Jobcenter-Chef in Bielefeld: "Empfänger von Hartz IV sind nicht faul"

Rainer Radloff, Geschäftsführer des Jobcenters, hat mit Menschen in Lebenskrisen zu tun. Mit Traumatisierten, Frauen aus archaischen Gesellschaften und Männern, die seit Jahren nicht aus ihren Stadtteilen rausgekommen sind und isoliert leben

Andrea Rolfes
19.01.2019 | Stand 19.01.2019, 09:17 Uhr

Herr Radloff, Sanktionen für Hartz-IV-Empfänger sollen abschrecken. Das Bundesverfassungsgericht prüft gerade, ob das System rechtens ist. Darf der Staat Leistungskürzungen vornehmen, um zu disziplinieren? Bringt das Menschen in Arbeit oder verfassungswidrig in Existenznot? Rainer Radloff: Bei uns herrscht Leistungsgerechtigkeit. Das bedeutet, wenn jemand etwas leistet, bekommt er auch dafür etwas dafür. Darum geht es auch im SGB II - fördern und fordern. Wenn jemand eine Leistung bekommt, sind wir aufgerufen zu prüfen, ob sie ihm auch zusteht. Das ist wie beim Finanzamt. Wenn ich dort Unterlagen nicht abgebe, bekomme ich eben kein Geld. Wenn wir keine Leistung bewilligen, wird das auch schnell als Sanktion aufgefasst. Es geht also nicht darum, dass Bezieher von Hartz IV leistungsunwillig sind? Radloff: Nein, mir ist es wichtig, den Blick darauf zu lenken, dass SGB-II-Leistungsbezieher nicht faul sind. Ein großer Teil der Menschen arbeitet. Wir bringen jährlich zusätzlich 6.000 Leistungsbezieher wieder in Arbeit. 25 Prozent unserer Kunden haben eine Berufsausbildung. Das ist zwar nicht die Mehrheit, aber eine Gruppe, auf die man aufbauen kann. Trotzdem sind in einigen Fällen Sanktionen veranlasst worden. Was sind dann die Gründe dafür? Radloff: In 74 Prozent der Fälle geht es um Meldeversäumnisse. Wenn sie häufiger vorkommen, haben wir festgestellt, dass einige Kunden mittlerweile Arbeit haben oder weggezogen sind, sich aber nicht abgemeldet haben. Dass sich jemand aus Faulheit weigert zu arbeiten, erleben wir sehr selten. Wir haben allerdings Menschen bei uns, die unter psychischen Störungen leiden. Diese trauen sich zum Beispiel nicht mehr, Straßenbahn zu fahren. Sie sind eigentlich bereit, zu arbeiten, tauchen dann aber beim Arbeitgeber nicht auf. In solchen Fällen geht es darum, die Gründe zu finden, was dahintersteckt. Wie viele Bezieher von Hartz IV leiden unter psychischen Problemen? Radloff: Mindestens 30 Prozent der Langzeitarbeitslosen leiden unter mindestens einem psychischen Problem wie Resignation, sozialer Rückzug, Schlafstörungen, depressive Störungen, Angsterkrankungen. Etwa 500 Leute sind bei uns im SGB-II-Bereich, die drogenabhängig sind. Diese Menschen können aus psychischen und körperlichen Gründen oft gar nicht arbeiten. Wie gehen Sie und Ihre Mitarbeiter damit um? Radloff: Häufig ist diesen Menschen nicht bewusst, dass sie psychische Probleme haben. Das ist oft bei traumatisierten Migranten oder Flüchtlingen der Fall. In deren Herkunftsländern spielte das keine Rolle oder wurde gleich als Stigma angesehen. Für uns ist eine Diagnose deswegen ganz wichtig, um zu überlegen, welche Schritte als Nächstes gemacht werden können. Welche Schritte sind das? Radloff: Eigentlich brauchen wir viel mehr Instrumente, um akut Erkrankte motivieren zu können, zu Ärzten oder in Therapie zu gehen. Wir haben ein Gesundheitscoaching eingerichtet für Menschen, die so stark erkrankt sind, dass sie nicht arbeiten können. Das kann so weit gehen, dass sie nicht weiter angesprochen werden, was Arbeitsmaßnahmen oder Weiterbildungen betrifft. Im Bielefelder Jobcenter werden mit einer Quote von 1,3 Prozent vergleichsweise sehr wenige Sanktionen verhängt. Wie gelingt das? Radloff: Es geht uns mehr um die Beratungsbeziehung. Die Menschen, die zu uns kommen, befinden sich oft in einer Lebenskrise. Sie sind zum Beispiel als Flüchtlinge hierhergekommen. Diese Menschen brauchen nicht nur finanzielle Hilfe, sondern Beratung, wie es jetzt weitergehen kann. Wir können keine Menschen in Lebenskrisen in irgendeiner Form sanktionieren. Dann verschärfen wir die Situation eigentlich nur. Besser ist es, wenn wir Vertrauen aufbauen und Verbindlichkeit schaffen. Dieser Weg funktioniert so gut, dass Sanktionen gar