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Seidensticker in der Stadt: Das Werbebanner für Hemden der Marke „Schwarze Rose" an der Herforder Straße. - © Andreas Zobe
Seidensticker in der Stadt: Das Werbebanner für Hemden der Marke „Schwarze Rose" an der Herforder Straße. | © Andreas Zobe

Bielefeld So prägte die Firma Seidensticker die Stadt Bielefeld

Textilindustrie: Das Traditionsunternehmen kündigt den Abbau von 120 Arbeitsplätzen an. Für die Betroffenen soll es eine Transfergesellschaft geben

Sebastian Kaiser
22.02.2019 | Stand 22.02.2019, 18:14 Uhr

Bielefeld. Dass etwas nicht stimmt, hatten viele Mitarbeiter seit Monaten gespürt. Doch das, was ihnen die Geschäftsleitung jetzt in einer Betriebsversammlung mitteilte, hat sie geschockt: Seidensticker baut Stellen ab. Rund 120 Beschäftigte werden noch in diesem Jahr ihren Arbeitsplatz verlieren, der Großteil davon in Bielefeld. Erste Kündigungsgespräche sind bereits geführt worden. Seidensticker, die Firma gehört für viele Bielefelder zu ihrer Stadt wie die Sparrenburg, der Jahnplatz oder Dr. Oetker. 1919 lieh sich Firmengründer Walter Seidensticker sen. 5.000 Mark und startete in der Wohnung seiner Eltern eine Hemdenproduktion - Grundstein für die bekannteste Herrenhemdenmarke Deutschlands. Seidensticker wurde rasch zu einem der großen Namen und einem der großen Arbeitgeber in der Bielefelder Textilindustrie - und zu einem der größten Hemdenhersteller in Europa. Die "Schwarze Rose", die 1968 zu ersten Mal auf Hemden gestickt wurde, ist eine der bekanntesten Marken in Deutschland. Die Seidenstickerhalle, 1993 mit maßgeblicher finanzieller Unterstützung der Unternehmerfamilie an der Werner-Bock-Straße gebaut, ist Ausdruck des Erfolges. Das Engagement für den Sport bescherte schon vorher Popularität. In der ersten Hälfte der 1980er Jahre stand der Name Seidensticker auf den Trikots des Bundesligisten DSC Arminia. Zu Hochzeiten über 2.000 Beschäftigte in Bielefeld "Bevor Zug um Zug die Produktion nach Asien verlegt wurde, brachte es das Unternehmen mit ehemaligen Tochtergesellschaften zu Hochzeiten auf weit über 2.000 Beschäftigte in Bielefeld", erinnert sich der Gewerkschafter Bernd Link (75), der selbst bei Seidensticker gearbeitet hat. Heute beschäftigt die Seidensticker-Gruppe weltweit 2.500 Mitarbeiter, davon zirka 380 in Bielefeld. 2005 waren es noch rund 700 Stellen in Bielefeld. Als Grund für die nun geplanten Entlassungen nennt die Geschäftsleitung den Verlust der Masterlizenz für Bekleidung der Marke "camel active". "Ein weiterer Abbau von Arbeitsplätzen hängt mit der Optimierung von Beschaffungsstrukturen zusammen", teilt das Unternehmen mit. Betroffen seien Zentralbereiche. Hinzu komme die Restrukturierung des Logistikbereiches, der im Laufe des Jahres vollständig an einen externen Dienstleister übergeben werden soll. Das koste gewerbliche Arbeitsplätze am Standort Bielefeld. Mit dem Betriebsrat und der Gewerkschaft hat das Unternehmen "sozialverträgliche Strukturanpassungen" vereinbart. "Wir wollen faire Lösungen bieten", sagt der geschäftsführende Gesellschafter Frank Seidensticker. "Gut, dass wir ein Familienunternehmen sind. Da bemüht man sich trotz allem um die Zukunft der Mitarbeiter", ist von Beschäftigten zu hören. "So schrecklich wie es ist, aber es wird noch so gut geregelt, wie es geht." Dazu gehört die Gründung einer Transferagentur und einer Transfergesellschaft. "Die Agentur bemüht sich, Mitarbeiter noch während der Laufzeit ihrer individuellen Kündigungsfristen in neue Stellen zu vermitteln", erklärt IG-Metall-Sekretär Marc Schneider. Auch Mitarbeiter in vier "Stores" sind betroffen Die Transfergesellschaft übernimmt Mitarbeiter in ein neues, befristetes Arbeitsverhältnis und zahlt Transferkurzarbeitergeld, das vom bisherigen Arbeitgeber aufgestockt werden kann. Schneider: "Die Arbeitslosigkeit wird dadurch nach hinten geschoben. Die Hoffnung ist, die Menschen durch Qualifizierung und intensive Betreuung aus der Transfergesellschaft heraus in neue Arbeitsplätze zu vermitteln." Eingeschaltet werden soll die "Personaltransfer West" mit Sitz in Bielefeld. Von den Entlassungen seien einzelne Betriebsbereiche stufenweise zu unterschiedlichen Zeiten betroffen, so das Unternehmen. Marc Schneider von der IG Metall ist überzeugt, dass "Seidensticker eine gute Entwicklung nehmen wird, wenn diese Maßnahmen greifen". Bereits seit Ende November 2018, als der Verlust der wichtigen "camel active"-Lizenz bekannt wurde, hätten Gewerkschaft und Betriebsrat mit der Geschäftsführung verhandelt, berichtet Marc Schneider. Der Betriebsrat habe sich Unterstützung von Beratern und von einem Anwalt geholt, um die von der Geschäftsführung geplanten Maßnahmen "auszuleuchten". "Wir haben alles versucht, um den Arbeitsplatzabbau, soweit es ging, sozial abzumildern", betont Schneider. Auch auf viele langjährig Beschäftigte komme die Kündigung zu. Betroffen sind auch die Mitarbeiter in vier von 35 deutschen "Stores", in denen Seidensticker seine Hemden direkt verkauft. Das Bielefelder Outlet an der Herforder Straße ist nicht darunter.

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