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Bielefeld "Im Keller eingesperrt": Jetzt kommt der ganze Horror des Bielefelder Kurheims ans Licht

Der Bielefelder Rolf C. stieß mit seinen Berichten aus seiner Zeit als Kleinkind im Bielefelder Kinderkurheim eine Welle los. Jetzt meldeten sich weitere ehemalige "Verschickte". Sie bestätigen die bösen Taten der "Tanten" dort, andere haben dort jedoch auch Schönes erlebt

Ansgar Mönter
16.07.2019 | Stand 16.07.2019, 14:14 Uhr

Bielefeld. Der Artikel „Horror-Erlebnisse im Kurheim der Stadt" von Samstag, 13. Juli, hat viele Menschen emotional beschäftigt, aufgewühlt, berührt und zu Widerspruch motiviert – weil sie ähnliche Erlebnisse aus ihrer Kindheit in Kurheimen erlebt haben oder auch, weil bei ihnen alles okay war und sie nicht glauben können, dass dort so etwas Schreckliches passiert sein könnte. Wir haben die Schilderungen zusammengefasst. "Ich hätte weinen und schreien können" „Beim Frühstück zu sitzen, mit der Vergangenheit konfrontiert zu werden, die so viele Auswirkungen auf mein gesamtes Leben hatte und hat: Ich hätte weinen, schreien, verzweifeln, um mich schlagen können", schreibt Vera G. „Für Menschen, die nicht in die Maschinerie der damaligen „Gesundheitsfürsorge" geraten sind, ist kaum vorstellbar, was dort passierte. Die Erlebnisse in Kinderkrankenhäusern und Kinderkurheimen haben mein Leben geprägt und beherrscht, sie haben mir viele Möglichkeiten der persönlichen Entfaltung genommen. Zu wissen, dass man mit diesen Erlebnissen nicht allein ist, tröstet. Aber es macht es nicht leichter", schreibt sie. Allein im Duschraum im Keller eingesperrt Sehr berührend und zugleich schockierend sind auch die Schilderungen von Andreas B. aus Bielefeld. Er hat Ähnliches erlebt in einem anderen kommunalen Kurheim an der Nordsee in den Jahren 1965 und 1966. „Vor meiner Einschulung habe ich dann vier Wochen eine weitere Kur verschrieben bekommen: Ich wurde in einem Jungeninternat untergebracht, ein Gefängnis aus roten Klinkern, die schlimmste Zeit meiner Kindheit. Riesengroßer Speisesaal mit kleinem Fenster ganz oben unter der Decke an der Wand, von dem die Pensionsleiterin alles kontrollierte; Schlafsaal mit vielen Betten; Zwang, das aufessen zu müssen, was auf den Tisch kam. Am Wochenende gab es regelmäßig Erbseneintopf, ich habe mich regelmäßig übergeben; Salzwasserbaden, eiskalt; Salzwasser trinken! An einem Samstag gab es wieder Eintopf, ich hatte gesagt, dass ich ihn nicht mag. Ich musste ihn essen, ich habe mich übergeben. Am nächsten Tag hatte ich Geburtstag und mir war immer noch so schlecht, dass ich im Bett liegenbleiben musste. Morgens kam dann die ganze Betreuerinnenmannschaft, allen voran die Chefin mit Ziehharmonika, „Happy Birthday" singend, an mein Bett, gratulierte und sagte mir, dass meine Eltern mir ein Päckchen zum Geburtstag geschickt hätten, mit Süßigkeiten, aber da ich krank sei, hätten die anderen Kinder nun den Inhalt bekommen. Ich habe in meiner Kindheit nie wieder so geweint wie an diesem Tag. In einer Nacht habe ich wohl Blödsinn mit anderen Kindern gemacht. Daraufhin wurde ich mit einem Morgenmantel angezogen und die ganze Nacht allein in die Dusch- und Waschräume im Keller gesperrt – geradezu traumatisch. Eines Tages erschien dann meine Mutter in dem Fenster im Speisesaal. Ich hatte das Gefühl, dass ich endlich gerettet war." "Erinnerungen, die man nie vergisst" Anja Weller war, wie Rolf C., dessen Erinnerungen am Samstag in der NW standen, ebenfalls im Kurheim Bielefelds. Sie schreibt: „Ich kann dem Artikel nur beipflichten. Ich war 1972 auf Norderney. Zum Abnehmen. Auch ich wurde eine Nacht isoliert, nachdem ich eine „Tante" nachts geholt hatte, weil ein Mädchen im Schlafsaal weinte. Danach habe ich unter der Bettdecke mit einer Taschenlampe eine Ansichtskarte meiner Eltern angesehen. Dabei wurde ich erwischt und danach isoliert. Das sind Erinnerungen, die man nie vergisst." "Für mich blieben nur Krümel übrig" Von „Horror pur" schreibt Leserin Renate Rohs, wenn sie an die Zeit in dem Kurheim denkt: „Ja, die Tanten im Kinderheim Bielefeld lösen auch bei mir bis heute schlimme Erinnerungen und unangenehme Gefühle aus. Ich war 1968 auf der Insel, feierte dort meinen zehnten Geburtstag. Ich bekam drei Päckchen mit Kuchen von meinen Eltern. Tenor der Tanten: „Erst bekommen deine Gäste Kuchen, dann du. Für mich blieben lediglich die Krümel über. Ich kann meine Enttäuschung heute noch spüren. Eines nachts habe ich mich vor einem Kleiderschrank wiedergefunden, ich wollte in den Schrank steigen und meine Blase entleeren, ich musste so nötig. Da kam die Nachtwachentante, hat mich geohrfeigt und zurück ins Bett geschickt, natürlich ohne mich auf die Toilette zu lassen. Ich habe den