0
Vor allem in zwei Stadtbezirken erzielte die AfD auffallend hohe Ergebnisse bei der Europawahl. - © Jürgen Schultheiss
Vor allem in zwei Stadtbezirken erzielte die AfD auffallend hohe Ergebnisse bei der Europawahl. | © Jürgen Schultheiss

Bielefeld Nachgefragt: Warum viele Zuwanderer in Bielefeld AfD wählen

Die Partei verbesserte sich bei der Europawahl in Bielefeld leicht. In einigen Gebieten schnitt sie aber auffallend stark ab. Das hat verschiedene Gründe – und führt teilweise zu Entsetzen

Ingo Kalischek
29.05.2019 | Stand 29.05.2019, 16:43 Uhr

Bielefeld. Mit 7,7 Prozent hat sich die AfD in Bielefeld bei der Europawahl verbessert – um rund 2,7 Prozentpunkte. Ein Blick in die einzelnen Wahlbezirke zeigt: Auch in Bielefeld hat die Partei ihre Hochburgen, wenn auch kleine. In Baumheide kam die AfD auf 19,2 Prozent der Stimmen. Damit landet sie dort auf dem zweiten Platz hinter der CDU. In Hillegossen kam die AfD mit 13,8 Prozent ebenfalls auf ein hohes Ergebnis, deutlich vor der FDP (6 Prozent). „Das ist für mich nicht nachvollziehbar", sagt der CDU-Kreisvorsitzende Andreas Rüther. Wie ist das starke Abschneiden zu erklären? "Ich muss sehen, wie ich über die Runden komme" Natasha S. (Name geändert) lebt seit mehr als 30 Jahren in Bielefeld. Die gebürtige Serbin hat bei der EU-Wahl erstmals die AfD gewählt, sagt sie. Sie fühle sich von der Politik allein gelassen und unfair behandelt, sagt sie. Seit elf Monaten ist sie arbeitslos – und bangt um ihre Existenz. „Ich muss sehen, wie ich über die Runden komme, während die vielen Zuwanderer finanziell unterstützt werden. Das ist doch ungerecht", meint sie. Natasha S. bezeichnet sich als „eingebürgerte Ausländerin". In Richtung Politik sagt sie: „Helft doch erst mal denen, die hier sind." In ihrer schwierigen Situation spreche die AfD die „richtige Sprache", begründet die Frau ihre Wahl. "Sie haben noch immer Ängste und keine Perspektive" Murisa Adilovic aus dem Integrationsrat sagt, sie kenne viele Bielefelder, die ihr Kreuz bei der AfD gemacht haben. Dabei handele es sich oft um gebürtige Russen, Kroaten, Polen und Bosnier, die in den 90er Jahren nach Bielefeld gekommen sind. „Sie haben noch immer soziale Ängste, keine Perspektive und das Gefühl, dass sich niemand um sie kümmert", sagt Adilovic. Von diese Menschen werde sie aktuell oft gefragt: „Was wollen die ganzen Flüchtlinge hier?" Die „Volksparteien" hinterließen auf diese Menschen den Eindruck, „nur noch mehr Flüchtlinge" ins Land zu lassen, berichtet Adilovic. Und sie fügt an: "Ich erkläre mir diese Situation mit der ethnischen Segregation, die damals betrieben wurde - und bis heute streckenweise noch immer vorherrscht. Auch die berufliche Degradierung spielt eine Rolle. Diese Fehler wurden bereits damals begangen, werden aber auch heute noch gemacht." "Ist das fair?" Katarzyna L. kam vor zehn Jahren aus Polen nach Baumheide. Damals habe sie der Staat kaum unterstützt, sagt sie. Und heute? „Ich arbeite von morgens bis abends wie eine Verrückte, zahle 400 Euro an die Krankenkasse und es bleibt kaum etwas übrig. Die aktuellen Flüchtlinge hingegen zahlen nichts und machen nichts – und bekommen alles. Ist das fair?" Sie habe das Gefühl, dass sich viele Neuankömmlinge gar nicht integrieren wollten. „Die lernen kein Deutsch und suchen keinen Kontakt. Wir haben uns früher anders verhalten", sagt die Frau. Der Inhaber eines Baumheider Geschäfts, ein gebürtiger Bielefelder, sagt: „Ich habe früher als Jugendlicher aus Protest die Grünen gewählt. Heute wählen die Menschen aus Protest halt AfD." "Das soziale Umfeld spielt natürlich eine Rolle" 377 von 2.000 Wählern in Baumheide haben am Wochenende die AfD gewählt. In Hillegossen waren es 504 von 3.672 . In Sennestadt-Süd kam die Partei auf 13 Prozent. „Das soziale Umfeld spielt natürlich eine Rolle", sagt ein Mann, während er vor dem Marktkauf in Baumheide einen Kaffee trinkt. „Hier gibt es viele kleine Brennpunkte. Dennoch sollte man eigentlich nicht vermuten, dass ausgerechnet Zuwanderer die AfD wählen." Heepens Bezirksbürgermeister Holm Sternbacher ärgert das verbesserte Abschneiden der AfD. Überrascht sei er aber nicht. „Das war ja bei der Bundestagswahl schon ähnlich." Eigentlich bewege sich viel Es sei in Baumheide nicht einfach, die vielen Menschen verschiedener Nationalitäten zu erreichen. Denn eigentlich bewege sich dort aktuell viel; 27 Millionen Euro werden das Quartier in den kommenden Jahren ordentlich aufwerten. „Aber das bekommen viele Menschen offenbar nicht mit." Stieghorsts Bezirksbürgermeister Reinhard Schäffer macht indes noch einen anderen Grund für das gute Abschneiden der AfD aus. „Mir hat kürzlich eine ältere Dame gesagt, dass sie die AfD nicht mag, aber den anderen Parteien eins auswischen will." Die Frau gehöre zu den Menschen, die keinerlei Veränderungen in ihrem Umfeld wollen würden. „Das ist schon entsetzlich", sagt Schäffer.

realisiert durch evolver group