Wollten keine Neonazi-Zentrale in Bielefeld: Demonstranten ziehen 1987 durch die Bleichstraße, um ihren Unmut über das Haus der "Nationalistischen Front" zu zeigen. - © Helga Wehmeyer
Wollten keine Neonazi-Zentrale in Bielefeld: Demonstranten ziehen 1987 durch die Bleichstraße, um ihren Unmut über das Haus der "Nationalistischen Front" zu zeigen. | © Helga Wehmeyer

Bielefeld Schon in den 80ern hat Bielefeld erfolgreich Nazis vertrieben

Neue Serie: Von 1986 bis 1989 sorgte das Domizil brauner Kameraden an der Bleichstraße 143 für Aufsehen. Warum der Widerstand die Bewohner am Ende vertrieb

Ansgar Mönter

Bielefeld. Wenn am kommenden Wochenende Neonazis in der Stadt auf die Straße gehen, ist das nichts Neues für die Bielefelder. Sie haben seit Jahrzehnten Übung im Umgang mit diesen Extremisten. Die größte Probe bestanden sie in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre. Über drei Jahre dauerte der Spuk damals. Von 1986 bis 1989 beschäftigte das Haus Bleichstraße 143 die Bielefelder. Das war die Zentrale der "Nationalistischen Front", kurz NF, eine als gewaltbereit geltende braune Truppe um Meinolf Schönborn. Die Broschüre "Wie erfolgreich gegen Neonazis widerstanden werden kann" erzählt vom erfolgreichen Widerstand der Stadtbevölkerung gegen das Neonazi-Domizil. Darin berichten der Sozialarbeiter Jörg Welzer, der verdeckt in der Nazi-Szene tätig war, der ehemalige Skinhead "El Hombre", der in dem Haus ein und aus ging, Polizist Heinz Haubrock, Jochem Kollmer von der Nachbarschaftsinitiative, die ehemalige Grünen-Ratsfrau Annelie Buntenbach und Klaus Stapela aus dem Widerstand. Sie erzählen, wie sie die Nazis am Ende aus der Stadt vertrieben haben. »Am Eingang hingen Bilder von Volksfeinden« Historiker Reinhard Lüpke hat die Stimmen zusammengetragen. Er war selbst Zeitzeuge. "Wir waren erfolgreich, weil unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen politischen Ausrichtungen und Einstellungen zusammen gegen die Nazis gekämpft haben", sagt er. Ex-Polizist Heinz Haubrock, damals Einsatzleiter der Polizei gegen die Nazis, schreibt den Erfolg ebenfalls dem Bürger-Bündnis zu: "Es wurde immer machtvoller, das hat den Ausschlag gegeben." Dabei standen sich anfangs viele Gruppen skeptisch gegenüber: Alt-68er und Polizei, Kirche, Linke aus dem Arbeiterjugendzentrum (AJZ) oder aus den Gewerkschaften. Ex-Nazi "El Hombre" - seinen wahren Namen kann er auch heute nicht nennen - erzählt aus einer befremdlichen und unbehaglichen Welt der Rechtsextremisten, von einer straff organisierten, führerzentrierten Organisation um Obernazi Schönborn. Auch Ex-Polizist Haubrock war einige Male in dem Haus der braunen Kameraden. "Da standen viele Feldbetten herum, und am Eingang gab es eine Pinnwand mit Bildern von Volksfeinden. Ich war auch dabei." Das Haus habe wie ein "Rattenloch" gewirkt, erinnert er sich. Es war umzäunt von Stacheldraht, im Garten gab es eine Anlage zur Wehrertüchtigung der Nazi-Kameraden. Das Haus wurde 1991 verkauft Beharrlich agierte die Nachbarschaftsinitiative dagegen, zusammen mit Polizei und Stadt. Als die Nazis auch gerichtlich bis in die höchsten Instanzen erfolglos blieben, gaben sie schließlich auf. 1989 verließen sie Bielefeld Richtung Pivitsheide, wo sie bis 1998 blieben. Das Haus Bleichstraße 143 - beziehungsweise das Grundstück mit dem maroden Haus darauf - verkauften sie 1991, am 8. Mai, dem Tag der Kapitulation der Hitlerdiktatur im Weltkriegsjahr 1945. Eine Neonazi-Szene wie damals konnte sich nie wieder in Bielefeld etablieren - auch wegen der Aufmerksamkeit der Bürger, die das nicht wollen.

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