Kritisieren die Stadt: Rund 50 Menschen hatten sich am Samstag in der Sperberstraße versammelt, um mit Plakaten und Lautsprechern auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. Beobachtet wurden sie von einigen Security-Mitarbeitern. Die hatte die BIMA beauftragt, um Hausbesetzungen zu verhindern. - © Christian Mathiesen
Kritisieren die Stadt: Rund 50 Menschen hatten sich am Samstag in der Sperberstraße versammelt, um mit Plakaten und Lautsprechern auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. Beobachtet wurden sie von einigen Security-Mitarbeitern. Die hatte die BIMA beauftragt, um Hausbesetzungen zu verhindern. | © Christian Mathiesen

Bielefeld Protest gegen Leerstand der Britenhäuser: "Wohnungen vergammeln"

Kundgebung: An der Sperberstraße und an der Kölner Straße stehen bereits seit einiger Zeit Häuser leer. Eine Initiative spricht von einem Skandal und fordert, dass dort Bedürftige untergebracht werden sollen


Bielefeld. Einerseits suchen viele Menschen in der Stadt eine Wohnung. Andererseits stehen einige Wohnungen seit Jahren leer. Das können viele Bielefelder nicht nachvollziehen. Sie fordern, dass die Wohnungen zumindest für besonders Bedürftige freigegeben werden sollen. In einer Kundgebung machten sie am Samstag auf ihr Anliegen aufmerksam. Durch den Abzug der britischen Soldaten werden bis voraussichtlich 2020 knapp 500 Wohnungen frei. Einige sind es bereits jetzt. So stehen zum Beispiel 44 Reihenhäuser und vier Doppelhaushälften an der Sperberstraße seit zwei Jahren leer. Darin lebten früher britische Soldaten. Angeblich unbewohnbar? „Warum bringt die Stadt dort keine Wohnungslosen oder andere Bedürftige unter?", fragt Christian Presch, der die Kundgebung am Samstag organisiert hatte. Die Wohnungen sind im Besitz der Bundesanstalt für Immobilienangelegenheiten (BIMA). Die verhandelt seit einiger Zeit mit der Stadt. Presch und weitere Mitglieder der Bielefelder Initiative für sozialökologische Stadtentwicklung (BISS) rechnen damit, dass das noch mindestens zwei Jahre dauern wird. „In der Zwischenzeit könnten die Wohnungen doch von Bedürftigen bezogen werden." Die Stadt halte sich bei dem Thema eher bedeckt, sagt Presch. „Entweder reagiert sie auf unsere Forderungen gar nicht oder sie gibt an, dass die Wohnungen in einem zu schlechten Zustand – und somit unbewohnbar sind." Das aber sei nicht korrekt, meinen die Mitglieder der Initiative. »Die Wohnungen gammeln langsam vor sich hin« „Es gibt dort eine Heizung, eine Küche und keinerlei große Schäden, sagt Reinhard Bödecker von der Nachbarschaftsgruppe Rochdale. Kurzum: Die Häuser seien durchaus funktionsfähig und bewohnbar. Dass sie dennoch seit zwei Jahren leer stehen, halten einige Bürger für einen Skandal. Presch: „Die Wohnungen gammeln langsam vor sich hin, während in Bielefeld Menschen auf der Straße schlafen müssen." Ralf Brodda, Geschäftsführer des Mieterbunds OWL, machte auf die akute Wohnungsnot in der Stadt aufmerksam: „In Bielefeld gibt es aktuell 170.000 Wohnungen. Davon stehen nur 500 leer. Das ist eine Quote von 0,3 Prozent. Es muss dringend etwas passieren." Für Bedürftige Martin Reker ist Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bethel – und unterstützt die Forderungen der Initiative. Er fände es gut, wenn auch ehemalige Suchtkranke und Haftentlassene in den leerstehenden Wohnungen untergebracht würden. Dort könnten sie langsam wieder auf ein „normales Leben" vorbereitet werden. „Da es aber ansonsten keine freien Unterkünfte und Wohnungen gibt, kehren viele von ihnen nach erfolgreicher Therapie notgedrungen an ihre alten Wirkungsstätten zurück." Gleiches gelte für Frauen, die wegen der überfüllten Frauenhäuser nicht wüssten, wo sie langfristig Schutz finden könnten. Hauswächter bewachen die Gebäude Neben den 48 Wohnungen an der Sperberstraße stehen auch 20 Wohnungen an der Kölner Straße in Brackwede leer. Auch sie gehören der 
BIMA. Die setzt dort auf ein ungewöhnliches Modell, um die Wohnungen unter anderem vor Vandalismus, Brandstiftung und Müllablagerung zu schützen: Sie engagiert die Firma Camelot – eine Art Hauswächter. Die bietet die Wohnungen zur Zwischennutzung an – für 195 Euro im Monat. Das Angebot richtet sich an Menschen, die auf dem Markt bislang vergeblich eine günstige Wohnung gesucht haben. Zum Beispiel Studenten. Schnäppchen für Studenten „Ich bin froh, dass ich das hier gefunden habe", sagt ein Bielefelder Student, der lieber anonym bleiben möchte. Seine Wohnung an der Kölner Straße ist spärlich eingerichtet, aber in gutem Zustand. Auf dem Teppichboden liegt eine Matratze, die Küche verfügt über das Nötigste. „Ich habe sonst in meiner Preisklasse einfach nichts bekommen", sagt der junge Mann. Camelot-Mitarbeiter schauen regelmäßig nach dem Rechten, Partys und Tiere seien tabu, vor einem Urlaub müsse sich der Student abmelden. Einen klassischen Mieterschutz gibt es nicht. Und: Die Mieter müssen bereit sein, innerhalb weniger Wochen wieder auszuziehen. Dennoch sei er froh über dieses günstige Angebot.

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