Radfahrer durch und durch: Heinrich Strößenreuther hat in der VHS gesprochen - und zum Fahrradfahren animiert. - © Sarah Jonek
Radfahrer durch und durch: Heinrich Strößenreuther hat in der VHS gesprochen - und zum Fahrradfahren animiert. | © Sarah Jonek

Bielefeld Ein Berliner will die Bielefelder aufs Fahrrad holen

Verkehrswende: Heinrich Strößenreuther sprach in der VHS vor knapp 200 Besuchern darüber, was Bielefeld von Berlin lernen kann. Ideen hat er. Und auch hier sollen bald Unterschriften gesammelt werden - für entspanntes und sicheres Radfahren

Bielefeld. Ein unterirdisches Radhaus oder auch der Ladebeck-Boulevard - viel wurde und wird in Bielefeld über den Radverkehr gesprochen. Die Verkehrswende beschäftigt Rad- wie Autofahrer, denn bis 2030 soll der Autoanteil in der Stadt bei 25 Prozent liegen. Auf Einladung von "Radentscheid Bielefeld" in Kooperation mit der Volkshochschule (VHS) war jetzt der Berliner Heinrich Strößenreuther in der Stadt. Er weiß, wie man Menschen aufs Fahrrad bringt. Strößenreuther hat in Berlin an der Initiative "Volksentscheid Fahrrad" mitgearbeitet. Bürger hatten damals die Verkehrswende von unten geknackt. Einige Ideen brachte er mit nach OWL. Bereits 2015 - im Urlaub - habe er die Idee gehabt, ein Gesetz zur Förderung des Radverkehrs - das Radgesetz - einzuführen: auf dem Weg der direkten Demokratie. "Unsere Städte sind voll mit Autos", sagt Strößenreuther. Und es werden mehr. "Das Weiter-So der bisherigen Verkehrspolitik aber geht nicht." Strößenreuther stellte in Bielefeld mögliche Lösungen vor: Den ÖPNV auszubauen etwa - das aber dauere zu lange, findet er. "Wenn wir die Verkehrswende wollen, ist der Radverkehr das einzige, was schnell hilft", erklärt er. "Jeder, der umsteigt, sorgt für weniger Stau." Es gehe dabei nicht ums Gegeneinander von Auto- und Fahrradfahrer, sondern um ein Angebot. Im Juni 2016 überreichte der "Volksentscheid Fahrrad" dem Berliner Senat den Antrag auf ein Volksbegehren für eine "sichere und komfortable Radinfrastruktur". Mehr als die fünffache Zahl der erforderlichen Unterschriften kam zusammen: 105.000 in dreieinhalb Wochen, sagt Strößenreuther. "Damals war klar, dass diese Zahl Ausstrahlung auf ganz Deutschland haben wird." Und: Der Zahl könne sich keiner widersetzten. Da der Senat nach Verhandlungen die Forderungen der Radfahrer weitgehend übernahm, verzichtete die Initiative auf die Durchführung des Volksbegehrens. Am 28. Juni 2018 wurde das Berliner Mobilitätsgesetz beschlossen. Berlin wurde per Gesetz verpflichtet, bis 2030 4.000 Kilometer Radwege bereitzustellen. "Radwege sind billig und schnell planbar", sagt Strößenreuther. Erste Früchte werden schon geerntet. "Es passiert was in Berlin." So gebe es zum Beispiel vernünftig abgesperrte Baustellen. Auto-Parkplätze an Kreuzungen würden weggenommen, an deren Stelle kommen Fahrradparkplätze. "Wer zwei Parkplätze streicht, kann 20 Fahrradparkplätze schaffen." Wäre das auch in Bielefeld möglich? In den Köpfen der Zuhörer bewegt sich jedenfalls an diesem Abend eine ganze Menge. Die Besucher kamen mit Strößenreuther ins Gespräch: Eine Frau im Publikum könnte sich einen autofreien Sonntag im Monat gut vorstellen. Ein Anfang wäre ein Verkehrsstillstand auf dem Willy-Brandt-Platz. Strößenreuthers Vorschlag: Für den ersten Sonntag im Mai eine Demo von 6 bis 12 Uhr dort anmelden. "Ihr müsst Mut haben, was zu machen", gab er den Bielefeldern mit. Und die haben eine ganze Menge von ihm aufschnappen können: "Der Radentscheid Bielefeld nimmt Fahrt auf", sagt Michael Schem, Sprecher der Initiative "Radentscheid Bielefeld". "Bald könnten auch bei uns Unterschriften gesammelt werden." Wenn es nach ihm geht, sogar noch in diesem Jahr. "Wir brauchen allerdings noch eine Kostenschätzung für den Entscheid von der Stadt." Die Initiative setzt sich für besseres und sicheres Radfahren in Bielefeld ein. Dazu haben die Ehrenamtlichen elf Ziele formuliert: 10 Kilometer Fahrradstraßen pro Jahr, Radschnellwege für Radpendler, 1.000 Fahrradstellplätze jährlich oder auch fünf Ampelschaltungen fahrradfreundlich machen. Der Radentscheid Bielefeld wird getragen vom Mobilitätsnetzwerk Bielefeld, in dem sich Bielefelder Bürger und Vereine zusammengeschlossen haben. Michael Schem war am Abend ganz begeistert von der Demo-Idee am 5. Mai. "Das kann ich mir sehr gut vorstellen, vielleicht für fahrradfreundlichere Ampelschaltungen."

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