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Obdachlos: Nadine Theismann mit ihrer Hündin Loona vor dem ausgebrannten Wohnhaus (hinten) am Hartlager Weg. - © Andreas Zobe
Obdachlos: Nadine Theismann mit ihrer Hündin Loona vor dem ausgebrannten Wohnhaus (hinten) am Hartlager Weg. | © Andreas Zobe

Bielefeld Obdachlos mit Hund - nach Brand: Diese Bielefelderin findet einfach keine Wohnung

32 Menschen sind nach einem Dachstuhlbrand ohne Bleibe. Die Stadt kann sehr schnell einige Notschlafplätze vermitteln. Nur Nadine Theismann darf mit Hündin Loona nicht mit

Jens Reichenbach
03.06.2018 | Stand 04.06.2018, 14:08 Uhr

Bielefeld. Der große Dachstuhlbrand am Hartlager Weg konnte am Pfingstmontag zwar von der Feuerwehr gelöscht werden. Doch seitdem sind die 32 Bewohner obdachlos. Das Sozialamt griff den meisten Betroffenen unter die Arme und vermittelte Notschlafplätze. Nur für Nadine Theismann war eine Unterbringung nicht möglich - weil sie Hündin Loona nicht allein lassen wollte. Die 37-Jährige stand unter Schock, als sie bei einem Bekannten in Cuxhaven am Telefon vom Feuer in ihrem Haus erfuhr. Sofort eilte sie zurück nach Bielefeld, um vor Ort zu erfahren, dass sie bis auf Weiteres nicht mehr in ihre 35-Quadratmeter-Wohnung zurückkehren könne: Einsturzgefahr. Fast alle Möbel sind zerstört oder unbrauchbar. Und wo sollte sie die nächste Nacht verbringen? "Man bot mir ein Notbett an. Aber nur ohne Loona. Ich fühlte mich als Opfer zweiter Klasse." Die zweijährige Border Collie-Schäferhund-Mischung ist für Nadine Theismann in diesem Schockmoment der einzige Halt. "Ohne sie wäre ich in meinem Zustand nirgendwohin gegangen." Die aufgeweckte Hündin vorübergehend ins Tierheim oder in eine Tierpension zu bringen, war für sie undenkbar. Schließlich nahm eine Freundin das obdachlose Duo für eine Nacht in ihrem Wohnzimmer auf. Reparatur nicht vor 2019 abgeschlossen Am nächsten Tag wurde aber klar, dass eine Rückkehr in die Wohnung längst noch nicht zu erwarten war. Den 32 Mietern wurde mitgeteilt, dass Reparatur und Sanierung nicht vor 2019 abgeschlossen sein dürften. "Bei mir kam echte Existenzangst auf, ich dachte an Obdachlosigkeit und Jobverlust." Die 37-Jährige musste sich krankschreiben lassen. Ihr Arbeitgeber zeigte großes Verständnis. Die Stadt konnte aber immer noch nicht weiterhelfen: "Mit Hund hatte ich keine Chance", sagt Theismann. "Das hat mich total wütend gemacht." Die Stadt habe überhaupt nicht versucht, eine Lösung zu finden: "Die haben mir vorgeschlagen, meine Familie aufzusuchen. Ich bin im Heim aufgewachsen, habe zu niemand Kontakt." Nach Angaben von Sozialamtsleiterin Susanne Schulz hatte die 37-Jährige auch Pech: "Sie hatte den Brandort als Letzte erreicht: Da war unser Bereitschaftsdienst, der viereinhalb Stunden vor Ort war, gerade weg. Wir können nur die Plätze anbieten, die wir haben." Schulz erklärt: Das Sozialamt halte für solche Fälle Notschlafplätze für zwölf Personen vor. Doch am Pfingstmontag wurden gleich 32 Personen auf einmal obdachlos. Der Mitarbeiter sei deshalb sofort zum Hartlager Weg geeilt, um mit allen Betroffenen zu sprechen. An jenem Feiertag stand er vor einer großen logistischen Herausforderung: "Priorität bei der Vermittlung von Notschlafplätzen haben immer die Familien", erklärt die Leiterin des Sozialamts. An der Heckstraße standen zum Glück zwei voll eingerichtete Wohnungen für die zwei betroffenen Familien bereit. Für vier kinderlose Erwachsene konnte ein Container der ehemaligen Flüchtlingsunterkunft an der Ernst-Rein-Straße genutzt werden. "Sechs Personen haben wir in einer zufällig frei gewordenen Wohnung in Jöllenbeck untergebracht und eine Gruppe in zwei Wohnungen in Sennestadt", so Schulz. "Die übrigen konnten bei Freunden und Verwandten etwas organisieren." Hygiene-Vorschriften müssen eingehalten werden Den Ärger der 37-jährigen Tierbesitzerin, die mit Loona nicht in den Container einziehen durfte, könne Schulz verstehen: "Aber Hunde dürfen grundsätzlich nicht in unsere Einrichtungen. Das passiert nicht, weil wir nicht tierlieb sind, sondern weil wir Hygiene-Vorschriften einhalten müssen." In der sogenannten Nachbearbeitung ist es dem Sozialamt inzwischen gelungen, eine dauerhafte Lösung für eine Familie mit Kind zu finden. Für die Personen aus der Ernst-Rein-Straße deutet sich eine weitere Lösung an. "Das ist ein großer Erfolg", sagt Schulz. Alle anderen sind noch in den Notwohnungen." Theismann hat über Kontakte inzwischen ein kleines Dachkämmerchen ohne Küche gefunden, in der auch Hündin Loona bleiben darf. "Da hatte ich großes Glück. Trotzdem suche ich dringend eine Zwei-Zimmer-Wohnung - am liebsten mit Garten oder Balkon. Denn das einzige, was ich retten konnte, sind meine Gartenmöbel." Die Brandursache am Hartlager Weg war laut Kripo ein technischer Defekt an der Photovoltaikanlage auf dem Dach. Schaden: 100.000 Euro.

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