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 Das Pinguin-Schnitzel im ältesten Restaurant von Nahariya stillte schon das Heimweh deutscher Auswanderer. - © Oppenheimer
 Das Pinguin-Schnitzel im ältesten Restaurant von Nahariya stillte schon das Heimweh deutscher Auswanderer. | © Oppenheimer

Bielefeld/Nahariya Alles andere als koscher: Nahriyas Leidenschaft für deutsche Schnitzel

Nachrichten aus Nahariya V: Mit dem Café Pinguin schufen die Oppenheimers 1940 einen kulinarischen Sehnsuchtsort für deutsche Auswanderer. Die Familie hat Wurzeln in Bielefeld. Vier Generationen später hat sich viel verändert in der Partnerstadt – doch deutsche Gerichte bleiben ein Renner

Christine Panhorst
19.06.2018 | Stand 20.06.2018, 14:54 Uhr

Nahariya. Die Sehnsucht nach der Kindheit, nach den vergangenen und damit ja irgendwie immer besseren Zeiten riecht in Nahariya nach heißem Frittieröl. Sie klingt wie das brutzelnde Zischen in der Küche und das Knirschen der Messer auf der Panade. Die hauchdünnen Schnitzel, die im Café Pinguin auf die Teller wandern, sind in der israelischen Partnerstadt eine feste Institution. Dennoch haben die Schnitzel in der einst deutschesten Stadt Israels – so wie die Stadt selbst – schon bessere Zeiten erlebt. So sieht es Ilan Oppenheimer, Seniorchef des Restaurants. „Das Geschäft läuft gut, aber es könnte noch besser sein." Was das Problem ist? „Wir sind nicht koscher." Die Schnitzel von Nahariya sind in Israel nicht nur ein Stück Nostalgie, sie sind ein politisches Statement. Der 70-jährige Gastronom macht sich viele Gedanken: Um seinen Sohn Amir, der die Geschäfte vor ein paar Jahren übernommen hat und der vielleicht glücklicher in der großen Stadt Tel Aviv wäre. Um das Schnitzelrestaurant, das seit vier Generationen von der Familie geführt wird und das einmal der Mittelpunkt von Nahriyas Nachtleben war. Und um Nahariya, die Schöne am Meer, seine Heimatstadt, die er inzwischen manchmal gerne hinter sich lassen würde. Das Café Pinguin hat immer geöffnet Viele Freunde wohnen inzwischen in Tel Aviv, dort sei alles liberaler. „Aber ich will hier sein, um Amir zu unterstützen. So ein Restaurant kann man nicht ganz alleine führen, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Man braucht Menschen im Hintergrund, auf die man sich verlassen kann." Amir Oppenheimer ist 35 und an diesem Abend ständig in Bewegung: Er eilt zwischen den Tischen hin und her, rügt einen Kellner, schüttelt Hände, klopft auf Schultern, wischt noch schnell über einen der voll besetzten Tische im Gastraum an der Hauptstraße Sderot Ha Ga’aton. Es ist Freitagabend. Vor dem Restaurant hat sich eine lange Schlange auf dem Bürgersteig gebildet. Frauen in Kleidern und mit hohen Absätzen, Männer in Hemd und Anzughosen, auch die Kinder sind herausgeputzt. Sie haben sich schick gemacht für den Abend des Schabbat, des jüdischen, wöchentlichen Feiertages. Der beginnt bereits mit dem Sonnenuntergang am Freitag und endet mit dem Eintritt der Dunkelheit am Samstagabend. Für das Pinguin und die Familie Oppenheimer ist es der wichtigste Tag. Der Laden brummt wie zu besten Pinguin-Zeiten. „Am Schabbat dürfen gläubige Juden nicht arbeiten, deshalb haben viele Restaurants in Nahariya geschlossen", erklärt Amir. Das Pinguin macht durch. „Wir sind nicht koscher, halten uns also nicht an die strengen Regeln der jüdischen Speisegesetze. Und wir sind in Nahariya bekannt dafür, dass wir nie zumachen. Auch nicht, wenn Krieg mit Libanon ist." Am Anfang stand das Scheitern Die israelische Staatsgeschichte ist jung. Familienanekdoten sind Pioniersgeschichten, sind Heldengeschichten aus Staatsgründungszeiten. Die Oppenheimers und das Pinguin sind auch ein Stück von Nahariyas früher Historie. Das Restaurant ist älter als der Staat Israel: