Stammgäste. Und mit ihm das Kneipenleben feiern. Und ihn selbst natürlich auch. Jenen Mann, der mit 17 anfing in der Gastronomie, der beruflich kurz in Bethel in die Psychiatrie hineinschnupperte und auch mal Lehramt studierte, der das Rauchverbot verflucht, der mit Schicki-Micki-Gastronomie und Abendmarkt-Events nichts anfangen kann und der schon so manches Mal aufhören wollte. Aber nie aufhörte. Jazz, Taxi, Pinte Karl ist Kult. Seine Biografie spiegelt das: Jazz-Klause, Lindenkeller, Taxi gefahren, Abi am Abendgymnasium, Pinte, Tinneff, Karls-Klause, Siekerfelde, Ravensberger Spinnerei. Und seit 1995 das Stolander. Hinzu kamen eine Scheidung und der Kauf eines Appartements auf La Palma. In diesem steckt seine Rente, hier will er in gut einem Jahr seinen Lebensabend verbringen, einen, der stiller und ruhiger ist als das Kneipenleben im Stolander. Freiwillige Sozialarbeit Das ist sein Traum. Ein Bedürfnis. Die Arbeit in der Kneipe legt er - bewusst - sehr kommunikativ an. Da braucht der 70-Jährige auch die ruhigen Seiten des Lebens. Und freut sich drauf. "Wenn ich von Einsamkeit im Alter höre, habe ich keine Angst davor, im Gegenteil." Denn der Job im Stolander sei ja nun einmal eine Art "freiwillige Sozialarbeit". So solle es auch sein. Kneipe gleich Kommunikation Für ihn ist die Kneipe ein Ort der Kommunikation. Am liebsten ist ihm, wenn jeder mit jedem quatscht. Tippen Leute zu viel nur auf Handys herum, frotzelt er sie auch schon einmal an. Für sowas ist doch die Kneipe nicht da. W-Lan hat er zwar (muss ja). Aber Facebook? "Verlorene Zeit." Ja, sowas gibt's noch Blickt er zurück, schwärmt er vom Lindenkeller. "So einen Zusammenhalt habe ich nirgendwo sonst wieder erlebt." Es gab eine Lokal-Fußballtruppe, die Spiele waren ein Vorläufer der Wilden Liga. Weil es "viel weniger" Kneipen gab, waren die Menschen meist in "ihrer" Kneipe. Und so wurde alles dichter, war man enger beieinander, vertrauter, eingeschworener. Karl: "Wenn heute mal neue Leute bei mir auftauchen, sagen die oft: ,Mensch, diese Art von Kneipe gibt's noch?'" Ja, es gibt sie noch. Ein letztes Jahr noch Aber nicht mehr lange. Ein Jahr noch läuft Karls Pachtvertrag, bis dahin will er einen Nachfolger gefunden haben. Doch das klappt bisher nicht. "Es ist paradox: Die Leute gehen immer mehr raus, aber es gibt immer weniger Leute, die den Job machen wollen." Seit zwei Jahren schon schmeißt Karl das Stolander alleine, niemand fand sich als Hilfe und Vertretung. "Naja, mir redet immerhin keiner rein", spricht er über die positive Seite der Medaille. Arminia? Bundesliga! Eines aber nervt ihn gewaltig: Seine Arminia-Dauerkarte musste er für die Ein-Mann-Gastro-Nummer opfern. Das Stolander geht vor. Sogar vor Schwarz-Weiß-Blau. Fan aber ist er noch immer. "Ein glühender." Blickt er auf den Saisonstart, ist er optimistisch. "Denen ist was zuzutrauen." Einstelliger Tabellenplatz, vielleicht Fünfter, ganz vielleicht sogar noch mehr. "Langfristig", das steht für Karl fest, "gehört Arminia in die Bundesliga." Wird schon Doch eine Dauerkarte wird er wohl nie wieder kaufen. Nach 25 Jahren Stolander will er 2020 gehen. Auf die Insel. "Spanisch lerne ich dann da richtig." Wird schon. Auch das ist typisch Karl. Er vertraut sich und dem Leben.

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