nicht mehr nötig sind? Radloff: Ja, in den meisten Fällen schon. Unsere Zahlen sprechen dafür. Was wäre denn, wenn das Bundesverfassungsgericht entscheidet, dass Sanktionen künftig nicht mehr rechtens sind? Radloff: Das erwarte ich nicht. Es wird nicht zu einem bedingungslosen Grundeinkommen kommen. Das halte ich auch für richtig, bei allem Reiz, den dieses Modell hat. Sie sind gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen? Radloff: Wir haben festgestellt, dass wir ganz viele alleinstehende, ältere Männer in den Stadtteilen haben, die aus ihrem Viertel seit Jahren nicht mehr herausgekommen sind, weil sie wirklich isoliert sind. Außer den Beratern im Jobcenter haben diese Menschen kaum Gesprächspartner. Da ist es schwer zu sagen, denen geben wir einfach nur Geld. Natürlich bin ich sehr dafür, die sozialen Leistungen, die wir geben, zu entbürokratisieren. Man sollte die Menschen aber auch nicht allein lassen. Das gilt ja auch für Gruppen anderer Kulturkreise. Ist da mehr Sozialarbeit gefordert als eine Arbeitsberatung, die ihre Mitarbeiter leisten müssen? Radloff: Ja, viele kommen aus archaischen Gesellschaften. Ein Großteil von dem, was Frau Merkel mit "Wir schaffen das" gesagt hat, müssen wir im Jobcenter leisten. Wenn das Asylverfahren durchlaufen und eine Anerkennung da ist, geht es in die Sprachkurse und möglichst auch in ein Arbeitsverhältnis. Das ist das, was wir leisten müssen. Es geht aber nicht nur um Sprache und Beruf, sondern auch vielfach um Kultur. Menschen, die aus einer autoritären Gesellschaft stammen, die Kultur einer Solidargesellschaft zu erklären, ist schwer. Können Sie das genauer beschreiben? Radloff: Ja, bei den Jesiden aus dem Irak ist das zum Beispiel so. Dass Leistungen an Bedingungen geknüpft sind, verstehen diese Menschen oft nicht. In diesen archaischen Gesellschaften gibt es keine industrielle Arbeitsgesellschaft, wie wir sie haben. Und der Wert der Arbeit wird nicht so hoch angesehen. Es ist wichtiger, dass das Volk überlebt. Und das geht natürlich am besten, wenn man große Familien gründet und viele Kinder hat. Damit ist die Rolle der Frau auch von vornherein definiert. Wobei es ja viele Jesiden gibt, die sehr gut integriert sind. Radloff: Ja türkische Jesiden, die in den 80er und 90er Jahren gekommen sind, sind sehr gut integriert. Da gibt es den Verband der jesidischen Akademiker, mit dem wir zusammenarbeiten. In der Regel sind das türkische Jesiden, die hier geboren wurden, hier studiert haben. Wir haben auch jesidische Mitarbeiter bei uns im Jobcenter. Die Integration der Iraker kann also doch noch funktionieren? Radloff: Ja, wir können das schon hinbekommen. Aber es ist eine große Herausforderung. Weil große Bedarfsgemeinschaften von uns unterstützt werden, ist auskömmlich Geld da. Für die einzelne Person nicht viel, aber es reicht, um zu leben. Und es ist mehr, als die Menschen im Irak bekommen haben. Damit geben sich viele zufrieden. Der Wille, sich stärker beruflich zu integrieren, fehlt dann oft. Welche Möglichkeiten sehen Sie, diese Menschen trotzdem zu erreichen? Radloff: Viele sagen, dass es sinnvoll ist, bloß auf die zweite Generation zu setzen. Wir müssen uns zwar auch um die Kinder kümmern. Weil aber viele von den Geflüchteten erst 20 bis 40 Jahre alt sind, gelingt es manchmal schon, ihnen unsere Unterstützungsmöglichkeiten nahezubringen. Dann können wir sie ansprechen, ob sie den nächsten Schritt wagen wollen. Welche Schritte können das dann sein? Radloff: Es fängt zum Beispiel damit an, Frauen, die aus autoritären Bildungsstrukturen kommen, das Lernen zu ermöglichen oder das Fahrradfahren beizubringen. Wir arbeiten mit der psychologischen Frauenberatungsstelle zusammen oder auch mit Bethel, mit denen wir das Projekt Hêvî ("Hoffnung") gestartet haben. Es fördert die soziale und arbeitsmarktliche Eingliederung von geflüchteten Menschen, die durch das vorhandene Regelinstrumentarium nicht oder nur unvollständig erreicht werden. Wir haben hier Erfolge vorzuweisen - zum Beispiel eine Frau, die Busfahrerin geworden ist - auf die wir stolz sind.

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