Freudige Archäologen: Entdecker Renè Jansen Venneboer (v.l.), Barbara Rüschoff-Parzinger, Bettina Tremmel, Sven Spiong und Michael Rind vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe. - © Sarah Jonek
Freudige Archäologen: Entdecker Renè Jansen Venneboer (v.l.), Barbara Rüschoff-Parzinger, Bettina Tremmel, Sven Spiong und Michael Rind vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe. | © Sarah Jonek

Bielefeld Einzigartig in Westfalen: So sieht das Römerlager in Bielefeld aus

Das entdeckte Feldzuglager in Sennestadt hat die Größe von 36 Fußballfeldern und konnte bis zu 25.000 Menschen aufnehmen.

Susanne Lahr
09.05.2019 | Stand 09.05.2019, 14:18 Uhr |

Bielefeld. Der Fund eines 2.000 Jahre alten römischen Marschlagers in Sennestadt ist so ungewöhnlich wie unerwartet. Darum ist das Medieninteresse am Mittwochmorgen groß, als die Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) Details dieser Entdeckung preisgeben. Ein niederländischer Hobbyarchäologe hatte den Wall des Lagers im Wald gegenüber der Bildungsstätte Haus Neuland 2017 ausgemacht. Die Spuren lassen sich auch heute gut noch im Gelände erkennen. Damit ist das Bielefelder Marschlager in Westfalen bislang einzigartig. Die Römer haben sich damals direkt am Menkhauser Bach niedergelassen. Das Lager nimmt eine Fläche von 26 Hektar ein, das sind umgerechnet 36 Fußballfelder. Drei Legionen, etwa 12.000 bis 15.000 Soldaten, sowie deren Hilfstruppen und der Versorgungstross - insgesamt 20.000 bis 25.000 Menschen - konnten darin Platz finden. Für damalige Verhältnisse eine unglaubliche Masse Mensch und Tier, die selbst Barbara Rüschoff-Parzinger, Kulturdezernentin des LWL, immer wieder in Erstaunen setzt. "Und dann ein Lager für mehr oder weniger eine Nacht. Das muss man sich mal vorstellen." Zu ihrem Schutz haben die Legionäre an drei Seiten einen etwa 80 Zentimeter hohen Wall mit vorgelagertem Spitzgraben ausgehoben. Darauf setzten sie spitze Schanzpfähle aus Holz, von denen jeder Soldat einen im Marschgepäck hatte. Diese wurden dann zusätzlich durch Seile miteinander verbunden. So entstand ein 1,50 Meter breiter, effektiver Schutz gegen Überfälle, aber auch gegen Wildtiere. Auf der vierten Seite bildete in Sennestadt der Menkhauser Bach mit seiner mehrere Meter hohen Uferkante ein natürliches Hindernis. Campiert wurde nach genauem Plan in leicht transportierbaren Lederzelten. 1.400 Meter Wallanlage erhalten Rund 1.400 Meter dieses Erdwalls sind noch relativ gut erhalten. "Obertägig erhaltene Bodendenkmäler sind sehr selten", betont Michael Rind, Chefarchäologe des LWL. "Die meisten Römerlager sind plattgemacht worden." Zerstört durch Landwirtschaft oder Überbauung. In der Oerlinghauser Senne ist dies nicht geschehen. Zu den Zeiten Kaiser Augustus' - er regierte von 31 vor Christus bis 14 n.Chr. - dürfte sich in der Gegend ein lockerer Bestand von Birken und Eichen befunden haben sowie Heidelandschaft. Später, im 19. Jahrhundert, ist Wald aufgeforstet worden, der bis heute das römische Marschlager größtenteils vor der Zerstörung geschützt hat. Ein Teil der Umwallung ist jedoch dem Bau von Haus Neuland zum Opfer gefallen. "Theoretisch hätte man das Lager schon damals entdecken können", sagt Rind. So ist es René Jansen Venneboer zu verdanken, dass dem Geschichtspuzzle eine weiteres wichtiges Stück hinzugefügt werden kann. Die Leidenschaft des 57-jährigen Verwaltungsbeamten sind die römischen Feldzüge im nordrhein-westfälischem Raum. Für seine Forschung nutzt er Laserscans, die aus der Luft erstellt werden, und die das Land frei zur Verfügung stellt. Mit ihrer Hilfe entstehen digitale Geländemodelle, die Bewuchs nicht miterfassen. Clavicula-Tore der entscheidende Hinweis Aufgefallen sind ihm polygonale Linien, die alle neuzeitliche Strukturen durchqueren. Zudem fand er an zwei Seitensogenannte Clavicula-Tore. Die Römer verschwenkten den Wall in einem Viertelkreis ins Lager hinein, so dass ein verengter Eingang entstand, der leichter zu verteidigen war. Bei einem Besuch in Sennestadt im Mai 2017 fand Venneboer an zwei Stellen tatsächlich die Wallanlage und informierte daraufhin die Fachleute. "Alle Indizien fügten sich tatsächlich zusammen", erklärt Bettina Tremmel, wissenschaftliche Referentin für Provinzialrömische Archäologie in Westfalen. Das römische Marschlager befinde sich damit an einer Stelle, "an der wir es nicht erwartet haben". Die Hauptmarschroute der Römer nach Norden war entlang der Lippe. Richtung Weser und den Siedlungsgebieten der Cherusker musste dann aber der Teutoburger Wald überschritten werden. "Mit mehr als 100 Meter Höhenunterschied, eine regelrechte Mauer", sagt Tremmel. Archäologen hatten Bielefelder Pass eher im Visier Daher sei der Bielefelder Pass eigentlich eine ideale Querungsstelle gewesen. "Den hatten wir alle im Blick", gibt die Archäologin zu. "Stattdessen nutzten die Römer einen kleinen engen Pass zwischen Sennestadt und Oerlinghausen." Die Frage nach dem Warum beantwortet Tremmel gleich mit: "Die Lösung liegt im Wasser." Der Menkhauser Bach habe ganzjährig sauberes Wasser geboten, und eine Feldzugtruppe dieser Größenordnung habe enorm viel Wasser benötigt. Mit welchem der Germanienfeldzüge der Römer das Lager genau zusammenhängt, lässt sich noch nicht und vielleicht niemals genau sagen. Denn es gibt wenig Hoffnung auf eindeutige Funde bei den kommenden Untersuchungen. "Bei einem Marschlager blieb wenig Zeit, Dinge wie eiserne Zeltheringe oder Münzen zu verlieren", sagt Bettina Tremmel. "Wir bräuchten das Glück eines besonderen Fundstückes", sagt auch Michael Rind. Die Clavicula-Tore seien aber ein Indiz auf die Zeit von 1 bis 16 nach Christus.

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