Rest der Nacht wach gelegen und aufgepasst, dass ich nicht ins Bett mache. Zum Ohrenputzen stand man in einer Reihe an, es ging zack, zack. Ich verspürte einen heftigen Schmerz in einem Ohr, lag nachts in einer Blutlache, auch das wurde lapidar abgetan und gesagt, ich solle mich nicht so anstellen. Später zu Hause wurde aus meinem Ohr ein bohnengroßer Stein entfernt, wohl geronnenes Blut. Ich war zur Stärkung meines Immunsystems auf der Insel, lag dann dort eine Woche mit 39 Grad Fieber im Bett. Ich durfte den ganzen Tag nicht aufstehen, musste im Bett liegen mit Händen auf der Decke, hatte schlimmen Durst. Allerdings gab es außerhalb der Mahlzeiten nichts zu trinken, Horror pur. Ich habe eine Postkarte an meine Eltern aus dem Heim geschmuggelt, sie unbemerkt in einen Briefkasten geworfen und meine Eltern gebeten mich sofort abzuholen, weil alles so schrecklich sei. Meine Mutter sagte mir später, dass sie daraufhin beim Gesundheitsamt gewesen sei, der dortige Kommentar: ,Ach, sie hat nur Heimweh, es geht ihr dort bestens.’ Ich habe von diesen Erlebnissen oft erzählt, niemand konnte sich vorstellen, dass so etwas möglich war, weil es doch eine Einrichtung der Stadt „zum Wohle des Kindes" war. "Gezwungen, Kartoffeln mit Schale zu essen" Auch Anrufer meldeten sich. Ein Mann sagt unter Tränen, dass er vermutet, dass sein Sohn, damals neun Jahre alt, für sein Leben einen „Knacks" in dem Kurheim bekommen hat und deshalb auch früh gestorben sei. Verdacht schöpfte er als Vater schon während des Aufenthaltes seines Kindes auf Norderney, weil er seinem Sohn viele Postkarten mitgab, aber so gut wie keine bei ihm ankam. Ein Mann berichtet von Erinnerungen, dass nachts über die Terrasse ein Erwachsener den Schlafsaal der Jungs betreten habe und sich ins Bett des Jungen neben ihn gelegt habe. Er war vier Jahre alt und darüber sehr verstört. Die ältesten Erinnerungen hat Ilse Wiersdorf. Die heute 95-Jährige war 1934 in dem Kurheim. „Wir wurden gezwungen, alte Kartoffeln mit Schale zu essen", sagt sie. Ekelhaft sei das gewesen. Oft hätte sie Hunger gehabt, „und das Regiment war sehr streng". Astrid Lindgren und Blaubeer-Pfannkuchen Von positiven Erinnerungen an die Zeit auf Norderney berichtet hingegen Dorothea Meyer zu Wendischhoff: „Ich war im Jahr 1966 als Achtjährige ebenfalls sechs Wochen im Bielefelder Kurheim auf Norderney. Aus heutiger Sicht sollte man ein achtjähriges Kind wohl nicht so lange von den Eltern trennen und einen Vierjährigen erst recht nicht. Ich habe allerdings in meiner Zeit auf Norderney keinerlei schlechte Erfahrung gemacht. Die Erzieherinnen waren freundlich und zugewandt, es wurde jeden Tag etwas unternommen, ein Strandspaziergang gemacht, mit einem Fischkutter gefahren, gebastelt und gemalt, einmal gab es eine Zauberer-Vorstellung. Jeden Abend wurde aus „Mio, mein Mio" von Astrid Lindgren vorgelesen; das Essen war ganz in Ordnung; besonders gerne erinnere ich mich an Blaubeer-Pfannkuchen. Ich hatte trotzdem Heimweh, aber das kann man dem Kurheim nicht zum Vorwurf machen." "Bin nicht verhungert und verdurstet" Eine ähnlich schöne Zeit hat Friedhelm Beckmann dort verbracht: „Ich war Anfang 1959 als fast Zehnjähriger dort zur Kur und habe an diesen Kuraufenthalt außer einer 14-tägigen Quarantäne wegen Windpocken keine schlechten Erinnerungen (selbst aus der Quarantänezeit ist mir nichts Negatives in Erinnerung). Wir hatten eine nette Betreuungsperson und haben schöne Ausflüge auf Norderney gemacht. Mir ist der Aufenthalt gut bekommen. Üblich war es damals auch, dass über die erfolgte Ankunft der Kinder tags darauf in der Zeitung eine Berichtsnotiz erschien. Ansonsten habe ich keine Erinnerungen zur Qualität des Essens oder unbotmäßigen Verhaltens der Aufsichtspersonen. Ich bin jedenfalls nicht verhungert oder verdurstet. Meine Postkarten durfte ich in Anwesenheit der Betreuungspersonen selbst schreiben und dies wurde auch nicht korrigiert. Geschlafen haben wir in größeren Schlafsälen, was zu der Zeit nichts ungewöhnliches war. Davon, dass das Aufsichtspersonal „Tanten" genannt werden musste, ist mir auch nichts in Erinnerung. Für die Trennung des vierjährigen Kindes von den Eltern kann man sicher nicht das Kurheim verantwortlich machen." Jürgen Niewöhner erging es ebenfalls gut dort – allerdings war er schon zehn und beim zweiten mal 13 Jahre alt. 1950 und 1953 waren seine Aufenthalte dort. An Negatives kann er sich nicht erinnern. Lesen Sie auch: Der schönste Mann Deutschlands kommt aus Bielefeld Autohändler zieht Bielefelder ab - Polizei sucht Betrüger per Öffentlichkeitsfahndung Hochzeitskorso blockiert Jahnplatz: Polizei ermittelt Fahrer Das Hotel Bielefelder Hof hat einen neuen Besitzer

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