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Fühlt sich im Recht: Susanne Kröger zeigt ihre undichte Markenjacke - inzwischen ihre dritte. Mitarbeiter des Geschäfts haben die feinen Risse im Ärmel mit Klebestreifen sichtbar gemacht. Trotzdem gibt es keinen Ersatz mehr. - © Wolfgang Rudolf
Fühlt sich im Recht: Susanne Kröger zeigt ihre undichte Markenjacke - inzwischen ihre dritte. Mitarbeiter des Geschäfts haben die feinen Risse im Ärmel mit Klebestreifen sichtbar gemacht. Trotzdem gibt es keinen Ersatz mehr. | © Wolfgang Rudolf

Bielefeld Jacke für 250 Euro wird Bielefelderin nicht ersetzt

Susanne Kröger erhält zweimal wegen des gleichen Defekts neue Ware. Bei der dritten Reklamation verweigert der Händler aber den Austausch. Wie so oft geht es um Gewährleistung und Garantie

Jens Reichenbach
30.06.2018 | Stand 29.06.2018, 21:02 Uhr
Expertin: Ingrid Deutmeyer, Leiterin der Verbraucherzentrale in Bielefeld. - © Foto: Andreas Zobe
Expertin: Ingrid Deutmeyer, Leiterin der Verbraucherzentrale in Bielefeld. | © Foto: Andreas Zobe

Bielefeld. Susanne Kröger aus Jöllenbeck ist genervt. 2012 hatte sie sich in der Altstadt eine hochwertige Jacke für 250 Euro gekauft. Doch viel Freude hatte sie an dem Parka bisher nicht. Bis heute - sechs Jahre danach - beklagt sie sich über den gleichen Mangel. Und das, obwohl die als wasserdicht beworbene Jacke bereits vom Händler zweimal ausgetauscht wurde. Doch bei jeder Jacke riss der Polyester-Oberstoff erneut in der Armbeuge auf, so dass Feuchtigkeit ins Jackeninnere ziehen konnte.

"Es sind etliche kleine Risse, die schwer zu sehen sind", sagt die genervte Kundin. "Die Jacke wurde aber dadurch undicht." Zunächst kam der Händler seiner Gewährleistungspflicht nach und ließ die Jacke vom Hersteller austauschen. 2014 und im Juni 2016 das letzte Mal.

"Wegen der schlechten Erfahrungen mit dem Produkt wollte ich diesmal ein anderes Produkt, aber das war nicht möglich. Geld zurück auch nicht." Wie erwartet, knapp zwei Jahre später musste sie den dritten Parka zurück in die Filiale bringen. Immer mit demselben Mangel.

Doch diesmal stellte sich der Prokurist der Filiale quer und verweigerte die Annahme der Reklamation. Ihm zufolge sei die gesetzliche Gewährleistungsfrist zwei Jahre nach dem Kauf der Jacke abgelaufen - also bereits 2014.

Anwältin fungiert als Mediatorin

Eine über die Rechtsschutzversicherung der Kundin eingeschaltete Rechtsanwältin, die als Mediatorin in dem Streitfall vermitteln sollte, konnte die Parteien nicht zu einer Einigung bewegen. "Sie hat mir Recht gegeben, weil die Frist mit jeder Jacke neu beginnt", sagt die Bielefelderin. Der Prokurist soll Kröger vorgeworfen haben, sich so alle zwei Jahre eine neue Jacke zu holen.

Doch beginnt die Gewährleistungsfrist nach dem Austausch der Jacke neu oder endete sie zwei Jahre nach dem ersten Kauf? Wie Ingrid Deutmeyer von der Verbraucherzentrale Bielefeld mitteilt, gehört der Streit über Warenreklamationen zwischen Kunde und Händler zu den Klassikern, die ihre Rechtsberater beschäftigen. Umtausch, Garantie und Gewährleistung werden dabei nicht nur von den Kunden verwechselt:

Der Umtausch ist laut Verbraucherzentrale eine freiwillige Leistung des Händlers, wenn dem Kunden die Ware nach dem Kauf doch nicht gefalle. Meist innerhalb von 14 Tagen. Manche Hersteller übernehmen für ihre Produkte auch eine Garantie. "Doch auch das ist eine freiwillige Leistung", so Deutmeyer. In vielen Garantiebestimmungen sind bestimmte Schadensfälle gänzlich ausgeschlossen.

Anders ist es bei der Gewährleistung. "Jeder Händler muss für zwei Jahre nach dem Kauf für Mangelfreiheit der Ware einstehen." Tritt ein Mangel auf, dann ist der Händler verpflichtet, diesen entweder durch Reparatur zu beheben oder zu ersetzen.

Wichtig: Tritt dieser Mangel schon innerhalb der ersten sechs Monate auf, geht das Gesetz davon aus, dass der Mangel schon beim Kauf bestand. "Wird der Mangel später reklamiert, muss der Käufer nachweisen, dass er von Anfang an vorhanden war."

Diesen Nachweis zu führen ist schwierig. "Das kann eigentlich nur ein Gutachter und das kann teuer sein", erklärt die Verbraucherschützerin. Anspruch auf ein anderes Produkt - wie Kröger es erhofft hatte - gibt es übrigens nicht. Deutmeyer betont: "Nach wiederholter Reklamation hat die Kundin die Möglichkeit vom Kaufvertrag zurückzutreten und den Kaufpreis zurückzuverlangen." Diese Möglichkeit wurde ihr aber verweigert.

Gewährleistungspflicht beginnt neu

Ist denn die Gewährleistungszeit wirklich schon 2014 abgelaufen, obwohl die Kundin im Juni 2016 erneut eine neue Jacke erhielt? "Nein", sagt die Expertin der Verbraucherzentrale. "Nach der Rechtsauffassung einiger Urteile beginnt die Gewährleistung nach dem Austausch neu, wenn es sich um den gleichen Mangel handelt." Dass die Jacke bereits zweimal ausgetauscht worden sei, könne man zumal als Anerkenntnis des Mangels werten.

"Wir stellen fest, dass oft auf auch beim Händler Unkenntnis über die Mängelrechte herrscht." Eine Rechtsberatung könnte oft weiterhelfen. Für Susanne Kröger wird das schwer. Nicht aufgrund der Gewährleistungsfrist, sondern vor allem wegen der Beweislastumkehr.

Der Prokurist des Händlers wollte zu dem Streit keinen Kommentar abgeben. "Er will es auf eine Klage ankommen lassen", sagt Kröger.

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