Seit 1940 gibt es das Pinguin, die Staatsgründung folgte erst acht Jahre später. Am Anfang steht damals ein Scheitern. „Mein Vater hat 1937 nach der Flucht aus Deutschland mit Landwirtschaft angefangen, aber er hat es nicht hinbekommen." Ilan Oppenheimer lacht verschmitzt. Aus dem Scheitern des Vaters wird ein lohnendes Geschäft werden. Der Vater baut einen Kiosk und verkauft Eis. Auch der Großvater steigt mit ein. Das kleine Café soll so erfolgreich werden wie der berühmte Pinguin-Buchverlag, und weil es zum Eis passt, übernimmt man den Pinguin in Name und Logo. Die Gäste sind in Anfangszeiten deutsche Einwanderer, die die Heimat, aus der sie geflohen sind, noch in sich tragen. Das Pinguin wird zum gesellschaftlichen Mittelpunkt und Sehnsuchtsort. „Im Sommer spielte eine Kapelle zum Tanz auf", erinnert sich Rahel Maas. „Es fanden Ballettabende und Modenschauen statt, und im Garten gab es eine Schießbude." Da hatten die Oppenheimers schon ausgebaut und klassische österreichisch-deutsche Gerichte auf die Karte gesetzt – den Geschmack der fernen Kindheit. Für die 100-Jährige Rahel ist das Café ein zweites Zuhause Das ist lange her. Rahel, wie sie hier alle nennen dürfen, feiert in diesem Jahr einen runden Geburtstag, sie wird 100. Sie sitzt an einem Nachmittag nach dem Schabbat-Trubel an „ihrem Tisch" rechts neben der Tür und schaut, wer rein kommt. „Hier habe ich schon früher immer mit meinem Mann gesessen." Ihre Leibspeise ist die Gulaschsuppe. „Aber die meisten kommen wegen des Schnitzels." Das sei wirklich gut. Dazu gehöre im Pinguin Krautsalat. Der muss sein. Rahel lebt im Altenheim in Nahariya, viele sprechen dort Russisch, kaum noch jemand Deutsch. „Das Pinguin ist mein zweites Zuhause. Früher oder später kommt jeder mal hier rein, deshalb komme ich so gern hier her." Pinguin bleibt Pinguin – das sei ein festes Sprichwort zu Hause. „Und es ist ein besonderer Treffpunkt für Alt-Nahariya." Alt-Nahariya, das ist das Nahariya der deutschstämmigen Juden der ersten Siedler im noch jungen Staat: Sie sind wenig religiös, viele sprechen kein Hebräisch – koschere Speiseregeln spielen oft keine Rolle. Dieses Nahariya der sogenannten Jeckes gebe es nicht mehr, sagt Ilan Oppenheimer. Wer heute ein nicht-koscheres Restaurant führe, müsse Einbußen in Kauf nehmen. Das ärgert ihn. „Koscher ist nicht nur Teil der Religion, es ist ein Business, das wirtschaftlich große Auswirkungen hat." Schnitzel ohne Schweinefleisch Die Reinheitsregeln der koscheren Küche verlangen unter anderem getrennte Kühlschränke für Fleisch- und Milchprodukte, getrenntes Geschirr, sogar getrennte Küchen. Das ist teuer, aufwendig und mit der Speisekarte im Pinguin nicht vereinbar. „In unserer Bratwurst sind Käse, Lamm- und Rindfleisch." Also Fleisch- und Milchprodukte. „Wenn das jemand bestellt, weisen wir immer extra darauf hin." Die Schnitzel sind dennoch keine Schweineschnitzel. „Wenn wir Schweinefleisch anbieten würden, würden viele Gäste auch nicht mehr für einen Kaffee kommen", sagt Geschäftsführer Amir Oppenheimer. Schweinefleisch sei ein Politikum in Israel. Deshalb verbirgt sich unter der Panade Truthahnfleisch. „Schön dünn geklopft." Die Pinguin-Schnitzel sind das Produkt einer internationalen Zusammenarbeit: Amir selbst ist Israeli mit deutschen Wurzeln, das Gericht ur-wienerisch, der Koch ein Araber, die Bedienung russisch. Doch könnten manche der Bedienungen zu Hause nicht erzählen, dass sie am Schabbat arbeiten, erzählt der Juniorchef. In Sachen Herkunft ist man in Israel tolerant, bei der Religion wird’s schwierig. Die Schnitzel sind für viele Nahariyaner Kindheitserinnerung und noch immer das beliebteste Gericht im Pinguin. Und noch gilt für viele hier: Kult vor koscher.

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